Heft 3-4/2001
Juli
2001

Im Empire

Negri und Hardt im postfordistischen Kapitalismus

In ihrem Buch Empire analysieren Hardt / Negri die Umstrukturierung des Kapitalismus vom Imperialismus zum Empire. Dieses Buch führt in eine Diskussion, die sich weder auf das Beklagen der Schrecken des kapitalistischen Systems noch auf das Hochjubeln einer wie auch immer gearteten Zivilgesellschaft beschränkt, sondern wo auch eine antikapitalistische Umwälzung angedacht wird.

Im ersten Teil des neuen Negri-Buches geht es darum, die neuen Herrschaftsformen zu skizzieren. Die neue Weltordnung, die erst seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wirklich eine Weltordnung ist, wird nicht mehr über Nationalstaaten definiert, sondern ist die Weiterentwicklung der Idee der vereinten Nationen. Es ist ein Modell des „ewigen Friedens“, was aber dauernde Kriegführung unter dem Titel von Polizeiaktionen bedeutet. Parallel dazu gibt es eine Verschiebung von der Disziplinargesellschaft (Fabrik, Familie, Schule, Gefängnis etc.) zu einer Kontrollgesellschaft. Die Organisation der Macht erfolgt auf der Ebene der zivilgesellschaftlichen Organisationen, die durch ihre Art der Selbstorganisation die (Selbst)disziplin bis in die einzelnen Individuen durchsetzen. Eine weitere Organisierung der Mikromacht ist die Art der Produktion, die die hierarchischen Strukturen minimiert und sie durch Kommunikation, Kollektivität und Selbstverwertung der neuen ArbeiterInnen (neue Selbstständigkeit, Projektarbeit) ersetzt. Revolten und Aufstände gegen diese Art der Herrschaftsausübung, die natürlich stattfinden (die Autoren erwähnen u.a. die Aufstände in Los Angeles 1992, die Rebellion der Zapatisten 1994, die Streiks in Frankreich 1995 und in Südkorea 1996), haben das Problem, daß sie sich trotz der neuen Kommunikationsmittel nicht aufeinander beziehen. Dieses Buch möchte ein Werkzeug dafür sein, einen gemeinsamen Feind auszumachen (die Struktur des Empire) und eine gemeinsame Sprache zu finden: die Durchsetzung berechtigter Forderungen ist nicht durch den Erhalt der alten fordistischen Strukturen möglich, sondern geht nur durch das Empire durch und über das Empire hinaus.

Im zweiten Teil geht es um die Entwicklung staatlicher Strukturen in der Moderne. Der Bogen spannt sich von den ersten Staatstheoretikern der Aufklärung über die Entstehung von Nationen und Nationalismus, dem Kolonialismus bis zur Definition der Souveränität in der Verfassung der Vereinigten Staaten. Sie gilt durch ihren dezentralen Charakter als Modell für die Struktur des Empire. In der zweiten Hälfte dieses Abschnitts werden als Symptome des Übergangs die Kritiker der modernen Staatsverfassungen behandelt, die die nationalistischen und kolonialistischen Theorien als konstruierten Dualismus zwischen einem Innen und einem Außen denunzieren. Im Empire gibt es kein außen mehr, Differenzierungen (Nationalismen und Ethnizismen) werden benützt, um die herrschenden Netzwerke nicht zu gefährden. Antiimperialmus wird auf ein Krisenmanagementproblem reduziert.

Nach Ansicht der Autoren verkommt die berechtigte postmoderne Kritik an den Herrschaftsstrukturen letztlich zu einer Bestätigung der neuen Herrschaftsformen, wenn nicht die Produktion einbezogen wird. Im dritten Teil wird zuerst die Entstehung der fordistischen Produktionsweise als Antwort auf die Kämpfe der ArbeiterInnenbewegung beschrieben. Sozialleistungen werden nicht nur als positive Elemente, sondern auch als Werkzeuge zur Disziplinierung und Kontrolle gesehen. Ein neuer Kampfzyklus um 1968, der in seiner Unterschiedlichkeit und Vielfalt als Aufstand gegen die herrschenden Disziplinarsysteme zusammengefasst werden kann, zwingt den herrschenden Strukturen die entscheidenden Veränderungen in Richtung der netzwerkartigen Machtausübung des Empire auf. In der zweiten Hälfte dieses Abschnittes geht es um die Organisation der Arbeit und der Macht im Empire. Dominierend ist nicht mehr die Arbeit in der industriellen Produktion, sondern die immaterelle Arbeit: In den Betrieben dominiert die Kommunikation über die Produktion, Produkte werden erst erzeugt, wenn sie der Markt verlangt. Die Informatisierung schafft viele neue Jobs, die mit symbolischen und analytischen Aufgaben der Dateneingabe zu tun haben und immer mehr Arbeit besteht aus persönlichem Kontakt und hat mit Gefühlen und Körperlichkeit zu tun, das was früher weibliche Arbeit war, die nur indirekt durch den Kapitalismus ausgebeutet wurde. Gemeinsam ist allen Typen der immateriellen Arbeit, daß Kooperation und Kommunikation Teil der Arbeit selbst ist. Die internationalen Organisationen, transnationalen Konzerne und Institutionen der Zivilgesellschaft konsituieren das Empire, indem sie auf dem Wissen, der Kommunikation und Kollektivität, dem Selbstbewußtsein und der Selbstverwertung einer Multitude (der Vielheit der menschlichen Wünsche und Bedürfnisse, in Abgrenzung zu Volk und ArbeiterInnenklasse) aufbauen. Um die Ausbeutung zu organisieren, muß immer wieder Selbstbewußtsein und Subjektivität produziert, zugleich aber immer wieder reguliert und kontrolliert werden. Die Vielfältigkeit wird als Teil des Systems anerkannt, Differenzen, insbesonders ethnischer Art, werden benutzt und durch internationales Krisenmanagement verwaltet. Rebellionen werden domestiziert, indem sie in einer Gesellschaft des Spektakels aufgehen.

Im letzten Teil geht es darum, daß sich das Empire zwar als ewig definiert, aber durch die Abhängigkeit von der Kreativität der Multitude in einer permanenten Krise ist. Als Elemente einer Gegenmacht werden Vorschläge in drei Richtungen gemacht: (A) es soll ein Recht auf Weltbürgerschaft geben, Papiere für alle, wie es die Sans Papiers in Frankreich gefordert haben, (B) es soll das Recht auf ein soziales Einkommen mit oder ohne Arbeit geben und (C) es soll um die Wiederaneignung der Sprache und Kommunikation, der Beziehung zur Maschine, der Kooperation und Kollektivität des (eigenen) Lebens, des Körpers und der Reproduktion gekämpft werden.

Auch wenn die konkreten Vorschläge am Schluß eher vage bleiben, zieht sich durch den ganzen Text die Idee, daß das herrschende kapitalistische System an der Kippe steht, daß die neuen Organisationsformen der Arbeit nur darauf warten, von den lähmenden Zwängen des Kapitals befreit zu werden. Nationalismus, auch Befreiungsnationalismus kann dabei keine emanzipatorische Rolle spielen. Auf jeden Fall bietet es eine Vorstellung, daß eine revolutionäre Umwälzung möglich ist, daß es sinnvoll ist, daran zu arbeiten. Kritisch ist zu bemerken, daß die Multitude als permanenter Ausdruck der Rebellion zu positiv erscheint, es wird zwar davon gesprochen, daß das Empire die Widerstände integriert oder gegeneinander benutzt, geht aber nur am Rande darauf ein, daß sich Wünsche und Bedürfnisse, die sich in Kämpfen herauskristallisieren, auch regressiv ausdrücken können. Zum Beispiel hat es kaum antikapitalistische Aufstände gegeben, in denen nicht ein untergründiges antisemitisches Element als personifiziertes Kapital mitgedacht wurde. So bleibt Wertkritik und theoretische Diskussion über kapitalistische Strukturen auch aus anderen Perspektiven unverzichtbar. Aber dieser Text ist eine Motivation, einen Blick auf die zur Zeit aufflammenden sozialen Bewegungen zu werfen, der nicht von der Sichtweise der fordistischen Linken beengt wird.

Hardt Michael, Negri Antonio (2000): Empire. Cambridge, Massachusetts, London, England: Harvard University Press. ÖS 570,— / DM 80.60,—

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