Grundrisse, Nummer 12
Dezember
2004
Gerald Raunig (Hg):

Bildräume und Raumbilder

Repräsentationskritik in Film und Aktivismus

Wien: Turia + Kant 2004, 188 Seiten.

Dieses Buch ist aus zwei Workshops in Neapel und in Wien entstanden und kann gewissermaßen als Fortsetzung von „Transversal“ [1] gesehen werden. Waren frühere Bewegungen sehr oft nur „polit-aktivistisch“, so zeichnet sich in den letzten Jahren ab, dass sich in Zusammenhang mit der globalen Protestbewegung (aber auch mit der Bewegung gegen Schwarz-Blau in Österreich) immer öfter Aktivismus, Kunstproduktion und Theorie zusammenkommen (nicht umsonst beginnt Raunigs Einleitung mit Deleuze / Guattari „...revolutionäre Maschine, Kunst-Maschine und analytische Maschine werden wechselseitig Bestandteile und Räder voneinander...“). Die Beiträge dieses Bandes behandeln diese wechselseitigen Durchdringungen von verschiedenen Blickwinkeln aus.

Der erste der vier Teile mit dem Titel Politik des Raumes geht vom Blickwinkel der TheoretikerInnen aus. Oder es wirkt zumindest auf den ersten Blick so, denn offensichtlich ist es immer schwerer möglich, einen Standpunkt einzunehmen, der außerhalb der anderen Felder liegt. Zwei Beiträge zum Begriff des Öffentlichen drücken am ehesten noch diese begrenzte Sicht aus. Auch der Beitrag über die Geschichte der Autonomia und die Reaktionen des kapitalistischen Systems kann auch als noch ausdrücklich analytisch gesehen werden. Weiter geht aber insbesonders der Artikel von Marion Hamm. Sie setzt sich mit konkreten politischen (weniger künstlerischen ) Praxen auseinander. Sie beschreibt an Hand der Organisation des Grenzcamps in Straßbourg, dass die Verknüpfung der neuen kommunikativen Netzwerke (sie ist Aktivistin bei indymedia) mit den konkreten Subjekten vor Ort nicht so läuft, wie es manchmal idealisiert dargestellt wird. Dass Kommunikation und Information über tausende von Kilometern oft besser funktioniert als am Ort des Aktivismus. Wo soziale Zusammenhänge nicht durch formale (etwa Plenums-) Strukturen ergänzt werden können, sondern eine erstaunliche Sprachlosigkeit bleibt.

Im zweiten Teil Raumbilder geht es um Orte, die sich im vermeintlich „ortlosen Empire“ als Räume der Information und Kommunikation gegen die herrschenden Strukturen herausbilden. Nicht umsonst führt Raunig in der Einleitung Negris Begriff der „konstituierenden Macht“ (als freie und komplexe Subjektivitäten außerhalb des Staates) ein, die sich (das ist jetzt meine Sichtweise) an den hier angeführten Beispielen in Ansätzen erkennen lässt: die Universal Embassy in Brüssel, wo die verwaiste Botschaft von Somalia von Illegaliiserten als Raum zum Überleben benützt wird, das Centro Sociale Leoncavallo in Mailand als Ort, in dem sich Leben, Kunst und politischer Aktivismus überschneiden, der Zócalo, der zentrale Platz in Mexico City, der eine Fläche sowohl für das (kapitalistische) Leben bietet wie auch für politische Manifestationen des Staates, aber auch gegen den Staat. So wie die Funktion des Zocalo zweideutig bleibt, wird in dem Beitrag über Argentinien beschrieben, wie die Elemente konstituierender Macht nach dem Dezemberaufstand 2001 in die neuerlich konstituierte Macht des Regimes des linken Peronisten Kirchner verwandelt wurde. Abgeschlossen wird dieser Abschnitt mit der Beschreibung der Aktivitäten des Volxtheaters. Diese kann als Fortsetzung aus „Transversal“ verstanden werden. Als Projekt ist es eines der ambitioniertesten in Bezug auf die Überschreitung der verschiedenen Bereiche.

Im Abschnitt Bildräume reflektieren FilmproduzentInnen über den Umgang damit, dass das Medium Film zwangsläufig repräsentieren muss, trotzdem als Mittel zur Emanzipation dienen kann. Ein entscheidendes Moment dabei ist das Offenlegen des filmischen Blickes gegenüber den ProtagonistInnen wie etwa den Menschen in zapatistischen Gemeinden oder den politischen AktivistInnen, die die FilmemacherInnen „zum Sprechen“ bringen wollen. Im vierten Teil Bildpolitik wird die filmische Repräsentation noch radikaler in Frage gestellt. In verschiedenen Beiträgen wird gezeigt, dass es eine Illusion ist, von Bildern eine „Wahrheit“ zu erwarten, sondern dass Wahrheiten immer nur in den Kommentaren, in der Einordnung, im Diskurs zu den Bildern entstehen, aber auch dass diese Wahrheiten produziert sind. Der letzte Beitrag von Maurizio Lazzarato beschäftigt sich mit den Veränderungen im Kapitalismus: dass es bereits das Unkörperliche ist, die Bilder, Zeichen und sprachlichen Aussagen, das unsere Seelen und Hirne beeinflusst und dadurch unsere Körper und auch die Subjektivitäten widerständiger Menschen.

In der Kontrollgesellschaft, im Zeitalter der immateriellen Arbeit verändert sich die Art der Textproduktion. Die Beiträge in diesem Band reflektieren über die Verbindungen, die quer zu den noch in früheren Epochen dominierenden sozialen Zusammenhängen laufen („transversal“). Es wäre zu hoffen, dass diese Texte zu neuen Experimenten in Richtung der Überschreitung (aus dem Politaktivismus, aus der Kunst, aus der Theorie hinaus) motivieren. Dieses Buch sollte auch in verschiedenen Zusammenhängen diskutiert werden (gerade das Umfeld der Grundrisse tendiert ja zur Beschränkung auf theoretische Diskussion).

[1Gerald Raunig (Hg) (2003): Transversal. Kunst und Globalisierungskritik. Wien: Turia + Kant.

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