Grundrisse, Nummer 43
September
2012
Laurie Penny:

Fleischmarkt: Weibliche Körper im Kapitalismus

Hamburg: Nautilus, 128 Seiten, Euro 9,90

Feminismus reloaded

Frage: Was ist „Feminismus“?
Antwort: Ganz einfach: die Überzeugung, dass Frauen genauso frei sein sollten wie Männer, egal, wie durchgeknallt, dämlich, schlecht gekleidet, fett, faul und eingebildet sie sein mögen.

Caitlin Moron („How to be a woman“)

Ein Gespenst geht um in Europa (und darüber hinaus) und es wird (wieder) beim Namen genannt! – Ohne sich hinter Präfixen wie Post-, Pop-, Alpha, Queer… zu verbergen oder zu schmälern, setzt Laurie Penny, Autorin von Fleischmarkt, einem schmalen Bändchen, das das Zeug zu einem neuen feministischen Manifest hat, mit klaren Worten und gegen jede Ironie auf das „F-Wort“:

Fleischmarkt verschwendet keine Zeit damit, den Feminismus zu entschuldigen oder zu erklären, warum der Feminismus nach wie vor ein notwendiger Strang des Denkens ist, auch fast hundert Jahre nachdem Frauen anfingen, sich mit dem Kampf um das Wahlrecht selbst zu befreien. Andere Bücher, Essays und Aktivistengruppen haben diese Arbeit in den letzten fünf Jahren schon begonnen und das Aufkommen einer neuen Generation von feministischen Kämpferinnen in der westlichen Welt und darüber hinaus begleitet. (S. 10)

Warum sie sich nach mehrmaligem Ändern zu dem Titel Fleischmarkt (engl. Original: Meat Market. Female flesh under Capitalism) entschlossen hat?

Das weibliche Fleisch ist eine starke Ressource. Selbst in Gesellschaften, in denen die Gleichberechtigung der Frau gesetzlich verankert ist, sind es naturgemäß noch immer Frauen, die schwanger werden, Kinder gebären und großziehen. Sie leisten den größten Teil der Haus- und Betreuungsarbeit, ohne dafür einen Cent zu bekommen und oft zusätzlich zu einem bezahlten Vollzeitjob außer Haus. Zudem werden über 80 % aller verkauften Produkte und Dienstleistungen in den Ländern der ersten Welt von Frauen gekauft, was einen lebenswichtigen Motor für den Konsum darstellt, der nötig ist, um die neoliberalen Produktionsverhältnisse zu erhalten. Das Überleben der modernen Ökonomien hängt von der bezahlten und unbezahlten Arbeit, der Kaufkraft und der Reproduktionsfähigkeit von Frauen ab. Dass Frauen sich dieser Macht bewusst würden, wäre unerträglich: Die Gefahr wäre zu groß. (S. 9)

Was die Autorin möchte, ist einen Raum zu schaffen, „in dem einige der analytischen Stolpersteine des zeitgenössischen feministischen Denkens untersucht werden können“ (ebd).

Sie erhofft sich damit ein „größeres Verständnis der politischen Gesamtsituation und der praktischen Grundlagen der Unterdrückung der Frau zu entwickeln“ zu dem der Feminismus alsbald in der Lage sein sollte.

Die „Stolpersteine“ benennt sie als „ein gewisser Mangel im Bereich der materialistischen Analyse, die insbesondere die Frage der Sexarbeit und die Stellung transsexueller Frauen betreffen. Fleischmarkt – so Laurie Penny – biete eine „materialistische Sicht auf Geschlecht und Gesellschaft“ an und stelle „einige der Parameter dar, die für den Handel mit dem weiblichen Fleisch als sexuelles und soziales Kapital von Bedeutung sind.“ (S. 10)

Es genüge nämlich nicht, „die körperliche Unterdrückung von Frauen auf sexueller Ebene festzumachen“:

Sexuelle Unterdrückung, Repression und Ausbeutung finden nach wie vor statt, aber sie sind nur einige der Strategien, mit denen die Frauenkörper als mögliche Quelle der Rebellion überwacht werden. Die am Ende des 20.Jahrhunderts durch die weitgehende Akzeptanz von Verhütungsmitteln in weiten Teilen des Westens stattfindende Loslösung der Reproduktion und der damit zusammenhängenden Arbeit vom Geschlechtsverkehr führte dazu, dass die durch den postfordistischen Kapitalismus ausgeübte Kontrolle über die geschlechtsspezifische Arbeit von Frauen sich über den Bereich des Sexuellen hinaus ins Materielle ausdehnen musste, in die physische und semiotische Struktur von Geschlecht und Körperlichkeit an sich. (S. 12)

Somit zeigt Penny in ihrer Analyse anhand von vier Parametern jene „Mechanismen der Verdinglichung und körperlichen Marginalisierung von Frauen“ auf, die in ebenso vielen Kapiteln abgehandelt werden: über die Dialektik des Sexuellen („Anatomie der modernen Frigidität“), über Essstörungen/ Magersucht („Raum einnehmen“), Transgender („Geschlechtskapital“) und unbezahlte Hausarbeit („Drecksarbeit“).
Frauen wurden noch nie so stark über ihren Körper angerufen , wie zur Zeit, sagte Angela McRobbie, Autorin von Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes in einem Interview in den An.schlägen. [1]

Das derzeit herrschende normative Schönheitsideal, die Schönheitsdiktatur, wie Penny es nennt, das Schönheits- bzw. Geschlechterregime (McRobbie) zwingt Frauen dazu, ihren Körper als erotisches Kapital zu perfektionieren, zu stylen und sexy zu „stählen“. Die „sexuelle Performanz und Selbstverdinglichung“ kosten Geld und Zeit und sind „Formen von Arbeit“. Daran verdienen bekanntermaßen Schönheitschirurgie, Kosmetik- und Klamottenindustrie, Gesundheits-/Diät- und Fitnessabteilung, die neuerdings auch hierorts Pole-Dance-Kurse anbietet, „um die alte Kunst der Verführung“ mit der Straffung des Körpers zu verbinden (aus einer Werbung, S. 31) – Nicht zuletzt auch die Pornoindustrie, die „allein in Amerika 14 Milliarden Dollar“ umsetze (S. 27)

Die sexuelle Dialektik besagt, dass von Frauen zwar selbstbewusstes Auftreten und allzeit sexuelle Verfügbarkeit erwartet wird, in einem „Hagelsturm von Medienbotschaften, die die Verfügbarkeit der weiblichen Erotik propagieren“ doch, „wenn über Frauen von heute und ihre Sexualität berichtet wird, so wird sie meist mit einer Art Hurerei in Verbindung gebracht“. (S. 17) Eines der schlimmsten Dinge, die Frauen passieren kann, ist immer noch als „Nutte“ bezeichnet zu werden.

Das Doublebind von, „wiederauferstandenem Puritanismus“ und „absoluter Libertinage“ hat aber nichts mit „echtem Sex“ zu tun, sondern ist „die Illusion von Sex, eine Airbrush-Fantasie von Sexualität mit erzwungenem Spaßfaktor, die so steril wie unbarmherzig ist“.

Sie bezieht sich auf Baudrillard, der in La socieè de consammation darauf hinweist, dass in den erotisierten Körpern die Tauschfunktion vorrangig sei (und nicht Fleisch/ Geschlecht/Begehren), sodass „fragmentierte Teile des Körpers in einem weitreichenden Prozess der Sublimation instrumentalisiert“ werden, und so „das Heraufbeschwören des Körpers zugleich seine Verbannung ist“. Baudrillards Unterscheidung von „erotischem Kapital“ und „Sexualität an sich“ muss, so Penny, als real gesehen werden. Viel wichtiger als die körperlichen Wünsche sexueller Entwicklung junger Menschen sei die „Bildung und Bewahrung von erotischem Kapital“ (S. 26)

Penny sieht Parallelen zwischen der Situation der Sexarbeiterinnen im speziellen und der Frauen im allgemeinen: „Die Allgegenwart weiblicher Sexarbeit als Tatsache und als gesellschaftliches Narrativ betrifft auch Frauen, die keine Sexarbeiterinnen sind, weil im Spätkapitalismus jede weibliche Sexualität Arbeit ist.“ (S. 43)

Sexarbeit ist, so Penny, keine moralische Frage sondern eine ökonomische.

In einer Welt, in der Scham und sexuelle Gewalt nach wie vor harte Währungen sind, ist die Tatsache, dass die Sexindustrie ein ganz normaler Wirtschaftszweig geworden ist, ein Symptom, und zwar nicht des sozialen Niedergangs, sondern der ökonomischen Ausbeutung von Frauen, die in einem nie da gewesenen Ausmaß auf einen weiblicher werdenden Arbeitsmarkt stattfindet, wo von allen arbeitenden Frauen in gewisser Hinsicht erwartet wird, dass sie ihre Sexualität kommerzialisieren. Die Gewalt, die den Körpern von Sexarbeiterinnen angetan wird, und die moralische Marginalisierung von Prostituierten haben Einfluss auf alle Frauen, überall. (S. 43)

Für die Rechte von Sexarbeiterinnen zu kämpfen, heißt auch, dafür zu kämpfen, „dass die Frauen echte Kontrolle über die Erträge dieser Arbeit erlangen“. (S. 44)

Ausdruck eines kulturellen Traumas, das entsteht, „wenn der weibliche Körper als kommerzielle Ressource angeeignet und die Frau als industrielles Produktionsmittel verstanden wird“ (S. 45) sind die vielfältigen Essstörungen durch die an die Frau gebrachte Überzeugung, „dass sie abnehmen müssen, weniger Raum einnehmen dürfen und sich selbst am besten verschwinden lassen sollten“ (S. 47)

Täglich wird uns klargemacht, dass wir hungriger, schlampiger, hässlicher, bedürftiger, ärgerlicher, mächtiger und weniger perfekt sind, als wir sein sollten. (S. 46)

Penny, die selbst von Magersucht betroffen war, schreibt, dass 1 von 100 Frauen und 1 von 1000 Männern in Europa und Nordamerika an dieser Krankheit leiden und dass seit 1999 die Anzahl der Teenager, die mit Essstörungen in eine Klinik eingeliefert werden, um 80 % gestiegen ist –

Und wieder: „Die Furcht vor dem weiblichen Fleisch ist die Furcht vor der weiblichen Kraft.“ (S. 68) Das heißt also, unsere Körper und damit einhergehend unsere Macht zurückzufordern. Riot! Don’t diet.

Über Transfrauen und Transvestiten schreibt Penny, dass sie die Spielregeln sichtbar machen, indem sie zeigen, dass „Weiblichkeit eine Lebensweise ist, die käuflich erworben werden kann und muss“ (S 87). So sind transsexuelle Frauen so wie Frauen, die Sex verkaufen, eher expliziter als impliziter Teil „des brutalen kapitalistischen Austausches von Geschlechterzeichen“. Dies sei auch ein Grund, warum sie zu „Prügelmädchen“ der westlichen Kultur werden: „Die Körper von transsexuellen Frauen werden marginalisiert und bestraft, weil sie die Mechanismen offen legen, mit denen der moderne Panzer des Geschlechterkapitals mit seiner Macht über Frauenkörper erhalten wird.“ S. 89)

Penny argumentiert gegen Geschlechter-Essentialismus und positioniert sich: „Feminismus fordert Geschlechterrevolution, und Geschlechterrevolution braucht die Transbewegung.“ (S.86)

Schließlich kommt Penny am Ende ihrer Beschreibung der „Drecksarbeit“, die Frauen unbezahlt leisten, zu Sklavinnen macht, zu einer Vision der Verweigerung:

Die weibliche Macht der Verweigerung ist für jede Gesellschaft das erschreckendste und stärkste Ängste auslösende Moment überhaupt. Frauen könnten sich theoretisch weigern zu kochen, zu putzen, zu betreuen und das Funktionieren der Gesellschaft sicherzustellen. Frauen könnten sich weigern, sich dem patriarchalen Wunsch nach angemessenem und ausreichendem Sex, aber auch nach dem Erhalt der sozialen Ordnung unterzuordnen Frauen könnten die lebenserhaltende Arbeit des Kinderkriegens und Aufziehens der zukünftigen Generationen verweigern, die mit dem häuslichen Geschlechterkrieg untrennbar verbunden ist. Einfach indem sie überhaupt nichts täten, könnten Frauen jede westliche Gesellschaft morgen in die Knie zwingen. (S. 116)

Es geht schlicht und einfach um das Recht, Nein zu sagen. Doch: dürfen wir, können wir Nein sagen? Oder ist es nicht so, „dass wir alle wissen“, „dass eine Frau, die Nein sagt, in Wirklichkeit Ja meint“? (S. 117)

Wenn wir frei sein wollen, müssen die Frauen des 21. Jahrhunderts aufhören, die Spielchen mitzuspielen. Wir müssen unsere schwachen Bemühungen zu glauben, dass unsere Körper ganz akzeptabel sind, aufgeben und anfangen zu wissen, und zwar mit klarer und strahlender Gewissheit, dass wir starke und mächtige Menschen sind. (S. 123)

Bleibt nur noch zu wünschen, dass für die Umsetzung diesem Buch eine rege Lesetätigkeit und fruchtbare Diskussion beschieden ist. Im Namen des Feminismus!

[1Angela McRobbie: Top Girls. Feminismus und der Aufstieg des neoliberalen Geschlechterregimes. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Mit dieser Studie über den gegenwärtigen Zustand des Feminismus und seiner Verhandlung in der Populärkultur nimmt Angela McRobbie das zeitgenössische Aufatmen über das „Ende des Feminismus“ kritisch ins Visier. Nicht zuletzt sei dies auch eine Folge davon, dass boshafte Retraditionalisierungen von Geschlechterregimes die (kulturelle) Oberhand gewinnen. McRobbie analysiert empirisch, wie sich Konsum- und Populärkultur Rhetoriken und Bilder von weiblicher Freiheit und Autonomie aneignen und damit vordergründig den Erfolg von Frauen zu unterstützen scheinen. Doch McRobbies Tiefenbohrungen in die Welten von Bridget Jones und Heidi Klum zeigen, dass Frauen faktisch in neue, post-feministische „neurotische“ Abhängigkeiten gedrängt und (wieder einmal) degradiert werden. (Klappentext)

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