Grundrisse, Nummer 49
März
2014
Lou Marin (Hrsg.):

Albert Camus — Libertäre Schriften (1948–1960)

Hamburg: Laika Verlag 2013, 384 Seiten, Euro 24,90

Es war abzusehen: Albert Camus’ Geburtstag jährt sich zum 100. Mal und die Feuilletons lassen sich das nicht zweimal sagen. Bei einem Schriftsteller und Philosophen wie Camus ist dies prinzipiell auch zu begrüßen. Was jedoch damit einhergeht, ist eine teils hart geführte Debatte über die „richtige“ Interpretation seiner Werke bzw. wie Camus politisch einzuordnen ist. Von rechts-konservativen Neoliberalen wie Nicolas Sarkozy bis hin zu Linksradikalen und AnarchistInnen beziehen sich viele – quer durch die Bank – immer wieder positiv auf Camus, wenn es um letztere Frage geht. Um den libertären Camus ist seit jeher der in Frankreich lebende Publizist Lou Marin bemüht, der in der Camus-Debatte anlässlich des 100. Geburtstages in Frankreich und Deutschland (glücklicherweise) gehörig mitmischt. Marin porträtiert diesen libertären Camus eindrücklich in diesem aus dem Französischen übersetzten Sammelband, in dem viele jener Artikel versammelt sind, die Camus zwischen 1948 und 1960 in anarchistischen Zeitschriften veröffentlicht hat. Der Titel „Albert Camus – Libertäre Schriften“ ist jedoch nur eine unvollständige Beschreibung dessen, was im Buch versammelt ist, denn es sind nicht nur tatsächlich von Camus selbst verfasste Beiträge in dem Sammelband, sondern auch viele Artikel anderer AutorInnen, die sich mit Camus in unterschiedlichen Belangen auseinandersetzen.

Camus, Bakunin und der Anarchismus

Dabei inkludierte Herausgeber Marin aber nicht nur wie auch immer geartete „Lobeshymnen“ der anarchistischen Szene auf Camus, sondern auch Beiträge, die mit Camus aus anarchistischer Perspektive hart ins Gericht gehen. Und das ist auch gut so, beweist es letztendlich ja nur, dass selbst Camus mit seinem damals schon sehr hohen Bekanntheitsgrad nicht als „Idol“ begriffen wurde, dem andere „No-Name-AnarchistInnen“ schlicht nacheiferten oder als Trophäe hoch hielten, sondern dass er in der anarchistischen Bewegung völlig egalitär und auf Augenhöhe mit anderen diskutierte und arbeitete, was sowohl für Camus als auch für die anarchistische Bewegung spricht. Beispielhaft für die Teils hart ausgetragenen Debatten ist z.B. die vierteilige Artikelserie „Bakunin und Der Mensch in der Revolte von Albert Camus“, die Mitte der 1950er Jahre in der Zeitschrift Le Libertaire veröffentlicht wurde. Autor ist Gaston Leval (1895-1978), ein antimilitaristischer Anarchist und Mitbegründer der heute noch existierenden anarchistischen Zeitschrift Le monde libertaire. Leval watscht hier Camus förmlich ab und kritisiert dessen Darstellung von Michael Bakunins Ideen in Der Mensch in der Revolte. „Albert Camus – was haben Sie von Bakunin gelesen?“ (S. 171) wird dieser zum Einstieg provokant gefragt. Seine „Aufgabe“, so Leval, sei „die Erinnerung und das Denken eines Menschen [Bakunin] zu verteidigen, den Sie [Camus] schlecht kennen und den Sie […] mit einer mir völlig unerklärlichen, geistigen Einseitigkeit dargestellt haben“. (S. 147) Aber selbst bei derartig harten Auseinandersetzungen blieb die Stimmung letztendlich solidarisch und Leval schlägt gegen Ende hin versöhnlichere Töne an. Camus antwortete auch auf diese Artikelserie, berichtigt einige Dinge, verteidigt sich, gesteht aber auch Fehler in seiner Bakunin-Rezeption ein und schreibt für eine anarchistische Camus-Interpretation schön zitierbare Sätze wie „Bakunin [ist] in mir lebendig“. (S. 151) Er glaube, so Camus in seiner Replik, dass er „dem libertären Denken“, auf das „die morgige Gesellschaft nicht […] verzichten kann“ dennoch einen „Dienst erwiesen“ habe. (S. 152)

Offenkundige Verbindungslinien Camus’ zum Anarchismus gibt es noch weitere. Eine, die im Buch ausführlich dargestellt wird, ist sein Engagement für die republikanischen Kräfte im Spanischen Bürgerkrieg und sein Einsatz für exilierte spanische AnarchistInnen. Sein Einsatz für das republikanische Spanien ging einher mit einer generellen, sichtlich großen Sympathie für den revolutionären Syndikalismus, die vor allem in den Beiträgen sichtbar wird, die aus der Zeitschrift La Révolution prolétarienne nachgedruckt wurden (Johann Bauer titelte in der Dezember-Ausgabe der Graswurzelrevolution anlässlich von Marins Buch gar: „Albert Camus, Anarchosyndikalist“).

Doch hier kommt auch der libertäre Gewaltkritiker Camus mit ins Spiel, als er beispielsweise veranlasste, dass Simone Weils kritischer Bericht über republikanische Gräueltaten (sie selbst war auf anarchosyndikalistischer Seite in der „Kolonne Durruti“ aktiv) in der Zeitschrift Témoins wieder abgedruckt wird. Die darauf folgende (und im Buch abgedruckte) Debatte kommentiert Camus so, dass es gut sei, „dass die revolutionäre Gewalt, die unvermeidlich ist, sich manchmal von dem scheußlich guten Gewissen trennt, in dem sie sich heute eingerichtet hat.“ (S. 222) Seine Kritik der Gewalt wird auch durch sein frühes Engagement für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung deutlich und er zählte stets zu den standhaftesten UnterstützerInnen von inhaftierten KriegsdienstverweigerInnen. Selbst, wenn diese religiös motiviert waren, war ihnen die Unterstützung des Atheisten Camus und der antimilitaristisch-anarchistischen Szene sicher.

Zur Résistance

Bemerkenswert auch der Beitrag Camus’ zu Résistance und seinen Aktivitäten in dieser. Der Text war ursprünglich ein Vorwort zu dem Buch L’Allemagne vue par les écrivains de la Résistance française (Deutschland aus der Sicht der Schriftsteller aus der französischen Résistance). Unter dem Titel „Die Verweigerung des Hasses“ schreibt er froh darüber zu sein, sich „dazu gezwungen zu haben, nichts an diesem Volk zu hassen, das wir bekämpft haben“. (S. 197) Und hier wird schon deutlich, was damit gemeint ist. Sich dem Hass zu verweigern bedeutet keinesfalls, seinen Gegner nicht zu bekämpfen (selbst mit Gewalt). „Ja, wenn es jemals einen berechtigten Kampf gegeben hat, dann war es bestimmt dieser Kampf, in den man erst einwilligte, nachdem man bewiesen hatte, dass man ihn nicht wollte.“ (S. 194) Einen Gegner zu bekämpfen, sich aber gleichzeitig dem zu verweigern, was Totalitarismus, Barbarei und Genozid erst möglich macht, nämlich die vollständige und kompromisslose Entmenschlichung des „Anderen“, das ist die Essenz dessen, was Camus hier anspricht. Widerstand ja, aber nicht um den Preis, sich seinem Gegner (vor allem, wenn dieser Gegner der deutsche Nationalsozialismus und seine faschistischen Verbündeten ist) moralisch auch nur anzunähern. Camus erklärt weiter zu den KämpferInnen der Résistance, dass diese „Menschen […], die den Krieg verabscheuten und die sich dem Hass gegenüber einem andere Volk verweigerten, […] in einen […] Krieg hineingezogen“ (S. 194) wurden. „Um damals irgendetwas aus der Katastrophe zu retten“ so die Schlussfolgerung „konnten sie lediglich versuchen, sich nicht dem Hass zu übergeben.“ (S. 192)

Camus und die autoritäre Linke

Dieser Artikel zur Résistance führte wiederum (durch einige Bemerkungen, die für den/die in der Thematik nicht gänzlich trittfeste/n Leser/Leserin eher schwer herauslesbar sind) zu einem Disput ob und wie Camus hier den zu der Zeit bereits schwelenden Konflikt mit Jean-Paul Sarte und der autoritären, teils stalinistischen Linken zusätzlich befeuerte. Der Vorwurf lautete in etwa auf „Missbrauch der Résistance um persönliche Streitigkeiten auszutragen“. Die Erwiderung Camus’ findet sich ebenfalls im Buch. In diesem Streit mit der autoritären/stalinistischen Linken liegt übrigens auch das Missverständnis begraben, warum selbst Konservative sich positiv auf Camus beziehen, weil sie in ihm lediglich den „Anti-Stalinisten“ erkennen, dabei aber völlig außer Acht lassen und geflissentlich ignorieren, dass Camus sehr wohl Sozialist war, nur eben ein libertärer. Dies zu übersehen bedarf schon besonderer Blindheit. Camus: „[D]er Kampf zwischen dem libertären Sozialismus und dem cäsarischen Sozialismus ist nicht beendet, und es kann keinen Kompromiss des einen im Hinblick auf den anderen geben.“ (S. 323) Ein anderes Zitat (aus angesprochener Erwiderung) macht deutlich, wie er sich – im historischen Kontext der Kalten-Kriegs-Dichotomie, die auch in der Linken stark spürbar war – positionierte:

Ich weiß, dass es brutal war zu sagen, dass, so wie die rechten Intellektuellen damals in ihrer Raserei der Realpolitik ihren Nationalismus jedes Inhaltes entleert haben, auch die fortschrittlichen Intellektuellen heute nach demselben Muster Gefahr laufen, den Gehalt ihres eigenen Sozialismus zu verraten. Und dass unsere Intellektuellen in beiden Fällen fasziniert von der Macht einer fremden Nation sind, die vorgibt, ihr Ideal zu verwirklichen, und deshalb die Neigung haben, diese Nation unaufhörlich Entgegenkommen zu beweisen. Ja, das war brutal; aber man kann nicht mit gedämpfter Stimme Alarm schlagen. […] Denn ich bin in einer Familie, der Linken, geboren und werde dort auch sterben; aber es fällt mir schwer, nicht deren Verfall zu beobachten. (S. 202)

Hier wird deutlich, was schon im Klappentext zu lesen ist, dass Camus nämlich diese dichotome Parteiname verweigerte und so „der einzige französische Intellektuelle“ war „der sich bewusst auf ein drittes Lager stützte: das der Kriegsdienstverweigerer, der mundtot und vergessen gemachten Anti-KolonialistInnen [gemeint ist hier vor allem der Syndikalist und anti-kolonialistische Aktivist Messali Hadj aus Algerien; Anm. S.K.] und der revolutionären SyndikalistInnen.“

Diskussionen mit und um Camus im libertären Milieu werden vom Herausgeber nachgezeichnet, in einer ausführlichen Einleitung in den richtigen Kontext gerückt und direkt im Text zusätzlich kommentiert. Konfrontiert wird man stets jedoch mit einem Camus, bei welchem die libertäre Grundhaltung „nicht mit gedämpfter Stimme“ (S. 202) vernehmbar ist. Um den lauten, libertären Albert Camus verstehen zu können, ist dieser Sammelband essentiell.

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