Grundrisse, Nummer 52
Dezember
2014
Thomas Schmidinger:

Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan

Analysen und Stimmen aus Rojava

Wien: Mandelbaum Verlag, 2014, 264 Seiten, Euro 16,90

Diese Publikation ist eine Momentaufnahme einer sich in Echtzeit abspielenden Entwicklung (...) Die Geschichte der politischen Entwicklung Rojavas wird erst zu schreiben sein.

Bücher zu aktuellen gesellschaftlichen Konflikten und Umbrüchen zu schreiben, ist für AutorInnen stets eine Herausforderung, da sie nie den Anspruch erfüllen können, tagesaktuell zu sein und mit den schnelllebigen Medien - allen voran dem Internet - nicht mithalten können. Bücher, wie jenes des Politikwissenschafters Thomas Schmidinger mit dem Titel „Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan. Analysen und Stimmen aus Rojava“ leisten allerdings einen wichtigen Beitrag, wenn es darum geht, aktuelle Entwicklungen besser zu verstehen und historisch wichtige Fakten für gegenwärtige Auseinandersetzungen aufzubereiten. Genau darin liegt auch die größte Stärke von Schmidingers Buch: „Ziel dieses Buches ist nicht eine Prognose der Zukunft Syriens, sondern eine aktuelle Darstellung der Entwicklung des zweiten kurdischen Para-Staates“.

Der Konflikt in Syrisch-Kurdistan (Rojava) bestimmt seit Monaten die mediale Berichterstattung und linke Debatten. Spätestens mit dem Erstarken des „IS“ („Islamischer Staat“) in der Region des Nordirak und Nordsyriens vergeht kaum ein Tag, an dem nicht über die Situation der KurdInnen vor Ort berichtet wird. In österreichischen Medien ist der Politikwissenschafter Thomas Schmidinger mit seinen Expertisen und Einschätzungen präsenter als jedeR andere ExpertIn. Er hat mit der Arbeit an seinem Buch bereits im Frühjahr 2014, also vor dem Vormarsch des „IS“ begonnen, die Region mehrere Male bereist (zuletzt Anfang 2014) und dabei zahlreiche Interviews mit VetreterInnen verschiedener kurdischer Organisationen geführt. Diese Interviews bilden den zweiten Teil des Buches, die „Stimmen aus Rojava“, und geben vielfältige persönliche Einblicke in die Konflikte der Region in den letzten Jahren wieder. Schmidinger hat sich dabei bemüht, unterschiedliche Standpunkte und Haltungen einzufangen, und diese seinen Analysen - dem ersten Teil des Buches - nachzustellen. Die InterviewpartnerInnen sind nicht durchgängig linke oder „klassenbewusste“ AktivistInnen, dennoch liefern sie auch für die linke Debatte interessante und teilweise auch kontroverse Einschätzungen, die sonst kaum oder nur sehr verkürzt ihren Weg in europäische Köpfe und Debatten finden.

„Feldforschung ist (...) derzeit nur kurz und nur in Begleitung möglich. In einer hochgradig politisierten Gesellschaft bedeutet dies selbstverständlich immer auch, gefährdet zu sein, sich bestimmte Sichtweisen und Perspektiven eines konkreten Akteurs, nämlich des jeweiligen Begleiters, zu eigen zu machen und damit gewissermaßen analog zu Embedded Journalism Embedded Research zu betreiben“, so Schmidinger, der aber gleichzeitig betont, dass er versucht habe, diese Gefahr zu minimieren.

Die komplexe, vielschichtige aktuelle Situation in Rojava ist ohne historische Hintergrundinformationen kaum zu fassen. Schmidinger leistet mit seinem Buch einen wichtigen Beitrag, vorhandene Lücken zu schließen. Er hat es geschafft, den LeserInnen eine Region und ihre Geschichte näherzubringen, ohne sich hierfür einer allzu akademischen Sprache zu bedienen. Verschiedene Karten, die an den Beginn einzelner Kapitel gestellt wurden, erleichtern die Orientierung, wenn es um die Sprachen, die Religionen der jeweiligen Mehrheitsbevölkerung und die ethnische Vielfalt in Rojava geht. Da Schmidinger großteils die kurdischen Bezeichnungen für Städte und Regionen verwendet, die sich teils eklatant von den eher geläufigen deutschen Bezeichnungen unterscheiden, sind die beigefügten Karten für das Verständnis nützlich.

In seinem Buch widmet sich der Autor auch der Geschichte der KurdInnen und ihrer Staatenlosigkeit. In dem Kapitel „Kurdistan: Land ohne Staat oder Land gegen den Staat“ erläutert er, wie es zum heutigen Gebiet Kurdistan gekommen ist und schreibt: „Für die überwiegende Mehrheit kurdischer Intellektueller ist die Nichterrichtung eines kurdischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg bis heute das Grundproblem der Kurdischen Frage“. Nach wie vor sind die verschiedenen kurdischen AkteurInnen und Parteien in ihren Forderungen nach Autonomie allerdings uneins.

Im Speziellen beschreibt Schmidinger natürlich die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte in Syrisch-Kurdistan und geht hierbei unter anderem auf den Konflikt zwischen links und rechts ein. Er beschreibt, welche repressiven Auswirkungen die 1958 mit Ägypten eingegangene Union (ein de-facto-Anschluss Syriens an Ägypten unter Nasser) für syrische KurdInnen hatte: „Von 1958 bis 1960 baute er (Abd al-Hamid as-Sarraj, Anm.) als Innenminister Syrien in einen Polizeistaat um, der mit dazu betrug, das positive Image von Nasser in Syrien nachhaltig zu zerstören. In seiner Amtszeit als Innenminister richtete sich die Repression zunächst vor allem gegen die Kommunistische Partei und die Syrische Sozial-Nationalistische Partei, die sich für einen großsyrischen, statt eines großarabischen Staates stark machte“. Weiters erläutert er, wie KurdInnen nach wie vor Menschen zweiter Klasse in Syrien sind und um ihre Rechte betrogen wurden und werden.

Das Buch beinhaltet neben Landkarten auch eine vom Autor selbst angefertigte schematische Darstellung der Entwicklung aller kurdischer Parteien. Auf den ersten Blick scheint die dargestellte Information unübersichtlich. Bei näherer Betrachtung liefert sie allerdings interessante Einblicke entlang einer zeitlichen Achse, die es den LeserInnen erlaubt, die Verbindungen und Brüche zwischen den kurdischen Parteien besser zu verstehen. Eingebettet in gesamtpolitische, revolutionäre, internationale und innerkurdische Konflikte kam es in den letzten Jahrzehnten zu massiven Verschiebungen, sowie Neu- und Umgründungen in der kurdischen Parteienlandschaft, deren Kenntnis wesentlich für die Einschätzung des aktuellen Konflikts ist.

Schmidinger stellt zudem in dem Kapitel „Von der Revolution in den Bürgerkrieg“ hinreichend dar, dass die Proteste, die im Zuge des Arabischen Frühlings 2011 auch Syrien erfassten, keineswegs nur Auswirkungen auf die arabischen Teile des Landes hatten. Er beschreibt, wie sich Demonstrationen und Proteste in den kurdischen Gebieten gestalteten und ausbreiteten, und mit welchen Repressionen die AktivistInnen konfrontiert wurden. „Normalerweise fanden alle diese Demonstrationen nach dem Freitagsgebet statt. Dies bedeutet nicht, dass die Demonstrationen irgendeinen religiösen Charakter hatten oder nur von Muslimen besucht wurden. (...) Das Freitagsgebet ermöglichte allerdings, wie in ganz Syrien, dass eine bereits große versammelte Menge gemeinsam losmarschieren konnte und die syrischen Sicherheitskräfte solche Demonstrationen schwerer unterbinden konnten, als Demonstrationen, die erst die TeilnehmerInnen sammeln mussten“.

Inhaltlich hat es Thomas Schmidinger mit seinem aktuellen Buch geschafft, eine komplexe Thematik und Geschichte für das Verständnis eines aktuellen Konflikts leserInnenfreundlich aufzubereiten. Als Leserin sehe ich daher an dieser Stelle über die leider inkonsequente geschlechterneutrale Schreibweise hinweg und kann die Lektüre von Krieg und Revolution in Syrisch-Kurdistan. Analysen und Stimmen aus Rojava jeder und jedem empfehlen, die/der sich dem tagesaktuellen Geschehen in den kurdischen Provinzen und Autonomiegebieten Syriens aus einer alternativen, historischen und vor allem authentischen Perspektive nähern will.

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