Grundrisse, Nummer 36
November
2010
Birgit Mennel, Stefan Nowotny und Gerald Raunig (Hg.):

Kunst der Kritik

Wien: Turia+Kant, (Republicart 10), 2010, 252 Seiten, 26 Euro

Eine Rezension dieses Sammelbandes ist keine ganz einfache Aufgabe, unter anderem deshalb, weil ja auch die Rezensentin beweisen sollte, dass sie die Kunst der Kritik beherrscht und nicht Teil „ein(es) Rezensionswesens(s) (ist), das sich mit wenig mehr als der Anzeige von Neuerscheinungen zufrieden gibt und deren Besprechungen den bestehenden Wertmaßstäben des Publikums anpasst“. Denn genau diese Art des Rezensierens wird von Stefan Nowotny in Anlehnung an Walter Benjamin in seinem Beitrag kritisiert (S. 237).

Dieser Anspruch ist noch schwerer erfüllbar, wenn die Rezensentin eigentlich wenig zu kritisieren, im Sinne von negativ anzumerken, hat. Denn der Band ist durchgehend spannend, vereinigt Beiträge von hohem Niveau, die – dem Thema angemessen – durchaus differenziert sind, trotzdem aber einen roten Faden aufweisen.

Vielleicht kann aber dieses Unternehmen doch gelingen, da ja Kritik – den Beitragenden folgend – weit mehr und auch etwas anderes ist als „bekritteln“ und Textkritik etwa laut Raunig eher als „Rekonstruktion und Rekomposition“ eines Textes zu verstehen ist (S.21). Hier also ein solcher – notwendigerweise zum Scheitern verurteilter – Versuch einer solchen Rekomposition.

Worin besteht die Kunst der Kritik? Darauf geben die Beiträge unterschiedliche Antworten, was auch dem Grundtenor entspricht, dass es nicht um eine allgemeine Definition der Kritik gehen kann, sondern um die Auffindung von Orten der Kritik. Gemeinsam ist den Beiträgen aber, dass sie sich um eine Form der Kritik als Überschreitung herrschender Gesellschaftsmodelle bemühen und nicht um diejenigen Arten von Kritik, auf die der moderne Kapitalismus „zu seiner permanenten Erneuerung und Stabilisierung (…) geradezu angewiesen ist.“ (Wuggenig, S. 118) Daraus ergibt sich auch der Anspruch etwa an die kritische Kunst, das eigene Feld zu überschreiten, da „Kritik nicht ohne soziale Kämpfe zu denken ist.“ (Kastner, S. 127)

Auch beziehen sich die meisten Beiträgen positiv auf Foucaults Definition von Kritik als „Kunst nicht so regiert zu werden“ – was wenig überrascht, da sie aus einer Konferenz hervorgegangen sind, in deren Mittelpunkt dieses Zitat stand. Gemeinsam mit Foucault lehnen sie großteils das Kantsche Verständnis von Kritik als Erkenntniskritik ab. Es geht ihnen also nicht darum, die Legitimität von Erkenntnis auf der Grundlage alternativer Erkenntnisse anzuzweifeln, sondern darum, Erkenntnis und Wissen als Herstellung und Effekt sozialer Existenz und von Machtbeziehungen zu begreifen.

Kritik in diesem Sinne überschreitet die Grenzen der Erkenntnis und ist mit Marx/Engels als praktisch-kritische Tätigkeit zu verstehen. (Raunig, S. 17) „Kritik ist ein Verhalten, das die Kategorien, die Sinne, die Leidenschaften umfasst. Kritik ist keine Leidenschaft des Kopfes, sondern der Kopf der Leidenschaft.“ (Demirović, S. 101) und wird aus der „Erfahrung der Wut mobilisiert.“ (Purtschert, S. 152). „Das Problem der Kritik war traditionell ein Problem des Bewusstseins. Heute ist die Kritik ein Problem des Körpers: Wie lässt sich die Kritik verkörpern?“ (Garcés, S. 161)

Wo und in welchen Zusammenhängen lässt sich diese Form von Kritik entwickeln? Gibt es privilegierte Orte und Kategorien der Kritik – etwa das Kapitalverhältnis? So argumentiert Reitter, da das Kapitalverhältnis der einzige Unterdrückungszusammenhang ist, der „(…) sich in einer Dingeigenschaft, nämlich in der Wertgröße/Preiszahl von Waren dar(stellt). (…) (Er) stellt sich also in einer Form dar, in der (…) (er) als soziales Verhältnis nicht mehr erscheint.“ (S. 201). Aus dieser Perspektive ist Foucaults Angriffspunkt der Kritik, die Regierung, falsch gewählt, zu fordern ist eine „Kritik der Lohnarbeit, oder genauer, eine Kritik der besinnungslosen Ausrichtung auf Lohnarbeit angesichts ihrer gesellschaftlichen Erosion.“ (S. 208)

Im Gegensatz dazu plädiert Gürses für eine „atopische“ Kritik, da ein Diskurs, der den „Punkt der Koordination erreicht hat, (…) also einen Topos aufweist, (…) sich in einen abwehrenden, schützenden, erhaltenden Diskurs (verwandelt) – die Kritik verliert ihren Stachel, ihre Flexibilität, sie wird statisch.“ (S. 186) Ebenso zieht Lorey die Trias von class, race, gender als „transhistorische, universale“ Ungleichheiten in Zweifel (S. 49) und plädiert dafür, Kategorien als Prozess zu verstehen (S. 51). Diese zeitliche Dimension von Kritik wird auch von anderen AutorInnen betont, etwa von Raunig in Rückgriff auf Butler’s Verständnis, dass Kritik „zunächst eine Praxis ist, die das Urteil aussetzt“ (S. 14) oder von Nowotny, der mit Benjamin Kritik als „schockartige (…) Unterbrechung (…) (der) Dynamik (der Weltverhältnisse)“ begreift (S. 240).

Und was folgt aus der Kritik und soll aus ihr folgen? Geht es um Verweigerung und Exodus, wie etwa Raunig und Lorey postulieren, um den Verzicht auf Autorisierung (Engel, S. 65) oder geht es um einen hegemonialen Eingriff, also um die Schaffung neuer Hegemonien (Mouffe S. 38f.)? Oder tut vielleicht insgesamt nicht eine Kunst der Kritik not, sondern „eine Kunst der Existenzmöglichkeiten, eine Kunst der Subjektivierungsweisen“ (Lazzarato, S.211)?

Die Antwort auf diese Fragen bleibt häufig offen oder fällt sehr unterschiedlich aus. Doch das ist nicht weiter schlimm, wenn wir Foucault folgen: „Die Kritik hat nicht die Prämisse eines Denkens zu sein, das abschließend erklärt: Und das gilt es jetzt zu tun. (…) Sie ist eine Herausforderung für das, was ist.“ (S. 13) Zweifellos stellt der Band „Kunst und Kritik“ eine solche Herausforderung dar.

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