FORVM, FORVM EXTERNVM
September
2020
Aus: „en face“, 5. Jahrgang, Dezember 1966, S. 8–11

Kritik eines Versuches

Rezension von: Günther Nenning, Sozialdemokratie. Ein Versuch, insbesondere für die Jugend. Wien etc. (Europa Verlag) 1965, 216 Seiten.

Geplant war ein Interview, das Peter Heintel mit Nenning führen s/wollte.
Nach einem langen Gespräch, das Martin Schaub fotografisch dokumentiert hat,
rezensierte Peter lieber dieses damals kürzlich erschienene Buch.

In einer Zeit, in der Schlagworte wie wilde Hunde an der Leine des Intellekts herumlaufen und bellend die Furchtsamen beißen, in der Begriffsdrachen aufeinander losgehen und ins Leere beißen, dabei aber hörbar klappern, und Phrasen wie blinde Schlangen um eine vermeintliche Beute züngeln — da tritt plötzlich der skeptisch-nüchterne Geist hell aus dem Nebel des Scheins heraus. Jung, frisch und vorbehaltlos macht er vor keinem autorisierten Gedankengefüge halt, schätzt keine Namen, keinen Rang, scheinbar nur sich selbst und die Vernunft. So steht er zunächst allein, auf sich selbst beschränkt, und ihm gegenüber liegt alles andere, das zu untersuchen er sich vorgenommen. Doch findet dieser skeptische Geist sein Genügen nicht in sich, dem Zweifel und seiner Subjektivität. Die bloße Kritik, das behende Durchschauen allein befriedigt nicht. Hier immer zurückgeworfen auf das leere Selbst als dem Prinzip der Kritik versucht der Geist, dieses Selbst zu bewähren, sucht neue Inhalte, gestaltet einen neuen Lebensraum für sich. Denn die bloße Kritik ist die reine Negativität, das Nichts zu allem Bestehenden; sie kann alles und nichts durchschauen und läßt daher auch alles beim alten. Sie ist das leere Schwadronieren und Raunzen, das dem eigenen Unbehagen nur in Gefühl und Launen Ausdruck gibt und sich noch nicht zur Klarheit über sich selbst aufgeschwungen hat. Zwar ist wohl auch diese Kritik von ihrem Gegenstände inspiriert, hat sich aber noch nicht die Wahrheit des Gegenstandes zu eigen gemacht und verharrt daher bei sich, seinen Stimmungen und seinem Befinden. Dieses gefühlsmäßige Durchschauen ist zu einer unproduktiven Sterilität verurteilt; die Wirklichkeit kümmert sich nicht darum, sie bleibt bei sich und läßt die Kritik nebenherlaufen. Meist hängt ihr — dieser launenhaften Selbstbespiegelung — bald die Zunge heraus, mit der sie alles beleckt und mit Schleim versieht; schnell zieht sich die trocken gewordene ins Maul zurück, das jetzt geschlossen schweigt — und unverwandt versöhnt sie sich wieder mit ungeahnter Geschwindigkeit mit der ach so schlechten Wirklichkeit. Dieser sterilen Kritik steht die wahre gegenüber, die nicht mit sich zufrieden aus ihrer Negativität das Positive hervorzubringen versucht. Auf zaghaften Füßen kommen dann zwar die neuen Ideen, sie müssen erst in unserer Welt gehen lernen, aber sie sind da. Und schneller als die Kritik es oft will, werden sie lebensfähig und spazieren munter in der Welt umher; schneller auch als beabsichtigt werden sie Schlagwort, alltägliches Wortgeklingel und zum neuen Gehege des alten Geistes erklärt. Die stolzgeschwellte Brust mit neuen Ideen wie mit alten Orden bespickt, merkt der aufgeputzte Ideenrepräsentant nicht seine Halbheit. Er hat das Neue in den alten Sauerteig eingerührt und läßt es dort verkommen. Dennoch brüstet er sich laut darob, spricht von Fortschritt und Entwicklung und hält sich wohl für den Fortgeschrittensten. Doch sind alle Ideen seiner Welt und seinem Handeln äußerlich. Er tut das, was er immer getan hat, sein Handeln bleibt von der Idee unbestimmt. Mühsam zusammengeklittert reißt ihr Weltbild dort und da; doch dieser Riß wird überspielt, Phrasen, Wörter und Versicherungen werden dort etabliert, wo der Zusammenhang fehlt. Die positive Kritik geht im Klischee des Alltags unter, nur daß sie lauter, frecher und selbstbewußter ist; sie dünkt sich neureich und zukunftsträchtig in ihrem Geiste und ist doch ärmer, leerer und älter als alles Vergangene. Doch es ist nicht allein ihre Schuld; weil die fruchtbare Kritik ihren Boden noch nicht gänzlich bebaut hat, gibt es genug Leerstellen, wo noch das alte Unkraut wuchert — und dort nistet sich die alte Phrase ein und glaubt sich originell; weil sie in einer neuen Umgebung wohnt. Nicht schnell genug kann der neue und fruchtbare Begriff das Unkraut jäten, doch ist dessen Lebensdauer begrenzt. Vorläufig aber zehrt es noch an dem schon vorbereiteten und gedüngten Felde, das für die neue und fruchtbare Saat bestimmt ist. Deshalb ist es auch gefährlich, ein Feld nur halb oder noch weniger zu bebauen, wie leicht wird das Gute von dem Schlechten überwuchert und hohnlächelnd oder naiv feiert es im Zeichen des Guten seinen Sieg. Vollständige und bindende Vermittlung ist die Pflicht der positiven Kritik, damit sie nicht der Phrase neue Nahrung gibt.

Diese einleitenden Sätze seien vor die Besprechung des Buches von Nenning gestellt. Klingt es doch wie ein Aufschrei der durch Phrase und falsche Autorität geknechteten Seele, scheint es doch geschrieben „ad salvandum animam meam“ (8). Dennoch soll es sich nicht um einen „privaten Sozialismus, sondern um, die Beschreibung des zukünftigen Sozialismus“ (8) handeln. Es ist ein „Straßenbahnbuch“ geworden, das, „nachdem es nun fertig ist, nochmals geschrieben werdert“ müßte, „damit es fertig wird“ (8). Der Verfasser ist sich durchaus darüber bewußt, welche „Konfusion“ er angerichtet hat. Er bezeichnet sich nur als „Erfüllungshilfe“ und gibt die Verantwortung der „Weltgeschichte mit ihrer rapiden Veränderung der materiellen Verhältnisse“ und der „Geistesgeschichte mit ihrer nachstürzenden Umwälzung des Überbaus“ (215). Was soll hier noch jede tiefschürfende Kritik? Nenning selbst hat sich klar und kurz sein Urteil ausgesprochen. Ein „Straßenbahnbuch“ ist keine durchvermittelte wissenschaftliche oder philosophische Abhandlung. Gedankenblitze, dem Traum der Welt über sich selbst entrissen, beleuchten ein weites Feld angemerkter und ungelöster Probleme. Doch die auf ehrliche Rettung bedachte Seele ist imstande, ein Licht aufzustecken, das auch anderen Seelen den Weg leuchtet. Immer mehr Helligkeit wird sich dann verbreiten, immer größer und klarer wird der Zusammenhang, und das Ungelöste, Alte bleibt in der Nacht der Vergangenheit zurück. Zwar flattern noch angezogen durch das neue Licht alte Phrasenknechte wie Nachtfalter herum und verdunkeln das Helle; aber wie bei diesen ist zugleich das Licht ihr Tod; sein heller Schein versengt ihre ermattenden Flügel. So kann man wohl sagen, daß sich „Welt und Geistesgeschichte nicht darum scheren, daß an ihrem Ufer die Verstockten, denen das schäumende Gewässer schon bis zur Brust reicht, so kläglich laut schreien, wie sie eben können“ (215), aber die Anstrengung der Vermittlung, die nüchterne Beschreibung der Notwendigkeit der Sache erspart keine Welt- und Geistesgeschichte. Ihr alle Verantwortung zuzuschreiben, hieße sich selbst aus ihr entlassen. Im Erkennen jener Sache liegt zugleich der reale Fortgang der Geschichte und keine Zukunftsvision ist mächtiger. Und so wird wohl auch der „Erfüllungsgehilfe“ mit der Zeit darangehen müssen, diese Vermittlung auf sich zu nehmen, um nicht zum Gehilfen für Mißverständnis und Phrase zu werden. Vielleicht ist er der gläubigen Meinung, daß Christentum, Demokratie und Sozialismus klar umrissene Begriffe sind, die man nur miteinander vereinigen müsse, um der Wahrheit Alpha und Omega zu setzen, vielleicht ist er aber auch der Meinung, daß diese drei Begriffe erst in der Zukunft ihre wahre und wirkliche Manifestation erhalten. Klar wird dies nicht, weshalb dem Verfasser zuzustimmen ist, daß das ganze Buch noch einmal geschrieben werden muß. Das soll kein billiges Ausspielen des Autors gegen sich selbst sein, wie es in vielen Buchbesprechungen üblich ist, sondern bloß der Hinweis darauf, daß sich Nenning durchaus darüber im klaren ist, die stringente Vermittlung seiner Gedanken nicht geleistet zu haben. Was jetzt frisch von der Leber weg geschrieben wurde, sollte, die Einleitung für ein zukünftiges systemati- |Seite 9>sches Ganzes sein; die Motive liegen brach, sie bedürfen noch der bauenden Hand.

Die Ziele und Aufgaben einer Besprechung sind von hier aus klar gesteckt. Es ist sinnlos, dem Verfasser Dilettantismus oder kritiklose Großzügigkeit vorzuwerfen; davon weiß der Autor selbst. Im übrigen müßte man den gleichen Vorwurf jedem machen, der kein in sich abgerundetes System liefert; außerdem könnte man ihn an jeder Seite anbringen und er wäre damit so langweilig wie die Feststellung, daß Nenning seinen Text durch viele Absätze auflockert. Ebenso zwecklos ist es aber auch, einen kurzen Passus herauszugreifen und ihn mit kritikfreudigen Krallen aus dem übrigen herauszureißen. Die Krallen werden stumpf an der Vorläufigkeit dieses Passus und die kritisierten Sätze nehmen der Kritik allen Wind aus den Segeln, indem sie ihr rechtgeben, zugleich aber sagen, daß sie ihre Wahrheit nicht in dem heraussezierten Teil haben. Und so sieht sich die Kritik immer auf ein Zukünftiges, Ausstehendes hin verwiesen, das sie nicht in ihre Fänge bekommen kann. Dies mag vielleicht unfair sein von einem Buch, dem es „um die Beschreibung des zukünftigen Sozialismus geht“ (8); es kann aber eines erreichen: den einen wesentlichen Sinn jeder Kritik herauszustellen; daß sie das Fehlende ergänzt, das Zukünftige, Ausstehende immer mehr in der Gegenwart etabliert. Diese Aufgabe heißt natürlich, das Buch noch einmal zu schreiben, und das kann hier nicht geleistet werden. Wir wollen hier nur einige wichtige Motive aufgreifen und nach ihrer Berechtigung und Vermittlung fragen.

Die Methode des Buches „ist alt. Es ist die dialektische“ (9). Dialektik bedeutet bei Nenning Fixierung des unfixierbaren Denkens und das Wissen davon. „Dialog zwischen sich selbst... Sie ist nichts als die lebendige Logik menschlicher Denkbewegung, zum Unterschied von der Faulheit unmenschlich eindeutigen Urteils“ (9). Die Dialektik hat erkannt, daß die endliche Fixierung des bornierten Verstandes aufgehoben werden muß, daß sie nicht der Wahrheit letztes Ziel sein kann; in der Scholastik bedeutet sie für Nenning den „Übergang und Aufstieg aus endlicher Verstandeswahrheit zu unendlicher Glaubenswahrheit“ (9); dieser Glaube ist kein Nichts-Wissen oder bloßes Für-Wahr-Halten, sondern ein Glaube, der erworben ist über den Schweiß des Verstandes. Dialektik in diesem Sinn ist somit „Selbstverständigung“ der Vernunft mit sich selbst, die den fixierenden Verstand in sich aufgehoben hat. Wohl könnte man hier Nenning in vielem ergänzen, was alles Dialektik noch bedeutet; jener von ihm herausgestellte Punkt ist sicher einer der wesentlichsten. Wichtig ist auch der Hinweis, daß „es aller Ignoranz entgeistigten Spätbürgertums schwarzer, roter oder sonstiger Observanz“ bedurfte, die Dialektik als „marxistische Teufelskunst“ mißzuverstehen (10). Zwar hat ohne Zweifel der dialektische Materialisums in vielen seiner Gestalten Anlaß dazu gegeben, dennoch ist aber die Dialektik viel würdigerer Ahnen. Mit Hilfe dieser dialektischen Méthode geht es nun Nenning „um die Verknüpfung des Sozialismus mit der Religion“. Unter „Religion verstehe ich, was Marx die ,Religion katʼ exochen‘ nennt, das Christentum“ (13). Es soll der „ganze“ Sozialismus mit der „ganzen“ Religion verbunden werden, die neue Sozialdemokratie soll eine „Identität von Sozialismus und Christentum im diesseitigen, gesellschaftlichen Bereich sein. Was die viel wichtigeren, die jenseitigen Wechselelemente des Christentums betrifft, hat der Sozialismus als bloße Gesellschaftslehre in diesem Bereich nichts verloren. Er kann und soll aber mit diesem Bereich widerspruchsfrei verknüpft werden.“ (14) Dies hier ist eine Stelle, wo man gerne mehr hören würde. Man kann sich viel dazu denken, sicher auch einiges, was nicht in der Absicht des Verfassers liegt. Welch formales Gegenüberstellen von Diesseits und Jenseits und welch seltsame Widerspruchsfreiheit! Sicherlich genügt es nicht, wenn der Sozialismus versichert, bezüglich der Nächstenliebe unterscheide er sich nicht vom Christentum, sicher muß sich der ganze Sozialismus mit dem ganzen Christentum konfrontieren, aber der Hinweis auf jenseitige Wesenselemente genügt nicht, auch wenn sie mit einem Diesseits widerspruchslos verknüpft werden sollen. Freilich, die Religion allein in der Nächstenliebe begründet sein lassen ist ebenso schal wie den Sozialismus allein im Humanismus. Denn „der natürliche Mensch ist, außer gut, auch böse. Das ist der Brocken, worin sich jeglicher Nur-Humanismus, folglich auch der sozialistische Nur-Humanismus, seine Milchzähne ausbeißt.“ (15) Aber jenseitige Wesenselemente oder auch nur das bloße Wort „Gott“ sind keine Lösung. Man muß diese Begriffe ausführen, um weiter zu kommen als jener Sozialismus, der den Humanismus „von der Menschlichkeit“ ableitet „wie die Armut von der Pauvreté“. (16) Das Ziel Nennings wird aber etwas schnell aus der Pistole geschossen und lautet: „Die neue Sozialdemokratie ist Sozialismus plus Demokratie minus Atheismus ... Sozialismus minus Diktatur plus Christentum..., die Identität von Sozialismus und Demokratie sowie die Identität von Sozialismus und Christentum im diesseitigen, gesellschaftlichen Bereich.“ (21 f.) Diktatur aber und Atheismus lauern auf dem Weg zur Sozialdemokratie. Aus Ungeduld und Enttäuschung angesichts der Unvollkommenheit des Vorhandenen werden sie jeweils geboren und sind aber nur Zeuge für die Unvollkommenheit des Menschen. All dies besagt aber nach Nenning „weiter nichts, als daß der Mensch durch den Menschen nicht gerettet werden kann“ (25). Die zukünftige Sozialdemokratie läßt auch den Kommunismus nicht außer sich fallen und richtet sich bewußt gegen jene, die mit einem moralischen Kopfschütteln Sozialismus und Kommunismus, absolut trennen wollen. Der Kommunismus ist von guten sozialistischen Eltern, und wird man einst auch sagen können, es war eine „geschichtsmächtige Kümmerform“, so wird man doch zugeben müssen, daß er „den Wachstumsprozeß des ganzen Sozialismus heftig vorangetrieben hat“ (27). Aus all dem Vorhergegangenen ergibt sich für Nenning ein Zehn-Punkte-Programm, das „Standbein“, zu dem noch das „Spielbein“ als konkretes, detailliertes Denken und Handeln hinzukommt: „1. Aller Sozialismus ist gesellschaftliche Nächstenliebe; die neue Sozialdemokratie ist gesellschaftliche Nächstenliebe, gegründet nicht auf sich selbst, sondern auf Gott. 2. Die neue Sozialdemokratie ist integraler Sozialismus: sie zieht, wie das ganze Christentum, so den ganzen Sozialismus in Betracht. 3. Die neue Sozialdemokratie wächst aus dem ganzen Sozialismus: aus dem Absterben der atheistischen und diktatorischen Bestandteile, aus dem Aufblühen der christlichen und demokratischen Bestandteile. 4. Die neue Sozialdemokratie ist Sozialismus plus Demokratie minus Atheismus; die neue Sozialdemokratie ist Sozialismus minus Diktatur plus Christentum. 5. Die neue Sozialdemokratie ist die letztliche Identität von Sozialismus und Demokratie; die letztliche Identität von Sozialismus und Christentum im diesseitigen, gesellschaftlichen Bereich. 6. Die neue Sozialdemokratie ist die feste Verknüpfung des Sozialismus als diesseitiger Gesellschaftslehre mit dem Christentum als klarer jenseitiger Begründung dieser Lehre. 7. Auch der Kommunismus ist Bestandteil des ganzen Sozialismus. 8. Die neue Sozialdemokratie ist die Chance gegen den Kommunismus, aber auch für den Kommunismus; der Kommunismus wird sich sozialdemokratisieren. 9. Die neue Sozialdemokratie ist Erbin alles bisherigen Sozialismus. 10. Die neue Sozialdemokratie ist die Chance der Welt von Morgen.“ (31)

Beschäftigen wir uns aber nun mit dem Spielbein, der Konkretisierung dieser Grundsätze. „Es wird sich dann zeigen, daß die Weit längst den Traum von einer Sache besitzt, von der sie nur das Bewußtsein besitzen muß, um sie wirklich zu besitzen“, sagt Marx und Nenning schließt daran an. Es gäbe keine „reifere“ und „geistigere“ Definition des Sozialismus als die hier des Materialisten Marx. Der Ursprung des Sozialismus wird in den Traum verlegt, „dem Geist Vorrang und Zaubermacht über das Materielle zugesprochen“ (33). Der Weg vom Traum zur Wirklichkeit führt über das Bewußtsein. Der Traum selbst aber ist keine haltlose Schwärmerei, es ist ein sachlicher Traum, es ist das Vordämmern der zukünftigen Wirklichkeit. Die Welt wird verändert, indem man sie richtig interpretiert, aus ihrem Traum über sich selbst aufweckt. So ist zunächst der „wahre lebendige Marxismus ... weder Ideologie noch Empirie, sondern Utopie“ (35). Das Verhältnis von Traum und Bewußtsein bestimmt zugleich jenes von Theorie und Praxis. Die Philosophie des Geistes muß Philosophie der Tat werden, der in die Klarheit des Bewußtseins gelangte Traum Wirklichkeit. Es gilt, Begriffe zu schaffen, die einen neuen Inhalt des Bewußtseins bezeichnen, „daraus Begriffsgewebe zu spinnen, mit denen sich wiederum in Praxis wirken läßt (42). Dazu gehört es z. B., jenen phrasenhaft hochgespielten Unterschied von Idealismus und Materialismus aufzugeben. Jeder Materialismus, der behauptet, die Materie, die von selbst da ist, sich selbst bewegt, „gebiert auch den Geist aus sich, oder enthält ihn feinfaschiert in sich“ (43), ist ebenso ein Unsinn wie jener Idealismus, der aus dem immateriellen leeren Faß des Bewußtseins alles andere schöpft. Schnell jedoch ist Nenning mit einer Patentlösung zur Hand: „Christlicher Materialismus“ heißt sie und wird so eingeführt: „Gewißheit: daß die Welt Materie ist; daß wir Geist sind; daß wir handeln, d. h. Geist auf Materie anwenden können — diese dreifache Gewißheit liefert freilich nicht der ,Standpunkt der Sinnlichkeit‘, sondern der Glaube an Gott. Dies erst — nicht mehr der Aberglaube an die Materie, nicht die bloße Vermutung mittels Sinnlichkeit, sondern die Gewißheit der Schöpfung — dies erst ist der gänzlich wahre Materialismus.“ (44) O hurtiger Glaube — möchte man sagen — wie schnell bist du imstande, Materien zu versetzen und Gott polternd in die Welt hineinzuführen. Ob er auch so schnell kommt, wie es dein Glaube will, ist freilich eine andere Frage. Doch wir wollten nicht kritisieren. Nur eines vielleicht hier noch. Nenning behauptet, daß Max Adler, der große Austro-Marxist, schon in seinem Denken „den Rückweg zur Religion“ gesehen habe, „hievon freilich bloß das halbe Wegstück“ gegangen sei (46). Es ist nun fast lächerlich, Adler gegen einen seiner Verteidiger in Schutz zu nehmen, dennoch soll es geschehen. Adler gibt in seiner Schrift „Das Soziologische in Kants Erkenntniskritik“ (Wien 1923) einen kritischen Begriff von Religion, dessen Niveau von keinem Marxisten mehr nach ihm erreicht wurde; auch von Nenning nicht. Und Adler hat nicht mehr als dreihundert Seiten Denkbarkeit zurückgelegt, nur damit Nenning behaupten kann, er sei bloß das halbe Wegstück gegangen. Im Gegenteil muß man behaupten, daß Adler schon viel eher an dem Ziel ist, das Nenning sich zu erreichen bemüht; leider kann dies hier nicht ausgeführt werden, der Hinweis soll aber zur Überprüfung anregen. Was aber die unstatthafte Trennung von Materialismus und Idealismus betrifft, ist der Verfasser durchaus im Recht. Im Recht ist er außerdem, wenn er den Positivismus nicht von seiner Kritik ausnimmt: „Materialismus mordet den Geist. Idealismus mordet die Materie. Positivismus mordet alle vier... Die Positivisten haben die fatale, das heißt im wörtlichen Sinn: tödliche Neigung, sich als die Wärter der von ihnen gebastelten menschlichen Denkmaschine zu gebärden. Als Ingenieure der Philosophie scheuen sie vor keiner Barbarei zurück. Feinste, gewaltigste, durch uraltes Denken und immer neues Umdenken potenzierte Probleme werden von ihnen so lange versimpelt, bis sie, aller Dialektik und damit aller philosophischen Fruchtbarkeit beraubt, als Daten an ihre Denkmaschine |Seite 10> verfüttert werden können. Zu ihrer Genugtuung kommen von dort sämtliche großen Probleme der Philosophie und gleich auch der Religion mit der Aufschrift ,Pseudoprobleme‘ zurück... Geistiger Selbstmord ist die grandiose Konsequenz des Positivismus.“ (47) All das ist mit großer polemischer Kraft gesagt; allein wie schlicht und simpel mutet doch dagegen der christliche Materialismus“ an: „Geist wie Materie sind wirklich, weil Gott sie geschaffen hat.“ (48) Als ob Geist, Materie und Gott so klare Begriffe wären, wie Suppe, Koch und Teller. So sehen wir deutlich: bei aller Gewalt der Polemik und Negation bleibt das Positive, als Lösung Angebotene, einfach und unbestimmt. Was nützt alles Widerlegen der „sowjetischen Staatsreligion“ und des kurzatmigen Positivismus, wenn schließlich immer Gott als Lückenbüßer für eine fehlende Differenzierung auftritt. Durch Gott werden dann die Probleme kurzgeschlossen und wenn nur der rechte Glaube vorhanden ist, dann merkt man es auch nicht.

Auch das Verhältnis von Basis und Überbau („Überbau und Unterbau“, 52) muß neu oder vielmehr anders als der Vulgärmarxismus es unternimmt, formuliert werden. Es geht hier nicht um eine geistlose Materie, sondern um gesellschaftliche, ökonomische Verhältnisse. Diese „materiellen Verhältnisse sind materiell-menschliche, materiell-gesellschaftliche Verhältnisse“ (56). Und „Geist ist im materiellen Unterbau des Marxschen Gebäudes so gut wie im geistigen Überbau“ (57). Diese Gedanken, die wiederum schon sehr schön von Max Adler in seiner „Materialistischen Geschichtsauffassung“ herausgearbeitet wurden, verdienen auch heute noch scharfe Beachtung. Denn wie oft geschieht es, daß Marx auf jenen Materialismus festgelegt wird, der den Unterbau mit der geistlosen Materie identifiziert. „Ein Gutteil Geist“, sagt Nenning, „steckt schon in den materiellen Verhältnissen — Geist in Wirtschaft, Technik, Wissenschaft. Wenn mit Veränderung der materiellen Verhältnisse sich der geistige Überbau umwälzt, so handelt es sich vor allem um Veränderung von Geist, welche ihrerseits Veränderung von Geist nach sich zieht.“ (60) Die „materiellen“ Verhältnisse (die Basis) stellen somit nur die Bedingungen, die Motive der geistigen Veränderung und Umwälzung zur Verfügung. Sie stellen die bestimmten Inhalte zur Verfügung, die dann durch Geist und Idee zurechtgerückt und geformt werden. Die materielle Basis dient der Verwirklichung des Traumes. „Die Utopie ist für Marx bestimmende absolute Ideenkraft, relativiert jeweils durch die von den materiellen Verhältnissen aufsteigende Nebelbildung — was nichts daran ändert, daß sie bestimmende absolute Ideenkraft ist.“ (63) Dieser Traum bringt auch die sittliche Idee des Sozialismus mit sich. Doch hängt sie in der Luft, wenn Sie nicht auf die „festeste in dieser Welt erhältliche Grundlage“ gestellt wird, „auf das Christentum“ (67). Und „der Weg des Sozialismus zu Gott führt über die Auffassung des Sozialismus als sittliche Idee“ (72). Und außerdem: „Sozialismus ist Naturrecht. Die nichtsozialistische Wirklichkeit ist naturrechtswidrig.“ (73) Hier fehlen wieder viele Vermittlungsschritte und es muß noch viel getan werden, bis es klar ist, warum es „hohe Zeit ist, das Christentum wieder hervor- und in den Sozialismus hereinzuholen“ (74).

Aus „dreierlei Fleisch“ also besteht für Nenning die Sozialdemokratie: aus Sozialismus, Demokratie und Christentum. „Sozialismus ohne Demokratie ist Stalinismus“ (81), ohne Christentum in sich nicht begründbar. Die Wahrheit des Sozialismus als „das Reich Gottes auf Erden“ ist nicht die ganze Wahrheit. Einen „maßlosen Traum“ träumt der Sozialismus und wird immer wieder zurückgeworfen auf die gemäßigten Grenzen der Wirklichkeit: „Sozialismus ist maßloser und gemäßigter Sozialismus, absoluter und relativer Sozialismus, Traum und Wirklichkeit, Bewußtsein des Traums nach Maßgabe der Wirklichkeit.“ (86) Der Sozialismus soll auf demokratischem Weg erreicht werden. Und in sich alle Formen der Demokratie aufgehoben haben. „Die Übereinstimmung des Sozialismus mit der Demokratie erwächst aus der gegenwärtigen Symbiose zwischen Sozialismus und bürgerlichem Kapitalismus, bürgerlicher Demokratie des Westens.“ (94) Auch auf friedlichem Wege ist demokratisch der Sozialismus zu erreichen: „Die Befürwortung des Umweges über die bürgerliche Demokratie war, mit Blick auf die politische Praxis, das eigentlich Neue am Marxismus — seine Mittelposition zwischen ,Links‘ und ,Rechts‘.“ (96) Diktatur des Proletariats bedeutet keine Diktatur im herkömmlichen Sinn, sondern nur eine andere Form der Demokratie, und man tut „den Marxisten bitter unrecht, wenn man ihre Phantasmagorie ... als undemokratisch beleidigt“ (106). Aber auch die Demokratie ist nur „relativ vollkommen“. Und „nur in der Verknüpfung mit dem Christentum wird der Sozialismus der Täuschung entkommen, der demokratische Mehrheitswille sei mystischer ,Volkswille‘ überhaupt, absolute Wahrheit, welche desto absoluter gesetzt wird, je mehr sich die arithmetische Mehrheit in den fiktiven, rhetorisch vorfabrizierten und polizeilich nachbehandelten ,Volkswillen‘ verwandelt.“ (100) Die gesellschaftliche Vollendung des Menschen in der vollkommenen Demokratie ist noch nicht die Vollendung des Menschen überhaupt. „Wer glaubt denn noch im Ernst, daß, sobald alle Produktionsmittel vergesellschaftet, alle Leute krankenversichert, jeder eine Rente, ein Badezimmer und einen Fernsehapparat hat, aus dem Menschen der große Heilige wird.“ (111) Nicht als gesellschaftliches, sondern als göttliches Geschöpf ist der Mensch ganzer Mensch. Diese Rückkehr zu Gott ist die „permanente Revolution“ des Christentums (109). Sie vollzieht sich täglich und stündlich und jede gesellschaftliche Revolution muß dagegen verblassen. Dennoch bezieht sich Religion nicht nur auf den einzelnen Menschen, sondern auch auf die Gesellschaft. Sie ist keine Privatsache, die „beim Verlassen der Kirche in der Sakristei abzugeben“ (113) ist, wie es auch so ähnlich das Parteiprogramm 1958 formuliert („innerste persönliche Entscheidung“), das Christentum ist vielmehr aus einer individualistischen in seine sozialistische Phase eingetreten“ (115). Sozialismus von heute darf nicht das Christentum von gestern vor Augen haben, „sondern das Christentum von morgen und immerdar“ (114). Sozialismus und Christentum sind aufeinander angewiesen. Denn „eine bessere Gesellschaftsordnung hilft die Religion erhalten, die Religion hilft bei der Erhaltung einer besseren Gesellschaftsordnung“ (116). Sie allein kann begründen, was jener Humanismus ist, den die Sozialisten auf ihrem Banner haben. „Das Christentum tut dem marxistischen Humanismus nichts, als daß es den wahren Grund für ihn angibt: Gott, Schöpfer der Menschen und ihrer Menschlichkeit.“ (121) Nenning endet diesen Teil mit einem Appell an die Christen, die aufhören sollten, so zimperlich zu sein wie bisher. Denn „bewundernswerterweise waren sie bereit, bis ins fernste Feuerland zu reisen, sich vorn und hinten bunt bemalen zu lassen ... sich in südlicheren Breiten schlachten, braten und verspeisen zu lassen ... was hingegen die Sozialisten betrifft, sind ihnen bei diesem Stammesverband auch viel geringere Unannehmlichkeiten schon zu groß. Die sollen gefälligst ganz von selber Christen werden. Solange das Parteiprogramm nicht so aussieht, wie der kleine Katechismus, läßt sich ein guter Christ zu nichts herbei.“ (122)

Mit einem linken und einem rechten Flügel fliegen wir mit Nenning weiter, denn auch der Sozialismus ist ein Vogel mit einem rechten und einem linken Flügel. „Der rechte Flügel gilt als rück-, der linke als fortschrittlich. Aber der Kampf zwischen ihnen um die Definition der Bewegung wird selbst Bewegung, Fortschritt.“ (125) Klassen, die durch die Realität gespalten sind, müssen nicht mehr auf Leben und Tod kämpfen. Auch in der „Sozialpartnerschaft“ findet ein Klassenkampf statt, aber auf „Leben und Lebenlassen“, besser „Lebenlassen und Sterbenlassen“, denn „Sterbenlassen ist gesünder, rascher und sicherer als Tötenwollen und nicht können“ (143). Der Flug jedoch geht „zu einem Ziel“: zur „christlichen Sozialdemokratie“. Dort ist Gott nicht von den „Christen“ allein gepachtet, dort ist Gott auch für die Sozialisten da. Auch die Kraft des Atheismus stammt aus Gott und es waren oft Atheisten bessere Christen als die, die sich so nannten. Dort wird man wissen, daß der Mensch außer gut auch böse ist und nicht, wie die Sozialisten denken, nur gut allein, wenn es ihm gut geht, oder die Christen, daß er hauptsächlich böse ist, so daß es sich gar nicht lohnt, dies irdische Jammertal auszupolstern. Man soll erkennen, daß das diesseitige Reich das Reich Gottes auf Erden ist.

Dennoch irren die Sozialisten, wenn sie den Menschen allein durch die Gesellschaft, dieses Reich Gottes auf Erden, vervollkommnen wollen, denn wie danken es ihnen die undankbaren Menschen: „Indem sie die Krankenkasse beschwindeln. Dies führt die regierende westlichen Sozialisten zu ihrem heimlichen Stalinismus: zur Menschenverachtung. Sie ziehen die Konsequenzen: Manipulation der Menschen durch den Propaganda-Organisations- und Machtapparat der Partei und womöglich des Staates, nach dem stalinistischen Motto: Recht geschieht ihnen, was haben sie uns enttäuscht, unter Aufrichtung von Demokratie-Attrappen nach dem nichtstalinistischen Motto: Nie dürfen sie merken, wie sehr sie uns enttäuscht haben. Die Menschen merken es aber.“ (156) Außerdem ergibt „Humanismus und Anthropologie ohne Theismus und Theologie Ersatz-Religion.“ (161) Utopia soll immer Zukunft bleiben und nicht absolut erreicht werden, vielleicht kommt man ihm dann viel näher. Die christliche Sozialdemokratie wird eingesehen haben, daß die Welt nicht bloß aus Stoff besteht und der Geist eine bloße Eigenschaft dieses Stoffes ist. Der hochgespielte Gegensatz von Materialismus und Idealismus wird als falsch durchschaut werden; die Materie oder der Geist werden keine „metaphysischen Gespenster“ mehr sein. Und jetzt wieder ein Nenningscher Patentschluß: „Gewißheit bietet erst und allein der Glaube, daß Gott das Draußen geschaffen habe wie das Drinnen und daß ein gottgeschaffenes Draußen nicht lügenhaft sei, sondern uns im menschenmöglichen Maß Wahrheit biete.“ (166) Die Sozialisten irren sich, wenn sie glauben, die Geschichte sei ein gesetzmäßiger Ablauf und daher vorausbestimmbar. Dennoch ist sie auch nicht reine Willkür. „Die Gesetze der Geschichte sind aber keine Naturgesetze, sondern Strafgesetze. Sie gelten, aber sie können übertreten werden.“ (168) Viel mehr bietet Nenning zur Lösung des Geschichtsproblems nicht an, es sei denn: „Das ,aufgelöste Rätsel der Geschichte‘ ist die Tatsache, daß die Geschichte ein Spiel Gottes ist.“ (169) Wieder haben wir all unsere Unwissenheit in Gott verlegt, den wir zur Abwechslung einmal spielen lassen und dabei annehmen, daß seine väterliche Güte das rechte Spiel für uns ausgesucht hat.

Die christliche Sozialdemokratie der Zukunft wird nicht mehr stolz darauf sein, auf ihre „Meisterschaft, alles und jedes Wässerlein auf die respektiven Parteimühlen zu leiten.“ (171) Sie wird eingesehen haben, daß die Partei nur der Ausdruck der geteilten Freiheit ist und nicht ihre volle Gestalt repräsentiert. Es soll keine Mehrheit über eine Minderheit herrschen, es soll die „Herrschaft aller über sich selbst“ aufgebaut werden (171). Erst diese Herrschaft ermöglicht ein Teilhaben aller an der Politik; jetzt hingegen „besteht Fremdheit des Menschen von der Politik insgesamt... Die Fremdheit verläßt den Bürger nie, auch nicht im höchsten Augenblick seines bürgerlichen Daseins, im Wahlakt. Hat er sich nach wochenlanger Wahlkampf-Berieselung, mit keinem trockenen Faden am politischen Leib, triefend von Wahrheit, Halbwahrheit, Unwahrheit, Lüge, glücklich gerettet in die Stille der |Seite 11> Wahlzelle, ist er nun auf dem Höhepunkt seiner Staatsnähe zugleich auf dem Höhepunkt seiner Staatsfremdheit. Daher schreiben in jedem Wahlsprengel einige das Götz-Zitat auf den Stimmzettel. Die meisten schreiben es nicht hin. Vielleicht ist das der ganze Unterschied.“ (172 f.) Die meisten wissen weder, woher die Wirtschaftsblüte kommt noch woher die Wirtschaftskrise. Dazu kommt noch die „Herrschaft von Menschen über Menschen in der Wirtschaft“ als eine „Nuß, die von der Wirtschaftsdemokratie geknackt werden soll“ (184). Und Nenning erkennt, „daß wir ziemlich weit davon sind, hiefür ein handfestes Rezept zu haben“ (184). Eines jedoch scheint für ihn klar zu sein: „Reine Privatwirtschaft vernichtet die politische Demokratie. Reine Staatswirtschaft vernichtet die politische Demokratie. Die gemischte Wirtschaft stützt die politische Demokratie und öffnet den Weg zur wirtschaftlichen Demokratie.“ (188) Wie verhält es sich aber mit der kulturellen Demokratie? Kultur ist keine „Dienstmagd“ der Politik, sie ist aber auch nicht von der Politik gänzlich abgetrennt. Kulturelle Bildung muß allen gesichert werden. Es muß der Zusammenhang wieder-hergestellt werden zwischen Kultur, Politik und Wirtschaft. Denn es scheint, daß es jetzt „kaum eine wirtschaftliche und erst recht keine politische Betätigung“ gibt, „die mit Kultur irgend einen tieferen Zusammenhang hätte“ (189). Die Fremdheit, die wir schon bei Politik und Wirtschaft bemerkten, herrscht auch gegenüber der Kultur: „Die durchschnittliche Menschheit ist von Kultur durch das Niemandsland des Kitsches abgetrennt.“ (190) Kitsch herrscht in Wirtschaft und Politik. „Einst fügte sich alle Politik in den Rahmen der Kultur... Heute sind alle Kulturbauten unpolitische Bauten, und alle politischen Bauten kulturlose Bauten. Politik wird in abscheulichen Amtsgebäuden, theatralisch aufgedonnerten Parlamentssäulen und inmitten kitschgeladener Wahlreklame betrieben. Ist es noch Politik als menschliche Politik?“ (191)

Die zukünftige Sozialdemokratie soll nun all diese Fremdheiten in Politik, Wirtschaft und Kultur aufheben. Bildungsanstalten allein genügen nicht, wenn sie gespaltene Parteiinteressen vertreten. Es muß zuerst ein gemeinsamer Maßstab vorhanden sein, der die Möglichkeit zur Herrschaft aller über sich selbst beinhaltet. (Nenning nennt das „ein Minimum an gemeinsamen Werten“, doch ist dies im Sinne einer materialen Wertlehre äußerst mißverständlich und wohl im Sinne eines gemeinsamen Maßstabes zu verstehen). Auch der Kommunismus macht sich immer mehr von seiner Vergangenheit frei und auf in die Zukunft der Sozialdemokratie. „Seine Spitzen sind dorthin schon unterwegs. Der geistigen Vorhut hinkt die Riesenmasse des Kommunismus hinterdrein, qualvoll langsam, mit häufigen reaktionären Rastpausen. Aber sie hinkt.“ (197) Der Stalinismus hat seine eigenen Totengräber erzeugt und selbst der fernöstliche Kommunismus wird den westlich-christlichen Ursprung seiner Ideologie auf die Dauer nicht verleugnen können. Die christliche Sozialdemokratie wird eine klassenlose Gesellschaft sein, in der es keine gesellschaftlichen Antagonismen gibt. Ihre „fünf Spielregeln“ lauten: 1. Herrschaft der Mehrheit als Maximum an Frieden, Freiheit und Vernunft. 2. Herrschaft der Mehrheit nicht als Diktatur, sondern Achtung des Rechtes der Minderheit (z. B. Recht der Minderheit auf Opposition). 3. Achtung der Minderheit, um Machtballung zu verhindern (Föderalismus, Gemeindeautonomie, Mehrparteiensystem usw.). 4. Achtung der Minderheit, die Grundrechte der Person dürfen nicht aufgehoben werden. 5. Achtung der Minderheit als einzige Möglichkeit, die Gesamtheit am demokratischen Prozeß mitwirken zu lassen. Dies sind also etwas verkürzt die fünf Spielregeln der Demokratie; im Grunde genommen schon jetzt für jede intakte Demokratie gültig. Etwas ärmlich muten sie an nach all dem Vorhergegangenen. Hier hat Nenning selbst viel zu wenig Konsequenzen gezogen aus all den Gedankenblitzen, die schon vorher den Weg beleuchteten. Vielleicht hat er es absichtlich getan?

Oie Ökonomie ist das letzte Problem, das den Verfasser beschäftigt. Der wirklich existierende Kommunismus beweist keineswegs die „Überlegenheit des Staatseigentums in der Wirtschaft“; ebenso aber beweist er nicht die „Überlegenheit des Privateigentums“ (205). Schon Otto Bauer hat 1919 offen ausgesprochen, daß niemand die Industriebetriebe schlechter verwaltet als der Staat; deshalb muß der Sozialismus nicht die Verstaatlichung, sondern die Vergesellschaftung der Industrie fordern. Selbstverwaltung der Arbeiter und Unternehmer in gemeinsamen Körperschaften — eine Idee, die nach Nenning sehr stark „an den Ständestaat der christlichen Soziallehre erinnert“ (206). Sowohl Verstaatlichung wie auch Privatwirtschaft kann dieser Vergesellschaftung hinderlich sein, Verstaatlichung, weil sie, was sie hat, „nicht mehr aus den Fängen läßt“, Privatwirtschaft, weil sie eben bloß privat sein kann und sich gegen die Interessen der Allgemeinheit richtet. Verstaatlichung als Durchgangsstadium zur vergesellschafteten Wirtschaft kann dem Sozialismus ebenso nützlich sein wie eine Privatwirtschaft, die einer vernünftigen Vergesellschaftung keinen Widerstand entgegensetzt. Ein Widerstand, den eine gewaltige Staatswirtschaft wohl zu leisten imstande ist. Ob die Eigentumstitel in Ost und West staatliche oder private sind, bleibt für Nenning letztlich egal. Entscheidend ist vielmehr, „die Vergesellschaftung durch konkrete Organe, die konkrete Verfügungsgewalt haben, zusammengesetzt aus Produzenten in Arbeitnehmerfunktion, Produzenten in Unternehmerfunktion, Konsumenten, wohl auch in vorsichtiger Dosierung, Beauftragte der staatlichen Bürokratie. Nur so, durch weitestgehende Selbstverwaltung der Wirtschaft, legitimiert durch demokratische Wahl der Organe, läßt sich — bei staatlichen, privaten oder gemischten Eigentumstiteln — dem menschenmöglich nahekommen, was Marx erträumt hat als ,positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung ... Rückkehr des Menschen für sich als eines menschlichen, d. h. gesellschaftlichen Menschen‘“ (213). Dieser „große Marxsche Traum“ jedoch steht unerfüllt vor uns, er ist aber der „wichtigste Gegenstand der Einheit von Kommunisten und demokratischen Sozialisten“ (213).

Schnell und sicher oberflächlich haben wir hier die Blätter des Nenningschen Buches vorüberrauschen lassen. Einige uns wichtige Motive haben wir ausgewählt und zusammengestellt, vieles mußte am Weg bleiben. Sollte doch auch unser Beitrag nicht die Lektüre des Buches ersparen, sondern eher dazu anregen. Die kurze Nacherzählung läßt nicht nur viele Einzelheiten untergehen, sie verstellt notwendig auch die gekonnte Form in Sprache und Aufbau. Geglückte sprachliche Wendungen, der gleichmütigen Sache entrissen, lassen das Lesen zu einem lebenserfrischenden Genuß werden. Man meint sich im Gespräch mit dem Verfasser und wird erst dann auf sich selbst zurückgeworfen, wenn man eine Frage stellt, auf die die Antwort ausbleibt. Ein Versuch für die Jugend soll das Buch sein – und selbst ist es ein junger Versuch geworden, vorbehaltslos in feinen Äußerungen, ungehorsam in seinen Stellungnahmen, ein wenig missionsträchtig vielleicht, wie jedes Werk, das meint, den archimedischen Punkt entdeckt zu haben, um den sich die Zukunft der Welt dreht. Doch schützt der Humor vor jenem tierisch ernsten Missionsanspruch, der schließlich den Missionar selbst vereinsamen läßt. Nenning scheint immer zwischen den Zeilen herauszulächeln und zu sagen: „Bitte sprechen wir doch darüber, daß meine Selbstverständigung nicht allein meine bleibt.“ Deshalb ist man ihm auch nicht böse, wenn auf wunderbare Polemiken und Kritiken oft matte Lösungen folgen, wenn auf der Hand liegende Konsequenzen ausbleiben. Immer jedoch spricht der muntere Geist an, der nicht übervorsichtig vor irgend etwas haltmacht, sondern alles hernimmt, was ihm dazu wert erscheint. „Für nicht wenige Sozialisten schafft“ dies Buch „eine schwierige Situation. In der Praxis kamen sie mit dicken Bäuchen und gut klebenden Hinterteilen aus, und in der Theorie mit ein bißchen Schwärmerei von jugendbewegter Vergangenheit, da man das Spiel ,Fraktionieren‘ spielte: Mein Sozialismus ist Sozialismus, aber dein Sozialismus ist kein Sozialismus... Auch für nicht wenige Christen schafft“ es „eine schwierige Situation. Wie lange hält noch ihre Pantoffel- und Schlafrockdefinition: Was mir am Sozialismus nicht paßt, ist Sozialismus. Was mir am Sozialismus paßt, ist nicht Sozialismus“ (147). Wie wenig kümmert sich heute bei uns der Sozialismus um eine theoretische Fundierung, wie überaus matt sind dahingehende Versuche. Da bezeichnet sich einer als moderner Nachfolger des Austromarxismus und weiß nicht einmal von den primitivsten Grundsätzen des Marxismus, dort schwört einer auf die fruchtbare Praxis einen Meineid und wird ständig von ihr widerlegt. Wie wenig beschäftigt sich aber auch das Christentum mit seiner Selbstfundierung in der gegenwärtigen Welt. Hier kokettiert jemand mit dem Fortschritt, indem er nicht absolut gegen Antibabypillen ist, dort beginnt jemand ein Gespräch mit dem Marxismus und weist ihm nach, daß das Gute in ihm sowieso seit eh und je Christentum ist. Hier aber liegt ein Buch, das Sozialismus und Christentum zusammenstellt; hier liegen Gedanken vor, die dem Traum der Welt über sich entrissen wurden und nicht einfach verschlafen werden dürfen. Auch wenn diese Gedanken die Eierschalen ihrer Geburt noch nicht abgeworfen haben, auch wenn Gott oft für fehlende Lösungen auftreten muß; er ist nicht der schlechteste Lückenbüßer und fordert jeden auf, den in ihm gefaßten Gedanken weiterzuspinnen. Wieviel ehrliche und aufrichtige Polemik finden wir in diesem Buch und es sollen sich wohl alle, die sich unter sie subsumieren müßten, hüten, es nicht zu tun, indem sie dem Verfasser Dilettantismus vorwerfen. Seine Polemik stimmt fast immer und läßt sich viel weiter ausbauen und begründen.

Bleibt schließlich noch herumzulärmen an den historischen Details und nachzuweisen, daß es in Wirklichkeit ganz anders war, als es Nenning beschreibt. Doch sagt hier der Autor mit Recht: „Geschichte beschreiben heißt Geschichte umschreiben“ (146). Umschreiben heißt nicht ideologisieren oder dem alltäglich-pragmatischen Zweck unterstellen, umschreiben heißt die Gegenwart als Resultat der Geschichte verstehen — und die Gegenwart ist immer eine Neue. Umschreiben heißt, sich entschieden wehren gegen jenes „wertfreie“ Beschreiben, jenes objektive Kalkulieren, das meint, sich aus der Gegenwart, ihrer Not und ihrer Aufgabe stehlen zu können. Wenn also jemand darangeht, das Historische in Nennings Buch anders zu interpretieren, dann muß er auch aus einer anderen Gegenwart kommen und sie mit in die Interpretation einbeziehen; erst dann ist sie gerechtfertigt. Dem „Erfüllungsgehilfen“ Nenning wäre aber von einem, der weiser geworden durch, die Lektüre des Buches, zu sagen, daß die eigentliche Arbeit jetzt erst anfängt — das gleiche Resultat, zu dem auch der Verfasser selbst kommt. Was Christentum ist, was Gott ist, was die Menschwerdung ist — ein Stiefkind des Nenningschen Christentums — all das gilt es jetzt neu zu formulieren. Ebenso was Sozialismus und Freiheit ist. Hoffen wir, daß bald alle die Schlacken der Vergangenheit abgeworfen haben und sich frei der Zukunft zuwenden können. Dann hat das Buch Nennings Sinn gehabt. Es soll frei machen von Vorurteilen und falschen Autoritäten; es soll einen Blick wagen in eine Zukunft, die von uns allen gestaltet sein soll; es soll ein Gespräch mit der Jugend sein, nicht mit akademischen Greisen und Kindern. Und wenn sich auch vielleicht Parteien aus Opportunismus und begreiflicher Angst gegen das Buch wenden — was tut’s: „Die Partei ist, wie ihr Name sagt, Stückwerk“ (75).