Subcomandante Marcos
Beiträge
Context XXI, ZOOM 1/1999

Ein anderer Weg zur Auslöschung

Die Kolumbianisierung des Chiapas-Kopflikts
Januar
1999

Entgegen dem, was die offizielle Propaganda verkündet, führt die militärische Belagerung zum Zwecke der Aufstandsbekämpfung durch die Regierung von Ernesto Zedillo im Bundesstaat Chiapas zu einer militärischen Lösung des Konflikts, der den mexikanischen Staat bereits seit mehr als vier Jahren mit der (...)

Context XXI, Heft 2-3/2003

Der David der lateinamerikanischen Legende

Antiamerikanismus in Lateinamerika
Mai
2003

Buenos Aires am 24. März 2003: Auf der Plaza de Mayo gedenken Menschen der Opfer der argentinischen Militärdiktatur. Am Vortag vor 27 Jahren hatten sich hohe Armeeangehörige an die Regierung des Staates geputscht. Mit Unterstützung der US-amerikanischen Regierung begann eine Zeit der brutalen (...)

Context XXI, Heft 8/2003 — 1/2004

Fallstricke des Antikapitalismus

Anmerkungen zur Globalisierungskritik
Dezember
2003

Die Nähe zwischen rechten und linken No-Globals ist kein Zufall, sondern hat inhaltliche Gründe. Eine Wiederholung von Grundsätzlichem. Nicht erst seit dem Austrian Social Forum (ASF) in Hallein, an welchem ursprünglich der rechte Seelentröster Franz Alt hätte teilnehmen sollen, sehen sich linke (...)

Grundrisse, Nummer 51

Geschichtsphilosophie und soziale Bewegungen

September
2014

In den 1960ern erreichte der Prozess der Entkolonialisierung sein Ende, bis auf Ausnahmen erreichte ein großer Teil der Staaten des globalen Südens die formale Unabhängigkeit. Durch die Existenz der Sowjetunion war es in einem Teil der Staaten möglich, eine vom Westen unabhängige Politik zu machen. (...)

Subcomandante Marcos reitend und Pfeife rauchend

Subcomandante Marcos wurde als politische Kunstfigur erschaffen und „erblickte“ mit dem zapatistischen Aufstand in San Cristobal de las Casas (Chiapas/Mexico) das Licht der Welt. Er bezeichnete sich selbst als Sprecher der EZLN (Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung).

Marcos in der EZLN[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitgleich mit dem Inkrafttreten des Freihandelsabkommens zwischen den USA, Mexiko und Kanada (NAFTA) am 1. Januar 1994 nahmen indigene Guerilleros der EZLN mit Waffengewalt fünf Bezirkshauptstädte im mexikanischen Bundesland Chiapas ein. Bei einem Interview auf dem von hunderten bewaffneten Maya besetzten Rathausplatz des Touristenstädtchens San Cristóbal de las Casas ging der maskierte Subcomandante Insurgente Marcos mit einem Forderungskatalog nach elementaren Grundrechten für die indigene Bevölkerung erstmals an die Öffentlichkeit. Seine Maskierung mit der schwarzen wollenen Skimütze, die Tabakspfeife, und das Geheimnis um seine bürgerliche Biographie prägte für die folgenden zwanzig Jahre das Bild von den Zapatisten. Nach zehntägigen blutigen Auseinandersetzungen mit der mexikanischen Armee, die unter Vermittlung von Zivilgesellschaft und Kirche beendet wurden, zogen sich die Aufständischen in Berg- und Dschungelregionen im Osten von Chiapas zurück, wo sie in der Folgezeit eine De-facto-Autonomie errichteten.[1]

Teil der Aussendarstellung der Zapatisten war die Aussage, es gehe ihnen nicht um die politische Macht in Mexiko. Tatsächlich wurden die Zapatisten ein Katalysator für soziale Bewegungen auf der ganzen Welt. Ein Zitat von Marcos bringt das subtil auf den Punkt: „Es ist nicht nötig, die Welt zu erobern. Es genügt, sie neu zu schaffen.“[2]

Subcomandante Marcos (links) mit Comandante Tacho in Chiapas (1999)

Bis zu seinem öffentlichen Abschied im Mai 2014 meldete sich der Subcomandante in unregelmäßigen Abständen mit Communiqués, Artikeln und Briefen. Darin bezog er sich nicht nur auf Werke der Weltliteratur, sondern bediente sich – mit viel Humor und gelegentlich auch Ironie – selbst literarischer Instrumente um die zumeist politischen Inhalte seiner internationalen Leserschaft nahezubringen. In den oft mit Lyrik durchsetzten Texten verband Marcos die Forderung der indigenen Völker auf ihr angestammtes Land und ihre kulturelle Eigenständigkeit mit der radikalen Kritik an der neoliberalen Globalisierung. Seit ihrem Aufstand 1994 haben die Zapatisten regelmäßig Zusammentreffen mit der Zivilgesellschaft in denen von ihnen kontrollierten Gebieten organisiert, darunter das „Intergalaktische Treffen gegen den Neoliberalismus“ im Sommer 1996.

Marcos drückte immer wieder seine Solidarität mit anderen Protestbewegungen weltweit aus. Als er zum Beispiel einmal für einen Vortrag 500 US-Dollar erhielt, soll er diese den zur gleichen Zeit streikenden Fabrikarbeitern in Italien gespendet haben, um die Phrase „Euer Kampf ist auch unser Kampf“ zu unterstreichen.

Seine Bezeichnung Subcomandante leitet er selbst davon ab, dass er seine „Befehle“ von der Generalkommandantur („CCRI-CG – Geheimes revolutionäres indigenes Komitee“) erhält, die aus gewählten Vertreterinnen und Vertretern der Dorfgemeinschaften besteht.

Als bei den Präsidentschaftswahlen 2000 die bürgerlich-konservative Partei der Nationalen Aktion (PAN) die 71-jährige Alleinherrschaft der Partei der Institutionalisierten Revolution (PRI) brach, reagierte Marcos auf das Gesprächsangebot des neuen Präsidenten Vicente Fox nicht mit einem persönlichen Treffen mit diesem, sondern mit einer breit angelegten Kampagne für die Aufnahme von zuvor in mehrjährigen Verhandlungen beschlossenen Rechten für die indigene Bevölkerung in die Mexikanische Verfassung. Gefolgt von einem Buskonvoi aus Delegationen der indigenen Völker Mexikos sowie der internationalen Zivilgesellschaft fuhr Marcos im Frühjahr 2001 mit 20 Mitgliedern des CCRI-CG aus Chiapas nach Mexiko-Stadt. Dabei folgte der Konvoi der Route des Feldzugs von Emiliano Zapata während der Mexikanischen Revolution im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.[1]

Im Mai 2014 gab Subcomandante Marcos seine Führungsrolle der EZLN ab: „Ich erkläre, dass derjenige, der als Subcomandante Marcos bekannt ist, nicht mehr existiert.“[3] Gerüchte, dass dies mit seinem Gesundheitszustand zusammenhänge, wies er zurück.

Die Identität Marcos’[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach mexikanischen Geheimdienstangaben handelt es sich bei Subcomandante Marcos um den 1957 geborenen Rafael Sebastián Guillén, einen Mestizen aus einer bürgerlichen Familie aus Tampico (Bundesstaat Tamaulipas). Vor seinem Untertauchen in den 1970er-Jahren sei er Dozent an der Universidad Nacional Autónoma de México (UNAM) gewesen. Beeinflusst von den Ideen Mao Zedongs, Louis Althussers, Fidel Castros und Che Guevaras, sei er der in Mexiko-Stadt basierten Guerilla-Bewegung FLN beigetreten.

Manuel Vázquez Montalbán beruft sich mit seiner Vermutung, Marcos habe in Kuba eine Guerilla-Ausbildung erhalten, auf den kubanischen Nachrichtendienstler Manuel Piñeiro.[4]

Nach seiner wahren Identität befragt, antwortete der Subcomandante einmal:

Auf die Frage nach seinem Alter sagte er mit Bezug auf die Ankunft von Christoph Kolumbus in Amerika und dem seither existierenden Widerstand gegen die Kolonialisierung: „Ich bin 518“.[5] Im Mai 2014 erklärte Subcomandante Marcos das Ende seiner Identität als Ebendieser:

„Es ist unsere Überzeugung und unsere Praxis, dass man für Rebellion und Kampf keine charismatischen Anführer oder Chefs braucht, keinen Messias und keinen Erlöser; um zu kämpfen braucht man nur ein bisschen Anstand, etwas Würde und viel Organisation – und sonst: Entweder man trägt zum Kollektiv bei oder man taugt nichts.“[6]

In der Abschiedsmitteilung vom 24. Mai 2014 wurde die „Geburt“ von Marcos folgendermaßen erklärt:

„Während des Morgengrauens am 1. Januar 1994 kam eine Armee von Giganten – nämlich indigene Rebellen – hinunter in die Städte, um mit ihrem Schritt die Welt aufzurütteln. Bereits nach einigen Tagen, noch mit dem frischen Blut unserer Gefallenen auf den Straßen der Städte, überlegten wir, wie wir uns der Außenwelt sichtbar machen könnten. Die anderen waren gewohnt, die Indigenas von oben herab anzuschauen, sie konnten nicht den Blick nach oben wenden um uns zu sehen. Sie waren gewohnt uns als erniedrigte Menschen zu sehen, ihre Herzen konnten nicht unsere würdevolle Rebellion verstehen. Ihre Blicke wurden von dem einzigen Mestizen mit Sturmhaube gefangen genommen, aber nur, weil sie ihn nicht wirklich sahen. Unsere AnführerInnen sagten dann: ‚Sie können nur diejenigen sehen, die genauso klein wie sie sind. Dann machen wir jemanden, der so klein ist, wie sie, so dass sie ihn sehen können und durch ihn uns sehen können.‘ So fing eine komplexe Ablenkungsstrategie an, eine schreckliche und wunderschöne Zauberei, ein bissiges Versteckspiel des indigenen Herzens, das wir sind. Die indigene Weisheit fordert die moderne Welt an einer ihrer stärksten Säulen heraus: den Massenmedien. So fing der Aufbau der Figur an, die Marcos genannt wurde.[6]

Nach dem tödlichen Anschlag am 3. Mai 2014 von der Gruppe CIOAC (Central Independiente de Obreros Agrícolas y Campesinos) in der Gemeinde La Realidad hat die EZLN die Entscheidung getroffen, die Figur von Marcos sterben zu lassen, um den bei dem Anschlag ermordeten José Luis Solís Lopez (genannt: Galeano)[7] weiterleben zu lassen.

„Wir denken, dass es notwendig ist, dass jemand von uns stirbt, so dass Galeano weiterleben kann. Und um den aufdringlichen Tod zufrieden zu stellen, muss man ihm an Galeanos Stelle einen anderen Namen vorsetzen, so dass dieser leben kann und der Tod nicht ein Leben stiehlt, sondern nur einen Namen, Buchstaben von Bedeutung entleert, ohne Geschichte, ohne eigenes Leben. So haben wir uns entschieden, dass Marcos ab heute nicht mehr existieren darf.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Niels Barmeyer: Developing Zapatista Autonomy. Conflict and NGO Involvement in Rebel Territory. University of New Mexico Press, Albuquerque 2009, ISBN 978-0-8263-4584-4 (englisch).
  • Marcos, Laura Castellanos, Marcos: Kassensturz. erw. durch die Sechste Erklärung des EZLN aus dem lakandonischen Urwald, 1. Auflage. Ed. Nautilus, Hamburg 2009, ISBN 978-3-89401-590-9.
  • Marta Duran de Huerta: Yo Marcos. Gespräche über die zapatistische Bewegung. ISBN 3-89401-380-X.
  • Reinhard Krüger (Hrsg.): México insurgente. Los Zapatistas y La marcha por la dignidad indígena 24 febrero – 11 marzo 2001 (= ROMANICE. 2). Weidler-Verlag, 2001, ISBN 3-89693-702-2.
  • Reinhard Krüger (Hrsg.): Los Zapatistas y La marcha por la dignidad indígena (vol. II). Los discursos en el Congreso y el regreso a Chiapas (= ROMANICE. 7), Weidler-Verlag, 2001, ISBN 3-89693-707-3.
  • Reinhard Krüger (Hrsg.): Aufständisches Mexiko. Die Zapatisten und der Marsch für die Würde der Indios. 24. Februar – 11. März 2001 (= ROMANICE. 12). Ausgewählt und übersetzt von Christiane Bauer. Weidler-Verlag, 2002, ISBN 3-89693-712-X.
  • Subcomandante Insurgente Marcos: Botschaften aus dem Lakandonischen Urwald. Über den zapatistischen Aufstand in Mexiko. Edition Nautilus, Hamburg 2005, ISBN 3-89401-259-5.
  • Subcomandante Marcos: Geschichten vom alten Antonio. Verlag Assoziation A, Berlin 2007, ISBN 978-3-935936-50-7.
  • Subcomandante Insurgente Marcos: Our Word is Our Weapon. Seven Stories Press, ISBN 1-58322-472-6.
  • Manuel Vázquez Montalbán: Marcos Herr der Spiegel. Verlag Klaus Wagenbach, ISBN 3-8031-3606-7.
  • Subcomandante Marcos, Paco Ignacio Taibo II: Unbequeme Tote. Roman, Vierhändig. Verlag Assoziation A, Berlin ISBN 3-935936-39-7.
  • Ignacio Ramonet: Marcos. La dignité rebelle. Conversations avec le sous-commandant Marcos. Galilée, Paris 2001, ISBN 2-7186-0565-0.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Subcomandante Marcos – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Niels Barmeyer: Developing Zapatista Autonomy. Conflict and NGO Involvement in Rebel Territory. University of New Mexico Press, Albuquerque 2009, ISBN 978-0-8263-4584-4 (englisch).
  2. Marcos: Botschaften aus dem Lakandonischen Urwald. 2005.
  3. bbc.com
  4. Manuel Vázquez Montalbán: Marcos, Herr der Spiegel (= Wagenbachs Taschenbuch. Nr. 422). Wagenbach, Berlin 2001, ISBN 3-8031-2422-0, S. 67 f.
  5. García Márquez, Roberto Pombo: Subcomandante Marcos. The Punch Card and the Hourglass. In: New Left Review. Nr. 9 (Mai–Juni), 2001 (newleftreview.org – Interview mit Subcomandante Marcos, ursprünglich erschienen in Revista Cambio. Bogotá 26. März 2001). newleftreview.org (Memento des Originals vom 27. Januar 2009 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.newleftreview.org
  6. a b enlacezapatista.ezln.org.mx
  7. a b jornada.unam.mx
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