Grundrisse, Nummer 38
Mai
2011
Pun Ngai / Ching Kwan Lee:

Aufbruch der zweiten Generation

Wanderarbeit, Gender und Klassenzusammensetzung in China

Berlin/Hamburg: Assoziation A, Oktober 2010, 296 Seiten, 18,00 Euro

Minimol

„Aufbruch der zweiten Generation“ ist nach „Unruhen in China“ (Beilage zu Wildcat #80, Dezember 2007) und „Dagongmei. Arbeiterinnen aus Chinas Weltmarktfabriken erzählen“ (Assoziation A, September 2008) die bereits dritte Publikation, die von den FreundInnen von gongchao [1] zur Lage und zu den Kämpfen der ArbeiterInnen in China herausgegeben wurde. In ihrem eigenen Beitrag zum vorliegenden Sammelband, in dem sie die Streikwelle, die zwischen Mai und Juli 2010 durch die Fabriken transnationaler Automobilhersteller und anderer Unternehmen in China rollte, analysieren, definieren sie die zweite Generation der chinesischen WanderarbeiterInnen so:

„Die ‚zweite‘ oder ‚neue‘ Generation von WanderarbeiterInnen sind die nach 1980 geborenen ArbeiterInnen. Sie sind noch auf dem Land gemeldet (hukou), aber viele sind in der Stadt geboren und zum Teil dort aufgewachsen. Sie haben oft kein Ackerland oder keine Erfahrung mit Landarbeit mehr. In der Zeit des Aufschwungs groß geworden, weigern sie sich zunehmend, schlechte Löhne und überlange Arbeitszeiten hinzunehmen, oder ‚Bitternis zu essen‘(chiku), wie es noch die vorherige Generation getan hat. Sie wollen oft gar nicht mehr am Fließband stehen oder weit wandern, um Arbeit zu finden. Mehr und mehr von ihnen arbeiten in Städten im Inland, näher an ihren Heimatorten.“ (Seite 243)

Im Buch sind Beiträge von vorwiegend chinesischen und weiblichen WissenschaftlerInnen versammelt, die „in ihren Untersuchungen auf ethnografische Methoden zurückgreifen, insbesondere Interviews und teilnehmende Beobachtung, um konkrete Lebenssituationen verstehen zu können. Sie nehmen eine Perspektive ‚von unten‘ ein und wollen die Situation vom Standpunkt der Beobachteten aus verstehen.“ (Seite 16)

Die einzelnen Texte beschäftigen sich mit den Arbeits- und Lebensbedingungen von AutomobilarbeiterInnen, ElektronikarbeiterInnen, Sexarbeiterinnen, LastenträgerInnen, BauarbeiterInnen und Hausarbeiterinnen. Der Arbeitsmarkt ist stark geschlechtsspezifisch segretiert, sowohl hinsichtlich der Einstellungspolitik als auch was die Kontrollmechanismen in den Fabriken betrifft. In exportorientierten und arbeitsintensiven Industrien wie Elektronik und Textilverarbeitung sind die Belegschaften wie auch in Mexiko, Indonesien oder Thailand überwiegend weiblich, in der Autoindustrie werden hingegen hauptsächlich Männer beschäftigt. Die Löhne der Automobilarbeiter sind vergleichsweise hoch, deshalb sind diese Arbeitsplätze sehr begehrt. Das Management versucht auch in China, LeiharbeiterInnen, PraktikantInnen, Beschäftigte ohne jeglichen Arbeitsvertrag und die Stammbelegschaft gegeneinander auszuspielen. Aus diesen Gründen war die Streikbereitschaft in der Automobilindustrie lange Zeit eher gering, obwohl die Fließbänder leicht lahm gelegt werden und schon kleinere Streikaktionen an zentralen Produktionsorten aufgrund der „lean production“ große Wirkung entfalten können. Das hat auch der Streik im Getriebewerk von Foshan, von dem die Streikwelle von Mai und Juni 2010 ausging, gezeigt. Die schlecht bezahlten und unabgesicherten PraktikantInnen waren hier federführend und jene Spaltungen, die durch das so genannte duale Arbeitssystem (Stammbelegschaft versus schlechter bezahlte prekarisierte Beschäftigte) entstehen, konnten im Kampf überwunden werden.

Zur neuen Qualität der Selbstorganisierung und zur Nutzung von Informations- und Kommunikationstechnologien in den Streiks von Mai und Juni 2010 schreiben die FreundInnen von gongchou:

„In den Streiks entstanden neue Kerne von Arbeitermilitanten und informelle Netzwerke. Die ArbeiterInnen nutzten das Internet und Handys für die Organisation der Kämpfe. Bei Honda Auto Parts Manufacturing in Foshan setzten sie Berichte auf Internetforen und Online Bulletin Boards, um über ihren Streik zu informieren. StreikführerInnen berichteten, sie hätten die Informationen über Chinas Arbeitsgesetze aus dem Internet. Während der Auseinandersetzungen standen sie in eigenen Chat-Rooms mit 600 ArbeiterInnen in Kontakt. Foxconn-ArbeiterInnen beschrieben ihre Bedingungen online und posteten ihre Lohnabrechnungen, die zeigten, dass ihre Überstunden weit über dem rechtlich zulässigen Rahmen lagen. Honda Lock-ArbeiterInnen in Zhongshan verschickten SMS, in denen sie andere ArbeiterInnen aufforderten, sich dem Druck der Fabrikbosse nicht zu beugen. Sie posteten detaillierte Berichte über ihren Ausstand online und veröffentlichten Videos, die zeigen, wie der Wachschutz die ArbeiterInnen herumschubst.“ (Seite 237/238)

Die AutorInnen des Sammelbandes haben sich die Mühe gemacht, im Rahmen von Feldforschungen mit den ArbeiterInnen in Kontakt zu treten. So arbeitete zum Beispiel Zheng Tiantian aus New York monatelang als Hostess in Karaoke-Bars, um das Vertrauen von Sexarbeiterinnen zu gewinnen – in der Hafenstadt Dalian im Nordosten Chinas. Dalian liegt in der Nähe Südkoreas, ist Chinas nördlichster eisfreier Hafen und seit 1984 Sonderwirtschaftszone. In der Stadt leben mittlerweile sechs Millionen EinwohnerInnen und sie ist zum Magneten für WanderarbeiterInnen geworden.

„Ein beträchtlicher Teil der Migrantinnen findet Arbeit in Dalians boomender Sexindustrie. An fast jeder Ecke der Stadt finden sich Karaoke-Bars. Jian Ping, Reporter des Magazins Xinzhoukan, spricht von der Stadt als ‚gigantische Sauna oder Karaoke-Bar‘. Laut einem der städtischen Polizeichefs gibt es in Dalian 4.000 Nachtclubs, Saunen und Karaoke-Bars, und er schätzt, dass 80 Prozent der Migrantinnen der Stadt dort als Hostessen arbeiten. (…) Die Bars werden vorwiegend von Geschäftsmännern mittleren Alters, Regierungsbeamten, Unternehmern, Neureichen, Polizisten und ausländischen Investoren besucht. Diese Kunden können die Dienstleistungen der Hostessen in Anspruch nehmen und gleichzeitig gesellschaftliche Kontakte (ying chou) oder Beziehungen (guangxi) mit Geschäftspartnern oder Regierungsbeamten pflegen.“ (Seite 134/135)

Die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen sind sehr hart, sie sind vielfältigen Gewaltverhältnissen ausgesetzt. Sie werden zwischen den Kunden, den Chefs und Chefinnen, den repressiven Maßnahmen eines autoritären Polizeistaates und seinen korrupten Vertretern zerrieben. Und sie müssen aufgrund der Doppelmoral die Quelle ihres Gelderwerbs geheim halten. Dennoch stellt die Sexarbeit für viele junge Frauen eine Möglichkeit dar, Geld zu verdienen und in der Stadt zu bleiben.

„Die Arbeit als Hostess war nicht der der erste Job der jungen Frauen. Viele begannen als Arbeiterinnen in Fabriken oder als Kellnerinnen in Restaurants und Hotels: Einige fingen als Hostess an, weil sie durch Lohnrückstände und massive Lohnabzüge in eine auswegslose finanzielle Situation geraten waren.“ (Seite 139)

Yan Hairong untersucht die Unterschiede zwischen den Arbeits- und Lebensbedingungen der Haushaltsarbeiterinnen in der Mao-Ära und heute. Auch in China nimmt der Bedarf an bezahlter Hausarbeit in Privathaushalten zu. Einer der Gründe für die neue geringere Autonomie der migrantischen Arbeiterinnen in städtischen Haushalten sei die staatliche und gesellschaftliche Um- bzw. Abwertung des maoistischen Konzepts der Ruralität:

„Die Arbeitgeber finden es unfassbar und lächerlich, dass migrantische Hausangestellte ‚einfache‘ Hausarbeiten wie Bügeln und das Reinigen von Parkettböden nicht beherrschen. (…) Im neuen häuslichen, Modernität verkörpernden Raum finden die jungen migrantischen Hausangestellten keine Orientierung und werden einer materiellen und symbolischen Ordnung unterworfen, deren fremder und beherrschender Code von den Arbeitgebern mit ihrer Autorität und ihrem überlegenem Zugang zu Modernität programmiert und überwacht wird. (…) Ihre ländliche Identität wird als unpassend und dem kosmopolitischen häuslichen Raum widersprechend beschrieben, und so ihr Wert und ihre Identität negativ markiert.“ (Seite 183)

Insgesamt ergibt sich das Bild, dass trotz des Versuches des Blicks von unten viele Beiträge aus der Perspektive des Kapitals und vom Leid der ArbeiterInnen sprechen, deren kollektive Subjektivität nur an manchen Stellen aufblitzt. Das führt trotz der beschworenen Hoffnung, die vielen kleineren, meist voneinander isolierten Arbeitskonflikte würden irgendwann in einen Massenaufstand der ArbeiterInnenmacht umschlagen, letztendlich doch zu einem Gefühl der Ohnmacht. Jenseits der Kritik der deutschen HerausgeberInnen an der Verrechtlichung der ArbeitInnenunruhen und an der Linken, die sich dem Staat als Helferin bei der Reformierung der Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital andienen wolle, wird dem Versuch, aus einer Analyse der gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse heraus eine mögliche Perspektive der radikalen politischen Organisierung zu wagen, aus dem Weg gegangen.

Abschließend soll noch bemerkt werden, dass es schade ist, dass die meisten Texte vor Ausbruch der Krise 2008 fertig gestellt wurden. So erfahren wir nur in einzelnen Beiträgen etwas über die Auswirkungen der Krise auf die Bedingungen der ArbeiterInnen sowie über deren Versuche, darauf zu reagieren. Das ist aber wohl zum Teil auch dem hohen Zeit- und Arbeitsaufwand für wissenschaftliche Arbeit geschuldet – sowie den sorgfältigen Übersetzungen und all den anderen Arbeiten, die für das Entstehen des sehr schön gemachten Buches notwendig waren.

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