Felix Landau
Beiträge
Context XXI, Heft 4-5/2004

Die drei Musketiere in der toten Klasse

Gombrowicz, Schulz, Witkacy, Kantor
Juni
2004

In der Traumaforschung gibt es den Begriff Men-made-desaster, er bezeichnet eine durch Menschenhand, bzw. durch vieler Menschen Hand produzierte Katastrophe unter der wiederum (meist andere) Menschen zu leiden, zu sterben haben. Wenn mensch die Shoah als ein durch Menschen verursachtes Desaster (...)

Felix Richard Landau (* 21. Mai 1910 in Wien; † 20. April 1983, (beerdigt auf Hernalser Friedhof)) war ein österreichischer SS-Hauptscharführer und als Mitglied eines SS-Einsatzkommandos an der Ermordung der Juden in Galizien beteiligt. Sein Tagebuch gilt als einzigartiges Zeugnis eines NS-Verbrechers über seine Beteiligung am Holocaust. Zeitweilig beschützte er den Künstler Bruno Schulz.

Herkunft und Werdegang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als außereheliches Kind des Paul Stipkowich und der Maria Maier geboren, erhielt Felix Richard Landau, nachdem seine Mutter im Jahre 1911 den in Wien lebenden Privatmann Jakob Landau heiratete, den Nachnamen seines jüdischen Stiefvaters. Bereits 1925 trat er der Hitlerjugend bei und wurde wegen aktiver Mitgliederanwerbung von einem katholischen Lehrlingsinternat verwiesen. Er machte eine Ausbildung zum Möbeltischler.[1] Im März 1930 trat er dem Bundesheer bei, aus dem er im Juni 1933 jedoch wieder ausgeschlossen wurde, weil er seit März 1931 aktives Mitglied der NSDAP (Mitgliedsnummer 442.571) war. 1934 nahm er an der Ermordung des Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß („Juliputsch“ der österreichischen Nationalsozialisten) teil und kam dafür bis 1937 ins Gefängnis. Nach seiner Flucht vor einer weiteren Verhaftung wegen erneuter NS-Aktivitäten ins Deutsche Reich wurde er für seine Beteiligung mit dem Blutorden ausgezeichnet. Nach dem „Anschluss“ ging er nach Österreich zurück und war als Beamter der Gestapo in der Tschechoslowakei und ab Ende 1939 in Polen beim KdS in Radom tätig. Dort traf er die Schreibkraft Gertrude, die er später heiratete.

Tätigkeit beim SS-Einsatzkommando[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 meldete er sich freiwillig zum SS-Einsatzkommando, das auf Befehl von SS-Oberführer Karl Eberhard Schöngarth in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli in Lemberg 22 Professoren mit ihren Familien verhaftete, unter Leitung von Walter Kutschmann den Lemberger Professorenmord ausführte und im Gebiet von Drohobycz tausende Juden bestialisch ermordete. Bis Mai 1943 war er für die Organisation von „Judenarbeit“ verantwortlich. Ab Juli 1941 führte er ein Tagebuch, in dem er seine eigenen Gräueltaten im Holocaust detailliert dokumentierte, eingestreut darin Liebesbriefe an seine Geliebte. Das Tagebuch wurde „in erster Linie für eine spätere Vorlage an die Geliebte Gertrude S.[2] geschrieben“ und sollte „Aufschluss über mehr oder weniger rühmliche Tätigkeiten des Angeklagten während seiner räumlichen Trennung von der Geliebten geben“, so urteilte das Schwurgericht Stuttgart 1962.[3] Eine Abschrift des Tagebuches befindet sich im Bundesarchiv, Bestand B 162 (Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen in Ludwigsburg), Nr. 21164, und im Staatsarchiv Ludwigsburg (Signatur EL 317 III Bü 1089). 1963 wurde es im Auftrag der Stadt Ramat Gan (Israel) von Tuviah Friedman unter dem Titel „Tagebuch des SS-Hauptscharführers F. Landau über seine Tätigkeit in Drohobycz, 1941 - 44“ erstmals im deutschen Original und in hebräischer Übersetzung publiziert.[4]

Im Tagebucheintrag vom 22. Juli 1941 in Drohobycz schrieb Landau:

„Morgens kamen nicht meine bestellten Arbeiter. Als ich nebenan zum Judenkommittee gehen wollte, kam gerade ein Mitarbeiter von diesem und ersuchte mich um Unterstützung, da sich die Juden weigerten, hier zu arbeiten. Ich ging hinüber. Als diese Arschlöcher mich sahen, rannten alle nach allen Himmelsrichtungen auseinander. Schade, ich hatte keine Pistole bei mir, sonst hätte ich einige über den Haufen geschossen. Ich ging nun zum Judenrat und eröffnete ihm, daß, wenn nicht in einer Stunde 100 Juden antreten, dann würde ich mir 100 Juden aussuchen, aber nicht zur Arbeit, sondern zum Erschießen. Kaum 30 Minuten später kamen 100 Juden an und außerdem noch 17 Mann für diejenigen, die erst geflüchtet waren. Ich meldete den Vorfall und verlangte gleichzeitig, daß man die geflüchteten als Arbeitsverweigerer erschießen müsse, das geschah auch genau 12 Stunden später. 20 Juden wurden umgelegt.[5]

Im Eintrag vom 2. August 1941 heißt es weiter:

Seitdem ich ihm [dem Ältestenrat] die 20 Juden wegen Arbeitsverweigerung wegschießen ließ, klappt der Laden.“[6]

Dieser Mord war Gegenstand des Stuttgarter Verfahrens gegen Felix Landau.

Ende 1941 lebte Landau bereits zusammen mit Gertrude in einer fürstlichen Villa und heiratete sie 1943 (wieder geschieden 1946), nachdem im Jahr zuvor seine erste Ehe geschieden wurde. 1943 kehrte er nach Wien zurück und tat im Referat „Vergehen gegen das Heimtückegesetz“ bei der Gestapoleitstelle Wien Dienst.

Sein Bezug zu Bruno Schulz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Landau schätzte den Künstler Bruno Schulz, schützte ihn und versorgte ihn mit zusätzlichem Essen (zumindest für eine Zeit lang). Als Gegenzug verlangte er von ihm, Wandgemälde über Märchen der Brüder Grimm im Kinderzimmer seines Sohnes zu malen. Im November 1942 tötete Landau den Leibzahnarzt seines Kollegen Karl Günther. Als Rache erschoss Günther den Juden Schulz und sagte: „Du tötetest meinen Juden – ich tötete deinen.“

Nach dem Krieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Kriegsende wurde Landau 1946 in Linz von einem ehemaligen Arbeiter wiedererkannt und von den Amerikanern inhaftiert. Im August 1947 gelang es ihm jedoch aus dem Internierungslager Camp Marcus W. Orr zu fliehen.[7] Ab 1950 fasste er in Nördlingen unter dem falschen Namen Rudolf Jaschke als Innenarchitekt festen Fuß. Um eine neue Ehe eingehen zu können, teilte er Anfang 1958 der Kriminalpolizei in Stuttgart seine richtige Personalien mit. Daraufhin wurde von der Staatsanwaltschaft Stuttgart ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und Landau wurde am 15. August 1958 In Untersuchungshaft genommen. Am 16. März 1962 wurde er vom Landgericht Stuttgart zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Revision in der Strafsache vor dem Bundesgerichtshof wurde mit Beschluss vom 11. Juni 1963 als unbegründet zurückgewiesen. 1973 wurde er begnadigt.[8]

Aussagen zu seiner Persönlichkeit aus dem Stuttgarter Strafverfahren[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Im Zusammenhang mit der Ermordung der 20 Juden: „Der Angeklagte wollte bei seinem ganzen Handeln nicht eine fremde Tat fördern, sondern eigene Interessen, nämlich die Herausstellung seiner persönlichen Macht und die maßlose Einschüchterung der jüdischen Arbeiter verfolgen und erreichen.“[9]
  • „Der Zeuge B. hat glaubhaft ausgesagt, daß der Angeklagte für die jüdische Bevölkerung ein Schrecken der Stadt gewesen war, und zwar in besonderem Maße, bis er reichlich von Luxus umgeben und gesättigt war. Die Zeugen, G., M., B. und Z. haben übereinstimmend glaubhaft ausgesagt, daß der Angeklagte aus nichtigen Gründen jüdische Arbeiter brutal niederschlug und mit den Stiefeln trat. Dies schloß nicht aus, daß der Angeklagte mit solchen Juden menschlichen Kontakt nahm, von denen er persönliche Vorteile empfing. […] Tagebucheintrag vom 22. Juli 1941. Er schrieb hier über die Vernehmung eines Ukrainers:

‚In einem Zimmer bekam er zur Einleitung von mir eine kleine Sonderbehandlung! Nach dem ersten Schlag spritzte bereits das Blut. Erst versuchte er es mit dem Leugnen, nach dem 4. Schlag gab er das jedoch auf.‘“[10]

  • „Der Zeuge hat weiter glaubhaft ausgesagt, daß der Angeklagte allgemein sehr überheblich und geltungssüchtig war.“[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Walter Kempowski: Das Echolot. Barbarossa '41. Ein kollektives Tagebuch. btb Verlag, 4. Auflage, 2004. Die Einträge sind augenscheinlich Tagebuchaufzeichnungen und / oder Briefe an einen unbekannten Adressaten (u. a. S. 243–245).
  • Thomas Sandkühler: Endlösung in Galizien. Der Judenmord in Ostpolen und die Rettungsinitiativen von Berthold Beitz 1941-1944. Dietz Nachfolger, Bonn 1996, ISBN 3-8012-5022-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ernst Klee, Willi Dreßen, Volker Rieß: „Once again I’ve got to play general to the jews.“ From the war diary of Blutordensträger Felix Landau. In: Omer Bartov (Hg.): The Holocaust. Origins, Implementation, Aftermath. Routledge, London 2000. ISBN 0-415-15035-3. S. 185–203. Darin die biographische Notiz S. 202–203.
  2. Landaus Freundin Gertrude arbeitet als Schreibkraft beim Kommandeur der Sicherheitspolizei in Radom, wo sie sich 1940 kennen lernten (vgl. Bert Hoppe, Hildrun Glass (Bearbeiter): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Bd. 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten. Teil 1: Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. Oldenbourg Verlag, München 2011. ISBN 978-3-486-58911-5. S. 156, Fn. 5.).
  3. Christiaan F. Rüter [Bearb.]: Justiz und NS-Verbrechen, Amsterdam 1978, ISBN 3-598-23790-1, Bd. 18: Die vom 21.11.1961 bis zum 10.01.1963 ergangenen Strafurteile, Verfahren Lfd.Nr.531, S. 32/22.
  4. Spätere Publikationen (in Auszügen) u. a. in:
    • Ernst Klee, Willi Dressen, Volker Rieß (Hg.): „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1988. ISBN 3-10-039304-X, S. 88–104
    • Bert Hoppe, Hildrun Glass (Bearbeiter): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Bd. 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten. Teil 1: Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. Oldenbourg Verlag, München 2011. ISBN 978-3-486-58911-5. S. 155–157 und 161.
  5. Ernst Klee, Willi Dressen, Volker Rieß (Hg.): „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-10-039304-X, S. 99.
  6. Ernst Klee, Willi Dressen, Volker Rieß (Hg.): „Schöne Zeiten“. Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-10-039304-X, S. 103.
  7. Nach Kriegsende 1945 errichteten die Amerikaner in Salzburg ein Internierungslager für ehemalige Funktionäre des NS-Regimes. Im sog. "Lager Glasenbach" wurden alle österreichischen Mitarbeiter der Gestapo und der Geheimen Feldpolizei, alle Angehörigen von SS-Totenkopfverbänden, Angehörige der Allgemeinen SS und der Waffen-SS vom Unterscharführer aufwärts, Funktionäre der Partei und der ihr angegliederten Organisationen vom Ortsgruppenleiter bzw. einer vergleichbaren Position aufwärts, Generalstabsoffiziere der Wehrmacht, Spitzenbeamte vom Ministerialrat bzw. Regierungspräsidenten aufwärts, Gauhauptleute (leitende Beamte der Reichsgaue), Landräte (= Bezirkshauptleute) und Bürgermeister eingewiesen. Das Lager wurde 1947 wieder aufgelöst und die Haft blieb für die rund 20.000 Insassen größtenteils ohne weiteren Konsequenzen. Ehemalige Insassen gründeten später einen rechtsgerichteten Verband, der über den Verband der Unabhängigen und der späteren Freiheitliche Partei Österreichs erheblichen Einfluss auf die Politik in Österreich ausübte.
  8. Bert Hoppe, Hildrun Glass (Bearbeiter): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945. Bd. 7: Sowjetunion mit annektierten Gebieten. Teil 1: Besetzte sowjetische Gebiete unter deutscher Militärverwaltung, Baltikum und Transnistrien. Oldenbourg Verlag, München 2011. ISBN 978-3-486-58911-5. S. 155.
  9. Christiaan F. Rüter [Bearb.]: Justiz und NS-Verbrechen, Amsterdam 1978, ISBN 3-598-23790-1, Bd. 18, S. 12.
  10. Christiaan F. Rüter [Bearb.]: Justiz und NS-Verbrechen, Amsterdam 1978, ISBN 3-598-23790-1, Bd. 18, S. 18.
  11. Christiaan F. Rüter [Bearb.]: Justiz und NS-Verbrechen, Amsterdam 1978, ISBN 3-598-23790-1, Bd. 18, S. 21.