Grundrisse, Nummer 31
September
2009
Stefan Nowotny/Gerald Raunig:

Instituierende Praxen

Bruchlinien der Institutionskritik

Wien: Turia & Kant 2008, Reihe republicart 9, 224 Seiten, 22 Euro

Auf Wunsch eines Freundes möchte ich hier auf den Band 9 der Schriftenreihe des Europäischen Instituts für progressive Kulturpolitik (eipcp) hinweisen. Dieser Band mit Texten von Stefan Nowotny und Gerald Raunig erschien bereits im Juli 2008 am Ende des Projekts transform, eines Projekts, an dem ich als Korrespondentin beteiligt war.

„Das als Koordinator fungierende und 1999 gegründete eipcp versucht nunmehr seit fünf Jahren, an den Schnittstellen zwischen Kunst- und Theorieproduktion, politischem Aktivismus und radikaldemokratischer Kulturpolitik Diskurse zu initiieren und zu intensivieren.“ So formulierten Bernhard Hummer, Therese Kaufmann, Raimund Minichbauer und Gerald Raunig im Jahr 2005 die Ziele und Aufgaben ihres Instituts; nachzulesen ist dies in einem früheren Buch, den republicart practices, welches ich im April desselben Fünferjahres proaktiv von der Couch im Infoladen 10 im Ernst-Kirchweger-Haus aufhob, wo ein ganzer Stapel der knallgelben Veröffentlichung auf neugierige Leser+innen wartete. Am Ende des Intros las ich dann auch von den damaligen Zukunftsplänen des eipcp, dem Projekt transform. Von da an bin ich, mal mehr mal weniger intensiv involviert (gewesen).

Ich kann dieses Buch auch empfehlen. Ob es gut ist, das will ich gar nicht beurteilen, dazu fühle ich mich nicht berufen. Die Text-Zusammenstellung funktioniert für mich aber wie eine Box, die absolut brauchbare, im Alltagskampf handhabbare Werkzeuge enthält. Es gibt einige Gründe, gerade in den grundrissen darauf hinzuweisen: Zum einen ist einer der Texte, die dieser Band enthält, vor einiger Zeit in einer außergewöhnlich hitzigen Redaktionssitzung der grundrisse besprochen und dann in einer ersten Fassung in der Nummer 19 (Herbst 2006) abgedruckt worden: „Nietzscheanissimo“ heißt der Zankapfel. Aber auch in anderen Texten finden sich Querverweise zu grundrisse-Veröffentlichungen. Darüber hinaus transversalt es mächtig.

„...die Texte unserer gemeinsamen Studie, die in diesem Buch abgedruckt sind [...] folgen tendenziell den drei Linien des Ausgangskonzepts...“ schreibt das Autoren-Duo im Vorwort von Instituierende Praxen, in dem zuallererst auch die 3 Konzeptlinien aufgelistet werden: es gehe 1. um Institutionskritik als einer spezifischen Kunstpraxis ausgehend von den 60er Jahren, um eine Kritik, die sich zu einer komplexen Bündelung der drei Stränge der Gesellschafts-, Institutions- und Selbstkritik entwickelt (hat). Die zweite verfolgte Konzeptlinie betrifft kritische Kunstinstitutionen und deren mögliche neue Organisationsformen und 3. auf der allgemeinsten Ebene geht oder ging es im Projekt transform um das Verhältnis von Institution und Kritik als sozialer Bewegung.

Alle der versammelten 13 Texte – außer zweien – wurden bereits in älteren (Teil-) Fassungen, z.T. in anderer Sprache, an anderer Stelle veröffentlicht; [1] deshalb werde ich mich auf eine dieser beiden bisher unveröffentlichten Ausnahmen konzentrieren und zwar auf „Von polizeilichen Gespenstern und multitudinären Monstern“ – ein von Gerald Raunig und Stefan Nowotny gemeinsam verfasster Text. Ich denke, es wird im Laufe meiner Buchbesprechung klar, warum ich gerade diesen Text gewählt habe.

Dieser Text also, in dem es polizeilich spukt und unheimlich multitudinös zugeht, enthält zuerst einmal ein sehr sprechendes Beispiel einer institutionskritischen „Kunstgeschichte“. Er beginnt nämlich mit einem Plot der Erzählung „Ein gewisser Plume“ von Henry Michaux aus dem Jahr 1938. An dieser Stelle sei der von mir oben gesetzte Konjunktiv erklärt (siehe oben: „es gehe 1. um Institutionskritik als einer spezifischen Kunstpraxis ausgehend von den 60er Jahren“): Entgegen der vorgegebenen Linie wird hier im Projekt-Abschluss-Band klar, dass nicht nur auf Beispiele aus der bildenden Kunst, sondern auch auf literarische und weitaus früher datierbare Exempel der Institutionskritik zurückgegriffen wird. Das fällt auf. Wer aber ist nur dieser gewisse Plume? Er sei ein sonderbarer Mensch, heißt es, er speist in einem Restaurant, und das, was er verspeist, steht gar nicht auf der Karte, worauf ihn sogleich sehr eindringlich der Oberkellner aufmerksam macht, aber nicht allein ein Oberkellner, nein, weit gefehlt, im Verlauf der Erzählung tritt ein ganzer Polizeiapparat auf den Plan um Plume zurecht zu weisen. Und was tut Monsieur Plume? Er versucht sich nur noch zu entschuldigen.

Die Polizeiforscher Gerald Raunig und Stefan Nowotny interessiert an dieser Geschichte vor allem die Ordnung des Erscheinens der Polizei und mit Walter Benjamins berühmten „Zur Kritik der Gewalt“ Aufsatz aus dem Jahr 1921 eröffnen die beiden einen kurzen Abriss der (französischen) Formierungs-Geschichte des modernen Polizeiinstituts und stützen sich dabei auf zwei Textdokumente aus dem (französischen) 18. Jahrhundert: die Abhandlung Traité de la police von Nicolas Delamare und die Gedenkrede eines gewissen Bernard Le Bovier de Fontenelle auf einen hohen Polizeibeamten. Daraufhin wenden sich Stefan Nowotny und Gerald Raunig dem Gegenpart der Polizei zu, der Multitude, dem Monster. Der Diskurs zum Problem der „gefährlichen Klassen“ wird hier in Anschluss an (Spinoza), Negri/Hardt, Paolo Virno, Marx weitergeführt. Nowotny und Raunig bringen aber neben dem Gegensatzpaar Polizei und diffuse Menge/Multitude noch zwei weitere Dichotomien ins Spiel: die Unterscheidung von Sprachmächtigen und Sprachlosen und die Gegenüberstellung von Seele und Körper. „Die ununterscheidbare, unsichtbare, ungeformte polizeiliche Seele, so das Bild Fontanelles, formt die Körper der Multitude – doch eben nur, indem sie sich als Gespenst in ihr umtreibt.“ Die beiden Autoren schlagen nun vor, diese körperliche Multitude als Monstrum dem Seelengespenst der Polizei gegenüber zu stellen, ein für mich sehr spannendes Moment, da das Monströse schon seit einigen Jahren ein wiederkehrendes Thema in meiner bildnerischen Arbeit ist (zuletzt siehe: http://lesmonstresquiparlent.over-blog.com/)

Zur Perspektive im „freien Gedankengang an den etymologischen Zusammenhang mit lat. monstrare“, die uns Stefan Nowotny und Gerald Raunig anschließend eröffnen, also zu ihrem Vorschlag der Betrachtung der „Monster“ nicht nur als Abweichung von einer Norm, sondern „in ihrer eigenen Erscheinungslogik“, muss man ein Jahr nach der Veröffentlichung des eipcp-Buches, jetzt im Herbst 2009, der Geschichte vom Walten polizeilicher Ordnung gegen „unheimliche Erscheinungen“ ein weiteres trauriges Beispiel hinzufügen: Im heurigen Frühjahr wurde ein russischer Aktivist festgenommen, der gemeinsam mit anderen Kunst- Aktivist+innen nichts weiter getan hat, als durch absurde sogenannte Monstrationen auf öffentlicher Straße auf eine mindestens genauso absurde Politik hinzuweisen. Dass der Aktivist angeblich im Besitz eines „illegalen“ Stoffes/Materials angetroffen wurde, ist in dem Zusammenhang völlig belanglos. Die Polizei wird auch dort etwas finden, wo es nichts zu finden gibt, weil sie sich halt immer sehr findig gibt. Wichtig ist es hier einmal festzustellen: Die Polizei ist humorlos.

Jacques Derridas theoretischen Überlegungen zum Monströsen, auf die sich Stefan Nowotny und Gerald Raunig beziehen, möchte ich hier etwas entgegensetzen. Derrida behauptet, nur „das Normale“ besäße Geschichte, das Monster dagegen nicht; ein Monster sei etwas, das zum ersten Mal auftauche, nicht erkannt, nicht wiedererkannt werden könne und deshalb Schrecken auslöse. Ich möchte deshalb auf Giorgio Agambens Buch „Das Offene: Der Mensch und das Tier“ hinweisen, in dem ein sehr altes Bild eines Ungeheuers, eine sehr alte „Monster-Geschichte“ abgedruckt ist. Es handelt sich m.E. um ein sehr wichtiges Bild, denn das Seeungeheuer Leviathan, das hier zu sehen ist, steigt eigentlich schon seit Jahrtausenden aus den Untiefen des Meeres auf. Allerdings muss, damit sich dies ereignen kann, erst eine Welt zu Grunde gehen. Leviathans Auftritt findet genau am Ende der Menschheitsgeschichte statt und versetzt die noch Anwesenden, welche im Talmud die 5 Gerechten heißen und, wen möchte es wundern, die selbst monströs gestaltet sind – dieses Auftrittsereignis lässt sie nicht erschrecken, denn die diesem Schauspiel nicht nur klassisch Beiwohnenden, sondern aktiv an ihm Partizipierenden 5 Gerechten geraten in einen Zustand lustvollen Staunens und zudem in die angenehme Lage, diesen aufgetauchten Monsterkörper „an einer prachtvoll ausgestatteten Tafel im Schatten paradiesischer Bäume“ mit der Musik zweier Spieler am Rande des Geschehens gemeinsam zu verspeisen. Denn: Leviathans Körper, das ist Fleisch (Giorgio Agamben, Das Offene: Der Mensch und das Tier, Kapitel 1: Theriomorph, suhrkamp 2003).

Stefan Nowotny und Gerald Raunig erzählen uns anschließend einen spannenden Minikrimi aus dem Vorfeld der französischen Revolution. Es hatten sich damals einige Leute erlaubt gemeinsam satirische Gedichte und Schmähverse auf den König (auch ein Monster) zu verfassen und in Umlauf zu bringen. Der Kampf der Polizei gegen die losen Banden erwies sich als sehr schwierig, da sich deren Autor oder Kopf nicht fassen ließ - es gab ihn nämlich gar nicht. Die Produktion der „gefährlichen“ Schriften geschah in einem unüberblickbaren Geflecht von Beteiligten. Der polizeiliche Kampf glich Herkules´ Kampf gegen Hydra und die Pariser Polizei konnte dem „vielfältigen Geflecht von Gedichten, Zusammenkünften, Zirkulationsprozessen, Weitergaben und Reproduktionen durch Memoriertechniken und Abschriften, die kein Ende nehmen wollten“ letztendlich nicht Herr werden, obwohl sie 14 Männer inhaftierten, weshalb die ganze Geschichte auch mit dem Namen Quatorze bezeichnet wird. Worauf Gerald Raunig und Stefan Nowotny aber hinaus wollen, ist die entscheidende Tatsache, dass ein Gedicht als Ausdruck einer anderen Art von Macht fungieren konnte, „der noch unbeschriebenen, aber unleugbar einflussreichen Autorität namens „la voix publique“.

Von dem „ausfransenden Netzwerk“ der Quatorze und über die Monsterbegriffe der wichtigsten philosophischen Linie im Buch von Gerald Raunig und Stefan Nowotny, nämlich Gilles Deleuze und Felix Guattari, ist der Weg nicht mehr weit zu den Monster-Institutionen, den transversalen Netzwerken und der neuen Generation von Centri Sociali in verschiedenen Teilen Europas. Dabei kommt auch ein konkretes Ergebnis des Projektes transform zur Sprache – die schriftlichen Überlegungen zu neuen Dispositiven und Institutionen sozialer Bewegungen, die in Kooperation mit der spanischen Universidad nómada entstanden sind (nachzulesen im Webjournal transversal). Vielleicht darf ich das Ziel dieses Unternehmens hier ganz knapp formulieren: es geht darum „einen Beitrag zur Erfindung einer anderen Politik“ zu leisten. Raunig und Nowotny beschreiben am Ende ihres Textes den stattfindenden Prozess, der in diesem neuen, anderen politischen Kampf, welcher sich von der klassisch modernen Ausprägung eines Kampfes nach konfrontativen Mustern, der Gegenüberstellung von Dichotomien unterscheidet, als ein Verlernen. Und zwar ein Verlernen, „das den internalisierten polizeilichen Blick abstreift, um die heterogene Erscheinungsweise des Monströsen zu bejahen.“ Stefan Nowotny und Gerald Raunig tun möglicherweise das, was von Giorgio Agamben in dem bereits zitierten Buch gefordert wird: sie erforschen das praktische und politische Geheimnis der in unserer Kultur vorhandenen Auffassung von der Trennung des menschlichen Körpers in einen Körper und eine Seele. Dass diese ihre Forschung selbst mit der Denkfigur der Dichotomie arbeitet, nun, das kann man zumindest paradox finden. Das Propagieren dieses Verlernens kann man außerdem voll begrüßen und man kann sich natürlich freuen darüber zu erfahren, dass – hier theoretisch – dafür gekämpft wird, dass der Erscheinungs- und Spielraum des Monströsen, des Hybriden eine positive Aufwertung erfährt. Ich persönlich fühl mich ja auch ein bissl in die 80er Jahre versetzt ... hör gleich meinen damaligen Zeichenlehrer vom Verlernen sprechen und sehe mich wieder in einem Studio in München Schellingstraße vor einem Blatt Papier sitzen und ein „I C H“- Bild zeichnen.

[1 

  • Anti-Kanonisierung http://eipcp.net/transversal/0106/nowotny/de
  • Instituierende Praxen, No.1 http://eipcp.net/transversal/0106/raunig/de
  • Instituierende Praxen, No.2, französisch in: Multitudes, Nr.28, Printemps 2007
  • Der doppelte Sinn der Destitution und die instituierende Tätigkeit, französisch in: Multitudes, Nr.28
  • eventum et medium, englisch in: Third Text, Nr. 92, 03/2008
  • Raum artikulieren, in: Skizzen des Verschwindens. Theatrale Raumproduktion. Theatercombinat
  • Objekte, Subjekte, Projekte; in: Wer spricht? Autorität und Autorschaft in Ausstellungen, hg. schnittpunkt
  • Instituierung und Verteilung, in 31- Das Magazin des Instituts für Theorie der Gestaltung und Kunst Nr.10/11
  • Nietzscheanissimo, in: Grundrisse- Zeitschrift für linke Theorie und Debatte, Nr.19
  • Immanente Transgression, in: Spekatakel, Lustprinzip oder das Karnevaleske? Differenzerfahrungen und
  • Strategien des Karnevalesken in kultureller/politischer Praxis, b_books
  • Fluchtlinie und Exodus, englisch in Artforum, Januar 2008
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