Das Wien der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts war von der Atmosphäre einer Lebensfreudigkeit durchdrungen, in der sich Religion und Geschlechtlichkeit miteinander verquickten. Lady Mary Wortly Montagus (1698-1762) Reise in das Reich der heiteren Sinnlichkeit begann wohl Anfang September 1716 (…)
Wer jung verheiratet ist, merkt es noch nicht. Die ersten Wochen und Monate haben die beiden genug mit einander zu tun, um sich nicht zu langweilen, und sie finden das Alleinsein in der Zweisamkeit schön. Irgendwann aber merken sie, wie sehr sie das Verheiratetsein von ihrem Bekanntenkreis (…)
I. Die Sache ist einfach. Mittels elementarer Mathematik kann man die Gesamtzahl der Liebeskombinationen errechnen, die innerhalb einer Gruppe entstehen können. Die Formel lautet: n (n-i) ─────── 2 „N“, sagte mir der Verwalter der Finanzen des Kollektivs von Kana, „ist die Anzahl der (…)
Wie leben die Kommunekinder?
Das Echo auf den I. Teil war selbst nach FORVM-Maßstäben (wir sind diesbezüglich verwöhnt) außerordentlich. Die Wogen spießbürgerlicher Empörung gingen erstaunlich niedrig, vielleicht wegen des betont unlinks-unprovokativen, aber auch antisensationell-antiillustriertenhaften Dokumentarstils. (…)
„Was uns zur Lektüre Sades treibt, was diese Lektüre sowohl ermöglicht wie auch vereitelt, ist unsere Komplizenschaft mit der Zensur. Wir sind ein Produkt unseres Sittenkodex. Indem wir Sade lesen, ja noch indem wir guten Willens sind, ihn zu entschlüsseln, sind wir dennoch Komplizen jener (…)
I. Radikal ist man nicht mit dem Schwanz, sondern mit dem Kopf. Sades Penisaktionen dienen nur dazu, den Panzer der Verdrängung zu durchbrechen, der den Sexus umgibt. Da auf sexueller Verdrängung die Internalisierung von Herrschaft beruht, hat ein solcher Durchbruch politisch (…)
DER CHEVALIER Nur deiner Phantasie konnte dieser Plan entspringen, er ist göttlich, Schwester, und ich verspreche dir, aufs beste jene reizende Rolle zu spielen, die du mir zudachtest. O Schurkin, wie wirst du’s genießen, dieses Kind zu erziehen, welche Wonne für dich, es zu verderben, in. (…)
V. Die Peitschen der SS und unsere Komplicenschaft Man kann sich nicht vorstellen, wie notwendig diese Schilderungen für die Entwicklung der Seele sind. Nur durch die dumme Zurückhaltung derer, die über dieses Thema schreiben, sind wir jener Wissenschaft noch unkundig. Von absurden Ängsten (…)
DOLMANCÉ Es könnte nicht besser sein: das ist genau das, was ich wollte. Bewegen Sie nun diesen schönen Hintern mit dem ganzen Feuer der Lüsternheit rhythmisch auf und ab, wie es Ihnen die Lust eingibt ... Ja, gut, das ist köstlich! EUGENIE Oh, meine Liebe, welche Lust du mir verschaffst (…)
IX. Luxus und Kapitalismus Sades Werk quält insbesondere die Marxisten, indem es ihnen als Naturphänomen gegenübertritt: Widersprüche werden weder verdeckt noch aufgelöst, nur Abgründe aufgetan. Wenn ganze gesellschaftliche Formationen wie das Rokoko vom Geschlechtssaft überschwemmt werden, (…)
Die Republik braucht Laster
(Die Debatte über Atheismus und Moral, die bereits das letzte Drittel unserer 3. Folge füllte, setzt sich im Original in etwa nochmals dreifacher Länge fort. Da sie keine wesentlich neuen Gesichtspunkte bringt, wird sie hier übersprungen. Desgleichen, aus demselben Grund, der ganze IV. Dialog. (…)
XV. Zensur und Schädlichkeit Es fällt mir schwer zu sagen, ob Sade ein Pornograph ist, weil ich nicht weiß, was Pornographie ist. Das Gesetz definiert verschieden; mancherorts genügt geschlechtliche Erregung zur Indizierung (Erektometer umschnallen, Herr Staatsanwalt?), in Deutschland ist (…)
aramis (peter sagmüller) malte, stellte erfolgreich aus, entwickelte dann besonderes interesse für psychoanalyse und pädagogik. das bundesheer brachte ihn fast ums leben (vgl. seinen text „lieber sterben“ im NF, Dez. 1970, „kleine österr. soldatenzeitung“). wir drucken hier seinen (…)
Die hier präsentierten Texte und Zeichnungen erscheinen demnächst als Buch „Kritische Beiträge zur Sexualerziehung“ im Joseph Melzer-Verlag, Frankfurt. Die hier reproduzierten Zeichnungen stammen aus einer Reihe von zirka 60 Zeichnungen 13- bis 14jähriger Schüler zum Thema Sexualität, die im (…)
Die Redaktionskonferenz hat mir’s mit Mehrheit verboten, Nachfolgendes zu bringen. Es wird also danach eine Grundsatzdebatte geben. Meine Gründe: a) Dieser Text aus den „Nachrichten für Unzufriedene“ ist ein wichtiges Dokument der Jugendkultur; wir müssen uns damit auseinandersetzen, ob wir nun (…)
Dr. jur. Karl Glassl gehört zu den leitenden Beamten des Bundesministeriums für Justiz. Seine nachfolgende Abhandlung ist, soviel wir sehen, die erste und einzige gründlichere wissenschaftliche Arbeit über Homosexualität in Österreich seit Einsetzen der Bemühungen, diese zu entkriminalisieren. (…)
K. G. ist Ministerialrat im Bundesministerium für Justiz. Der I. Teil seines Aufsatzes erschien im NF März/April 1971. Seitenziffern in Klammern beziehen sich auf das Standardwerk Klimmer, Homosexualität. XIII. Homosexuelle sind gesund Der Psychiater geht meist vom einzelnen kranken Menschen (…)
aramis (peter sagmüller) malte, stellte erfolgreich aus, entwickelte dann besonderes interesse für psychoanalyse und pädagogik. das bundesheer brachte ihn fast ums leben (vgl. seinen text „lieber sterben“ im NF, Dez. 1970, „kleine österr. soldatenzeitung“). wir drucken hier seinen (…)
Der nachfolgende Text stammt von der vielleicht muntersten Protagonistin der angelsächsischen Frauenbefreiungsbewegung. In ungekürzter Form wird er als Kapitel „Abscheu und Ekel“ in der deutschen Ausgabe des Greer’schen Erfolgsbuches „Der weibliche Eunuch. Aufruf zur Befreiung der Frau“ (…)
Obige Zeitschrift für junge Arbeiter wurde von den österreichischen Behörden verboten. Die Verantwortlichen werden demnächst vor Gericht stehen. Es besteht Verdacht, daß unter Vorspiegelung‚ Jugend vor Pornographie zu schützen, diese in Wahrheit vor Politik geschützt werden soll. Daher die (…)
I. Asketische und hedonistische Linke Seit jeher streiten sich auf der Linken die Asketen und die Hedonisten um die richtige Linie — sei es in Sachen „utopische Vision“, sei es in der Organisationsfrage oder bei der „Kritik des Alltagslebens“ (Lefebvre 1947, Böckelmann 1970). Die asketische (…)
I. Verhütungsmittel sind ein Produkt der technologischen Entwicklung. Wenn heute eine gewisse sexuelle Freizügigkeit möglich ist, so verdanken das die Frauen nicht irgendwelchen progressiven Aufklärern oder liberalistischen Manifestationen, sondern einzig und allein der Entwicklung der (…)
Wir müssen uns ein neues Selbstverständnis schaffen. Das Fehlen eines realistischen Selbstgefühls bei uns liegt darin begründet, daß unsere Identität eine von Männern bezogene Identität ist. Nur Frauen können sich gegenseitig einen neuen Sinn ihres Selbst geben. Wir haben diese Identität in (…)
One of the chief mechanisms in the suppression of female humanity is the obliteration of female sexuality. Historically the process can be traced in the change in the iconography of women. In the Middle Ages women were characterised as lustful, allies of the devil weaning men from God and noble (…)
Lu Hsün (1881-1936) ist einer der bedeutendsten Literaten und Literaturwissenschaftler des neueren China. Vom bürgerlichen Nationalliberalen entwickelte er sich zum Kommunisten, unterstützte die KPCh, ohne je formell beizutreten. Er war das geistige Haupt der 1. chinesischen Kulturrevolution auf (…)
1 Angst — die tägliche Vergewaltigung Ich war nie vergewaltigt worden (im Sinne eines Überfallenwerdens an einem einsamen Ort), und Frauen, die ich kannte, sprachen auch nie davon. Es war ein Verbrechen, das weit weg von mir war. Als ich in Kalifornien lebte und erfuhr, daß es eine Gruppe gab, (…)
Sex im alten Rom
Ernest Borneman, bekannter Sexologe des Wortes, hat aus seiner lebenslangen Beschäftigung mit der antiken Männerherrschaft den Schluß gezogen, daß dieser ein Matriarchat voranging, ein Paradies der Menschheitsgeschichte, dessen Wiederkehr die Lösung der Menschheitsprobleme verspricht. In seinem (…)
Die therapeutische Behandlung der katholischen Kirche in einem weltlichen Staate ist aber dadurch erschwert, daß die katholische Geistlichkeit ... unter kirchlichen Formen eine politische Institution ist und auf ihre Mitarbeiter die eigene Überzeugung überträgt, daß ihre Freiheit in ihrer (…)
1 Normal ist, was Männern Spaß macht Alles Sexuelle zwischen Mann und Frau, das nicht eindeutig auf Vermehrung gerichtet ist, und selbstverständlich alles Homosexuelle gilt als nicht natürlich, als zwecklos. So richtet sich z.B. das Verbot des Analverkehrs in bestimmten Staaten der USA gegen (…)
Ein Koitus ist ebensowenig eine Vereinigung zweier Menschen wie eine Ohrfeige oder das Bohren in einer fremden Nase. Wir sind eine Kommune von zwei Männern, drei Frauen und einem sechsjährigen Mädchen. Hauptsächlich beschäftigen wir uns mit der Aufarbeitung unserer psychischen Schäden. Doch (…)
Dieser Text sollte gleichzeitig erscheinen mit dem Artikel der „Kleinen Kommune“, Wien: „Wir vögeln nicht mehr“, NF Juli/August 1976. Er steht aber auch für sich allein ganz gut da, als prinzipieller, sei‘s auch grober Versuch von Verbindung zwischen Sexualität und Ökonomie, Theorie und eigenem (…)
Sie umarmten sich und weinten beide
Es half alles nichts. Ihr ganzer Feminismus, ihre ganze Unabhängigkeit, ihr ganzer Ruhm hatten sie nur hierher gebracht, zu dieser Hilflosigkeit, diesem Bedürfnis. Sie brauchte ihn. Sie brauchte diesen Mann. Erica Jong: How to Save Your Own Life Holdes Anschmeicheln Die Definition von (…)
Kuli (der etwas auf einem Wanderkalender abhakt): Wieder ane. Numero zwahundertzehn. Ganz schä für drei Monat. Zwakommavier pro Tag. Trotzdem. Der große faustische Fick bleibt aus. Verweile doch hab i bis jetzt no zu kaner gsagt ... Solang mir aber net danach is, des zu sagen, erfüllt mich mein (…)
hier anfassen
Jugendkultur lautete das Thema der Club-2-Fernsehdiskussion in Wien am 9. August 1979. Diskussionsleiter war Dieter Seefranz, um ihn herum saßen in der Ledergarnitur im Studio 4 des ORF u.a. Nina Hagen, Biermanns Exstieftochter, ihr gitarrespielender Freund Ferdinand aus Holland, der Kärntner (…)
Die durch nichts zu ersetzende Anziehungskraft, die die ‚Hure‘ auf den Freier ausübt, rührt daher, daß er sie für das bezahlt, was er unter Lust versteht — und das ist, da er ein Mann ist, kläglich und schnell geschehen. (Pascal Bruckner/Alain Finkielkraut: Die neue Liebesunordnung, München (…)
Prostitution ist kein Verbrechen, sondern eine Dienstleistung
Ende März verteilten Wiener Prostituierte ihr erstes selbstverfaßtes Flugblatt. Es geht gegen Bevormundungen, Heiratsverbot und andere Schikanen (vollständiger Text siehe unten). Die Wiener Prostituierten erfuhren durch die Medien — mehr in Art eines Gerüchts — über Ansätze von Organisation und (…)
Polengrenze
Die beschriebenen Situationen, Aussagen, Verhaltensweisen spielen im Polen von heute. Einige Namen wurden aus politischen, erotischen, neurotischen und sonstigen ernsten Gründen verändert oder weggelassen. Desgleichen Hinweise auf die Vergangenheit, Identität und den weiteren Verbleib der Frau (…)
Alice Miller: Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst, 182 Seiten, DM 19,80, öS 150,50. Am Anfang war Erziehung, 322 Seiten, DM 28, öS 213. Du sollst nicht merken. Variationen über das Paradies-Thema, 392 Seiten, DM 34, öS 258,50. Erschienen 1979-1981 im (…)
H.-D. K. ist Extraordinarius am Institut für Philosophie der Universität Wien, Jahrgang 1940, war Vorzugsschüler mit Promotion sub auspiciis über Leibniz und hat trotzdem interessante Gedanken. Wenn’s so weitergeht haben wir einen neuen ständigen Autor, nach einiger Zeit von diesem eine (…)
Selten ist ein Mann so gut in Stimmung, wie dann, wenn er von sich selbst erzählt. Dieses Zitat, das Marlene Dietrich zugeschrieben wird, müßte eigentlich besagen, daß ich jetzt in ausgezeichneter Stimmung sein sollte, schließlich bin ich eben dabei, eine Menge von mir zu erzählen. Ich bin es (…)
Zu: Jeffrey M. Masson‚ Was hat man dir, du armes Kind, getan? Sigmund Freuds Unterdrückung der Verführungstheorie. 336 Seiten, Preis S 296‚—‚ Rowohlt Verlag, 1984. Zwischen 1979 und 1981 hat die schweizerische Psychoanalytikerin Alice Miller in drei antipädagogischen Bestsellern die (…)
ja, in dieser Sekunde, überall, wo es die Beschaffenheit dieses Planeten erlaubt, ab und zu sogar jenseits dieser Beschränkung, an jedem Breitegrad, auf jedem Meridian, auf der Erde, auf den Meeren, in unwirtlichen Gebieten, in der Wüste im Dschungel, in der Steppe; in Extremfällen hoch über den (…)
Man trifft sie auf allen Bahnhöfen, allen Flughäfen, allen Autobahnen, die Abermillionen von modernen Nomaden und Nomadinnen, die, ständig unterwegs, manchmal pausenlos, ihrem wandernden Job nachgehen. Als Bleibe dienen ihnen Hotels aller Kategorien, sie hetzen durch die Welt, von Stadt zu (…)
Marina Zwetajewa, bedeutende Dichterin, wurde in der Sowjetunion bis in die sechziger Jahre totgeschwiegen. Im Zuge von Perestroika und Glasnost wird der Lyrikerin nun Ehre zuteil. Fünfzig Jahre zu spät. Gemeinsam haben die amerikanische Schriftstellerin Djuna Barnes und die Dichterin Marina (…)
A.G., Anti-Waffen-Bruder der 68er-Studentenbewegung, von der anderen, der Aussteiger-Fraktion, war als Gastprofessor der Schule der Dichtung in Wien — die Gelegenheit zu diesem Gespräch nützte Diana Huppert. Wenn Revoluzzer ältere Herren werden. Sorgfältig, elegant gekleidet, immer mit Hemd (…)
Eine Redaktionssitzung irgendwann im Spätsommer, die Wärme war verflogen, die Erinnerungen noch wach, und der Herbst und die Produktion der nächsten Nummer standen vor der Tür. Wir wollten uns einmal in einem anderen Genre erproben und taten dies auch. Das Ergebnis liegt nun vor Ihnen. Wenn Sie, (…)
wo liebe hinfällt, welkt das gras: das gras, man weiß genau woran man ist im film im film am reservierten platz gibt es sie immer noch als bild noch immer ist geblieben, und es ist sicher ungerecht daß immer das geblieben ist, wenn liebe ist was liebe ist, daß jeder weg erst steil bergauf, dann (…)
Madonna ist die faszinierendste Künstlerin, die die Pop-Musik je hervorgebracht hat. Vor allem ihre Haltbarkeit, ihre Beständigkeit, gibt einige Rätsel auf, die geradezu zur Analyse herausfordern. Madonna Louise Veronica Ciccone ist die letzte Übertreibung des amerikanischen Durchschnitts. (…)
Die Trümmer der sexuellen Revolution*
Die Sexualwissenschaft machte sich einst zum Anwalt einer Befreiung der Triebe. Heute steht sie vor der bitteren Erkenntnis: Diese Emanzipation rückte die zerstörerische Seite der Sexualität in den Vordergrund. Der Schatten des Eros heißt Anteros. Den Alten war er nicht nur der Bruder des Eros (…)
Posthum wurde Wilhelm Reich zu einem der wichtigsten Theoretiker der Studentenbewegung. Denn er war der Theoretiker der sexuellen Revolution, der Befreiung von der sexuellen Zwangsmoral — und seine Theorien schienen sich zunächst leichter in die Praxis umsetzen zu lassen als die von Marx: es (…)
Sextourismus ist vorallem durch das ernorme wirtschaftliche und soziale Gefälle zwischen erster und dritter Welt möglich: Das heutige Ausmasß des Sextourismus ist das Abbild des ungerechten Verhältnis zwischen Nord und Süd. Durch das wirtschaftliche Machtgefälle wird den Industrieländern (…)
In einer Patriarchalen Warengesellschaft ist auch der Sex ein patriarchaler Warenaustausch. Insbesondere in heterosexuellen Beziehungen spielt der patriarchale Charakter unserer Gesellschaft auch beim Sex und in sexuellen Beziehungen eine Rolle. Den Warencharakter behalten Beziehungen aber auch (…)
Sie entstammt einer vermögenden Familie und wurde 1948 in Managua/Nicaragua geboren. Sie studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie wurde verhaftet und zu sieben Jahre Haft (…)
Zeitversetztes Zerwürfnis zweier Zufrühgekommener. Zusammengestückelt von Königsberg, Mai 1799. Der junge Hegel besucht den alten Kant. Beim Spazierengehen stoßen der abgehende und der angehende Philosoph zufällig auf ein temporär irrtümlich um viele Jahre zu früh plaziertes Pornogeschäft. (…)
I. Täglich fasste er mindestens einmal den Vorsatz, sich einer Abmagerungskur zu unterziehen, damit er sich wieder ohne Selbsthaß, Ekel und Verachtung im Spiegel betrachten konnte. Und manchmal brachte er es tatsächlich fertig, einen halben Vormittag lang zu hungern. Er machte einen großen (…)
Das Meer, das Feuer und die Frauen … Hellenischer Spruch (für Männer) Anstelle einer verschwundenen Widmung: Einen Menschen kennt einzig nur der, welcher ohne Hoffnung ihn liebt. Walter Benjamin, Einbahnstraße In dem zwiespältigen Verhältnis der Liebe zur Welt gründet es, dass die Zeit die (…)
Begierde sei Trieb mit dem Bewusstsein des Triebes. Spinoza, Die Ethik Das Netz ist ein geknüpftes oder geflochtenes Maschenwerk, dessen Fadenlegungen an den Kreuzungsstellen z.B. durch Verknotungen so festgehalten werden, dass sie regelmäßige, meist rhombenförmige Maschen bilden. Wie das (…)
Wer alles verloren hat und auf der Straße steht, verliert auch das Recht auf Sexualität, auf Intimität. Wo die Nützlichkeit im Vordergrund steht, wird es fast unmöglich, Beziehungen zu leben. Der Versuch einer Annäherung an ein Tabuthema. Die englische Sprache unterscheidet mit den Begriffen (…)
... Hab ich noch nie probiert, aber ... könnte ich mir schon vorstellen ... auf gar keinen Fall! ... bestimmt eine interessante Erfahrung ... ich bin ja nicht von der Caritas! ... spüren die überhaupt was beim Sex? ... nein, das wäre mir zu stressig ... mal etwas anderes .... was mache ich, wenn (…)
Eine „nährende Sexualität“ zu kultivieren, bedeutet die „umfassenden und tragenden Aspekte“ innerhalb einer Gesellschaft nicht zu vernachlässigen. Eine Abwertung der einerseits so positiv besetzen und andererseits so bedrohlichen, weil zur Regression animierenden Bilder vom „Umfassen und (…)
Das Richtige im Falschen?
Angesichts der vor allem unter räsonierenden ApologetInnen des Status quo so beliebten Rede von der permissiven Sexualität, dem Ende der Tabus, ja gar von sexueller Freiheit, erscheint es ein wenig altmodisch, im Anschluss an Freuds Repressionsthese über den Zusammenhang von Zivilisation und (…)
Sexually explicit
In den letzten Jahren fand — und findet — eine Reihe von ambitionierten Filmen, in deren Zentrum — auch — eine Problematisierung sexueller Beziehungen stand, großes mediales Echo: Die Rezeption der Filme erfolgt dabei in doppelter Weise. Einen Strang medialer Berichterstattung bildet die (…)
In diesem Artikel möchte ich Fragen stellen zu einer Problematik bzw. einem Widerspruch schwuler Textpornografie: die Reproduktion heterosexistischer und patriarchaler Motive. Ausganspunkt dieser Reflexion sind Texte aus englisch- und deutschprachigen Anthologien und Romanen, die ich in (…)
Im Universum der Social Fiction, das viele Möglichkeiten der Gestaltung sozialer Beziehungen eröffnet, kreisen Geschlechterverhältnisse in sattsam bekannten Bahnen. Ihr Ausdruck in körperlicher Nähe und sexuellen Akten bleibt erstaunlich dichotom, denn die Kreation des Cyborg Jod – der in der (…)
Eric Rohmers „Le genou de claire“ [Claires Knie] (1970), Bertrand Bonellos „Le Pornographe“ (2001) und Larry Clarks/Ed Lachmanns (Drehbuch: Harmony Korine) „Ken Park“ (2002). Erwachsenes Begehren Wir wissen: dass wir begehren, ist nicht selbstverständlich. Begehren stellt sich nicht (…)
Spätestens seit Judith Butlers „Gender Trouble“ (1990) und der teils heftigen Reaktionen anderer feministischer Theoretikerinnen darauf, ist der Körper ins Zentrum feministischer Theoriebildung gerückt und bildet einen zentralen Fluchtpunkt der Trennungen und Kontroversen zwischen den von ihren (…)
Ehre und Martyrium
Ein Freund von mir wurde bei einem Angriff (der amerikanischen Armee auf Falluja, Anm. d. Verf) verletzt. Man brachte ihn ins Krankenhaus. Als er seine Augen öffnete, sah er eine wunderschöne Frau. Er lächelte und dankte Gott, dass er nun endlich ein Märtyrer geworden sei und als Dank eine (…)
„Sich Verlieben“ als Konkurrenzkampf
„You are dismissed“: Wem das gesagt wird, der hat sich zu wenig bemüht, oder seine Anstrengungen waren schlicht die falschen. Der Wettkampf um die Gunst der Frau bzw. des Mannes genannt Picker ist verloren. In der TV-Show „Dismissed“ des Senders MTV messen sich zwei KonkurrentInnen darin, wer (…)
Psychoanalytische Herangehensweisen an gesellschaftliche Erscheinungen haben zunehmend den Ruch des Veralteten angeheftet bekommen. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie überdies auch noch triebtheoretisch argumentierten. Wie aktuell und fruchtbar solches Denken dagegen sein kann, belegt das zu (…)
Wünsche und Begehren, Nährendes und Erregendes bei abendlichen Essensgesprächen.
Im Jahr 2002 wurde der österreichischen Öffentlichkeit bekannt, was alle Beteiligten im Fußballzirkus sowieso schon wussten: dass sexuelle Übergriffe als Einstandsritual in einer Fußballmannschaft gang und gäbe sind. Ein misshandelter 15-jähriger brach das Schweigen des Männerbundes und (…)
Waren Frauen im „Dritten Reich“ wirklich nur desexualisierte Gebärmaschinen? Über die Geschlechterverhältnisse im Nationalsozialismus. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus war bis zum Ende der achtziger Jahre ein Thema, das in der gesamten Frauenbewegung beinahe ausnahmslos auf eine Art (…)
Teil 1: Von der Oktoberrevolution zur Kritischen Theorie In der Linken ist es schon seit langem aus der Mode gekommen über sexuelle Befreiung zu sprechen. Die Freudomarxisten sahen in den sexuellen Bedürfnissen und Trieben der Menschen eine wichtige Stoßkraft für die proletarische Revolution. (…)
Teil 2: Von der feministischen Sex-Debatte zum postmodernen Gender-Trouble Am 13.September 1968 flogen auf einer Delegiertenkonferenz drei Tomaten auf grinsende Männer am Vorstandtisch des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund). Die männlichen Genossen hatten offensichtlich der Rede von (…)
Die Frage nach der Sichtbarkeit von „Sex on the Screen“, die die Organisatorin des Wiener Queer Film Festivals identities anlässlich der alljährlichen Präsentation eines einstündigen Blocks mit lesbisch- queeren Sexfilmen stellt, scheint schnell beantwortet. „Yes, there’s sex not only on the (…)
Dieser Artikel ist ein Abschnitt aus einem größeren Text mit dem Arbeitstitel „Körper der Multitude“. In einem ersten Teil geht es um die Produktion von Körper und Geschlecht sowie der Beziehung zwischen verschiedenen Arten der Arbeit (oder der Tätigkeit). Dabei wird die „Produktivität“ für die (…)
Sexuell Arbeiten
b_books: Berlin 2007, 332 S., 18 Euro Sexuelle Arbeit ist keineswegs neu, schreibt Robert Foltin in seinem in dieser Nummer der Grundrisse veröffentlichten Text „Produktive Körper“. Wenn nun sexuelle Arbeit nicht neu ist, dann haben bisher lediglich die entsprechenden Analyseinstrumente (…)
Die Leute bumsen nicht. „94 Prozent sind zu faul für den Sex“, heißt es in der U-Bahn-Gazette Heute vom 29. Oktober 2008. Das ist wohl wahr. Aber sind sie nun wirklich zu faul? Die Leute verzichten doch wohl nicht deswegen, weil sie nicht wollen, sondern weil sie nicht können. Ihr (…)
Liebe und Freundschaft
Liebe und Freundschaft wider Willen Liebe und Freundschaft werden gern in einem Atemzuge genannt und gleichgesetzt. Von „Chaostheoretikern“ z.B., die die Natur nicht mehr länger als Chaos verstehen wollen, das des menschlichen bzw. göttlichen Subjekts bedarf, um in Ordnung zu gehen. Das Chaos, (…)
Am Anfang war … War was? Die Dichter und Denker sind sich uneinig. Der eine sagt: das Wort! Der andere: die Tat! Wieder ein anderer: der Schrei! Nietzsche: Der Wille, „aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s dich – Wille zur Macht“ (Bd. II, S. 371f., Also sprach Zarathustra). Hegel (…)
Wenn du ein Schiff bauen willst, treib nicht die Leute zusammen, um Holz zu beschaffen, teile sie nicht ein, um die notwendigen Arbeiten zu erledigen, sondern wecke im Herzen der Menschen die Sehnsucht nach den endlosen Weiten des Meeres. (Angeblich von Antoine de Saint Exupery) Wer gut lebt (…)
Das gibt es nicht! Sagt sich Adorno – und begnügt sich mit dem falschen. „Das beste Verhalten: … das Privatleben führen, solange die Gesellschaftsordnung und die eigenen Bedürfnisse es nicht anders dulden, aber es nicht so belasten, als wäre es noch gesellschaftlich substantiell und individuell (…)
Lauter Lustbarkeiten – trotz alledem
Am Ende von Interviews werden Künstler/innen und Wissenschaftler/innen gerne gefragt, worum es im Leben gehe. Oft kommt darauf die Antwort: „Um Liebe und Tod.“ – Ja, aber was ist mit der Lust? Mit der Lust in all ihren unendlichen Variationen? Lust, der Welt mit allen Sinnen zu (…)
Ewig hat es sie ja nicht gegeben. Der Geschlechtstrieb ist lediglich ein Instinkt, aber noch keine Lust. Lust entsteht erst historisch mit der Entwicklung der Sexualität, die über den Sex hinausreicht. Lust ist nicht instinktgesteuert. Lust ist also etwas anderes als der direkte Trieb oder die (…)
Mit vier war ich sehr draufgängerisch. Ich war (zugegeben) blond, meist in Cord- oder karierten Hosen, nicht allzu leicht zu beeindrucken, und ich fuhr Ferrari. Entsprechend rot. Was anderes kam nicht in Frage. Mein Beuteschema war klar: groß, dunkel, lässige Gangart. Hat immer geklappt. (…)
Setze den Menschen als Menschen und sein Verhältnis zur Welt als ein menschliches voraus, so kannst du Liebe nur gegen Liebe austauschen, Vertrauen nur gegen Vertrauen etc. … Jedes deiner Verhältnisse zum Menschen – und zu der Natur – muß eine bestimmte, dem Gegenstand deines Willens (…)
Dass Lust der Inbegriff des Guten sei, war eine Position schon in der griechischen Philosophie. Eine von der Pflichtenethik heftig als asozial und unmoralisch gescholtene Auffassung, deren Anthropozentrismus und Individualismus mit ihren durchaus gegensätzlichen Folgerungen freilich nie mehr (…)
Hamburg: Nautilus, 128 Seiten, Euro 9,90 Feminismus reloaded Frage: Was ist „Feminismus“? Antwort: Ganz einfach: die Überzeugung, dass Frauen genauso frei sein sollten wie Männer, egal, wie durchgeknallt, dämlich, schlecht gekleidet, fett, faul und eingebildet sie sein mögen. Caitlin Moron (…)
Dieser Versuch umkreist die These, dass die heute selbstverständlich erscheinende Verbindung von Lust und Liebe sich historisch entwickelt hat; ferner: dass sich mit der lustvollen Liebe die Vorstellungen von der Liebe selbst verändert haben, insbesondere in der Ausformung des romantischen (…)
Der Sexualfetisch ist in der Konstruktion einer der einfachsten, in seinen unendlichen Varianten aber einer der raffiniertesten und delikatesten Gebrauchswertfetischismen. Aufdringlich, fixiert, früher meist verschämt, zusehends aber unverschämt und allgegenwärtig. Einst dienten Überlegungen (…)
Von der Einhegung der Liebe zur Polyamorie?
Wenn wir über Schenken, Teilen und Beitragen nachdenken, betrifft das nicht nur den Bereich der heute so genannten Produktion, die Betriebe. Es betrifft auch den davon als getrennt wahrgenommenen und organisierten Haushalt. Historisch betrachtet ist der Haushalt in der heute vorherrschenden Idee (…)
Der Hass auf Homosexuelle
Natur, Gesellschaft, Individuum 1. Homo-, Bi- und Heterosexualität sind nicht biologisch bestimmt. Alle Forschungsversuche, die einen Beweis für eine biologische Ursache von Homosexualität liefern wollten, haben sich bemüht, statistische Zusammenhänge zwischen sexueller Neigung und (…)
Wir pflegen ein inniges Verhältnis. Es ist eine Symbiose, in der die Trennung zwischen dem Ich und dem Anderen wie aufgehoben ist. Weiterhin wirkt frisch und einfallsreich, was doch schon so normal ist, dass ein Denken an die Zeit, so wie es vorher gewesen sein muss, trist und fad und eigentlich (…)
Es zeichnet ein gutes Buch aus, wenn die Autor*innen Geschichten erschaffen, die vor dem geistigen Auge der Leser*innen erscheinen und lebendig werden. Das gilt umso mehr, wenn es sich um politische Sachbücher handelt. Nur wenigen Autor*innen gelingt es, aus Anekdoten und Geschichtchen (…)
In der schönen Zukunft wird mehr gespielt und gekuschelt, da bin ich mir sicher. Spielerischer gekuschelt und kuscheliger gespielt. Das hic et nunc stellt sich nach gründlicher Analyse als ein in sich zusammenbrechendes Lager dar, in dem ich die Destruktivität des Kapitals spüre und ausführe. So (…)
Aus aktuellem Anlass Kleider machen Leute, zweifellos. Insbesondere freilich Frauen. Ob Orient, ob Okzident, ob Islam, Christentum oder Kulturindustrie: Kleidungsnormen betreffen Frauen um vieles extensiver und restriktiver als Männer. Es gleicht einem überkonfessionellen patriarchalen (…)
Kritik, die heutzutage an Politik und Politikern vorgebracht wird, fokussiert im Kern nahezu immer die materiell bestimmten Lebensbedingungen der Menschen sowie ihre ungleichen Möglichkeiten, durch „Leistung“ zu Wohlstand gelangen zu können. So wird häufig beklagt, dass Arbeitnehmer/innen ein (…)


