Grundrisse, Nummer 36
November
2010
Thomas von Freyberg:

Tantalos und Sisyphos in der Schule

Zur strukturellen Verantwortung der Pädagogik

Frankfurt/M.: Brandes & Apsel, 2009, 145 Seiten, 11,90 Euro

Pädagogik zwischen Verweigerung und Verstrickung Über die gesellschaftlichen Grenzen öffentlicher Bildung und Erziehung

Es mag dahingestellt sein, ob die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die aus der für sie in Familie, Schule und Freizeiteinrichtungen vorgesehenen Rolle fallen, tatsächlich in einem, wie vielfach behauptet, besorgniserregenden Ausmaß angewachsen ist, fehlt es doch nach wie vor an entsprechenden aussagekräftigen repräsentativen Daten. Nicht zu bestreiten dagegen ist, dass die medial hergestellte öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber der „Unregierbarkeit des Schulvolks“, um eine Formulierung von Freerk Huisken zu bemühen, zugenommen hat. Hiervon legen die Rohheiten gegenüber MitschülerInnen und LehrerInnen ebenso beredtes Zeugnis ab wie die Widerständigkeiten gegenüber den als Verhaltenszumutungen erlebten Anordnungen der Eltern, ErzieherInnen und LehrerInnen. Widerständigkeiten, deren Formen den inneren Rückzug und das sporadische oder völlige Fernbleiben vom Unterricht ebenso umfassen wie dessen Störungen und die uns in der Sprache der Schulbürokratie unter dem Etikett „nicht beschulbar“ begegnen.

Von ebensolch auffällig-widerspenstigen, störenden wie gestörten, das heißt nicht beschulbaren Kindern und Jugendlichen und den zumeist vergeblichen Reintegrationsbemühungen der professionellen PädagogInnen, seien es ErzieherInnen, LehrerInnen oder SozialarbeiterInnen, han­delt das kleine, aber nichtsdestoweniger gescheite Büchlein von Thomas von Freyberg, indem es die gesellschaftlichen „Grenzen öffentlicher Bildung und Erziehung“ nicht nur für die heutige Zeit neu zu vermessen, sondern auch im Interesse der Kinder und Jugendlichen zu verschieben sucht. Hinsichtlich seiner Empirie basiert das Büchlein auf den Ergebnissen eines interdisziplinär angelegten Forschungsprojekts, das in den Jahren von 1999 bis 2005 am Institut für Sozialforschung an der Universität Frankfurt in Kooperation mit dem ebenfalls in Frankfurt ansässigen Institut für analytische Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapie durchgeführt worden ist und mit Hilfe psychoanalytischer und soziologischer Methoden des Fallverstehens „Konfliktgeschichten“ untersuchte, in denen Kinder und Jugendliche an Schule und Jugendhilfe gescheitert waren. Wie auch umgekehrt diese an jenen.

Die Ursachen und Bedingungen dieses beiderseitigen Scheiterns sieht Freyberg in der gemeinsam hergestellten individuellen wie institutionellen Pathologie der „strukturellen Verantwortungslosigkeit“, soll heißen, dass die in ihrem Verhalten individuell schwer gestörten Kinder und Jugendlichen auf ein nicht weniger, allerdings institutionell gestörtes Erziehungssystem ‚Schule‘ stoßen, das unfähig ist, die „Unregierbarkeit“ seiner Zöglinge als Ausdruck schwerer seelischer Störungen infolge früher gravierender emotionaler Mangelerfahrungen zu sehen und pädagogisch ernst zu nehmen. Statt dessen verschränken und verstricken sich die von den Kindern und Jugendlichen entwickelten unbewussten Überlebensstrategien der Abwehr von Verletzung und Vernachlässigung mit den völlig unzulänglichen organisatorisch-institutionellen Settingbedingungen von Schule und Jugendhilfe, wodurch – vermittelt über den aus der Psychoanalyse bekannten ‚Mechanismus‘ von Übertragung und Gegenübertragung – sich wiederholende und schließlich eskalierende Macht-Ohnmacht-Spiralen in Gang gesetzt werden, an deren Ende auf beiden Seiten nur ›erfolgreiche VerliererInnen‹ stehen.

Wenn Freyberg in diesem Zusammenhang von „struktureller Verantwortungslosigkeit“ redet, so um einerseits deutlich zu machen, dass trotz fehlerhaften Verhaltens bei allen Beteiligten, Zöglingen wie ErzieherInnen, die Suche nach der Schuldfrage nur in die Sackgasse wechselseitiger Schuldzuweisung zu führen vermag, weil die institutionellen bzw. strukturellen Bedingungen öffentlicher Erziehung ein verantwortliches Handeln auf Seiten der ErzieherInnen behindern oder gar verbieten. Wiewohl der Begriff der „strukturellen Verantwortungslosigkeit“ darauf abstellt, den Blick von den ErzieherInnen weg auf die Verhältnisse hin zu lenken, unter denen diese sich abmühen, wenn sie es denn tun, ihrem Erziehungs- und Bil­dungsauftrag nachzukommen, dient der Begriff Freyberg andererseits als Referenz für die Frage, ob es nicht auch so etwas gebe wie „strukturelle Verantwortung“. Eine Frage, die Freyberg mit dem Argument bejaht, wir Menschen würden nicht nur von den gesellschaftlichen Verhältnisse geformt, sondern brächten diese durch unser Handeln auch selbst hervor, so dass wir sie auch zu verantworten hätten.

Um „strukturelle“ und nicht bloß pädagogische Verantwortung übernehmen zu können, hält Freyberg die Durchbrechung des circulus vitiosus von Widerstand und Verweigerung (auf der Seite der Zöglinge) und von Sanktion und Selektion (auf der Seite der ErzieherInnen) für unabdingbar. Dies heißt für ihn zuvörderst, in einem ersten Schritt zunächst einmal innezuhalten und beiseite zu treten, um bewusst die verleugneten „Grenzen der Pädagogik“ sich vor Auge führen zu können, womit Freyberg sowohl die individuellen als auch die institutionellen Abhängigkeiten thematisiert sehen möchte. Ganz in der Tradition Siegfried Bernfelds stehend, dem Marx und Freud als die „Schutzpatrone der neuen Erziehungswissenschaft“ galten, heißt dies für Freyberg, zwei komplementäre Perspektiven miteinander zu verschränken: nämlich jene, bei der die Grenzen der „Erziehbarkeit“ der Zöglinge und die der „Erziehfähigkeit“ der ErzieherInnen im Fokus stehen, und jene, die, um mit Bernfeld zu reden, den „sozialen Ort“ der Schule zum Gegenstand hat, das heißt die dort objektiv herrschenden Lehr- und Lernbedingungen.

Für Freyberg ist klar: Sobald man diesen Schritt unternimmt und sich bewusst der gesellschaftlichen Grenzen der Erziehung vergewissert, wird man erkennen, dass im institutionellen Rahmen von Schule und Jugendhilfe nur sehr geringe Chancen bestehen, die für ein sich demokratisch verstehendes Gemeinwesen konstitutive Forderung nach Erziehung zur Mündigkeit zu erfüllen. Und weil dies so ist, habe, so Freyberg mit Adorno, eine Erziehung zur Mündigkeit immer auch und zugleich eine „Erziehung zum Widerspruch und zum Widerstand“ zu sein, die allerdings weniger von einer ErziehererzieherIn zu leisten sei, als vielmehr durch eine „radikale ‚Selbstveränderung‘“ bewirkt werde. Dies setze allerdings voraus, die ErzieherInnen zeigten, ganz im Sinne Kants, die Bereitschaft, die Entschiedenheit und den Mut, sich in der beruflichen Praxis des eigenen Verstandes „ohne Leitung eines an­deren“ zu bedienen.

So sympathisch dem Rezensenten auch Freybergs Forderung sein mag, so stellt sich ihm dennoch die Frage nach den Voraussetzungen, Bedingungen und Hemmnissen für den postulierten ‚aufrechten Gang‘, über deren Beantwortung Freyberg sich indes dezent ausschweigt. Verständlicherweise, liegen doch bislang keine gesicherten, verallgemeinerbaren Erkenntnisse darüber vor, warum überhaupt und unter welchen spezifischen Bedingungen sich jemand zu einem „couragierten Handeln“ (Heuer) aufgefordert sieht und wie die Entstehung eines solchen von außen gefördert werden kann. Insofern verbleibt Freyberg hinsichtlich der Erziehung der ErzieherInnen bzw. deren Selbsterziehung in der Sphäre des wishful thinking. Hier hätte der LeserInnen schon gerne etwas darüber erfahren, wie sich nach Freyberg das Erziehungsparadoxon auflösen lässt, nämlich zugleich sozialen Gehorsam abzuverlangen und gegen ihn zu immunisieren, also zum Ungehorsam und zur Unbotmäßigkeit zu erziehen. Eine Antwort hatte er zwar nicht parat, doch womöglich gäbe uns Peter Brückner mit seinen stets auf die „Zerstörung des Gehorsams“ zielenden Arbeiten einen Ariadnefaden in die Hand, der lohnte, aufgegriffen und bis zu seinem Anknüpfungspunkt weiterverfolgt zu werden. Auf jeden Fall hätten die ErzieherInnen anzuerkennen, dass eine bedeutende Wurzel der Selbstbefreiung und der Erschütterung von Herrschaft in der Provokation von Tabubrüchen und Regelverletzungen liegt, weil diese ›nach innen‹ auf das „Umwerfen von Bewusstsein“ und ‚nach außen‘ auf die Veränderung der Umstände zielen.

Gleichviel, Freybergs Büchlein ist von unschätzbarem Wert für all jene, die ErzieherInnen, LehrerInnen oder SozialarbeiterInnen ausbilden oder die als solche in ihrer beruflichen Praxis mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, die sich, negativ formuliert, ein ‚Anpassungsdefizit‘ erhalten haben, in dem ihr Bedürfnis nach Nähe, Unversehrtheit, Anerkennung, Autonomie und Mitsprache sich artikuliert. Es räumt dankenswerterweise auf mit dem bisweilen unerträglichen, weil völlig kritiklosen Geschwätz von Menschenstärken, Ressourcenorientierung und Selbstbemächtigung (neudeutsch besser als ‚Empowerment‘ bekannt), das dem Rezensenten aus dem Munde seiner Studierenden (und auch aus der Fachliteratur) entgegenschwallt, die vielfach in Ermangelung von mündigem Ungehorsam nur das nachplappern, was ihnen des Rezensenten KollegInnen, bloß weil es Mode ist oder wissenschaftlicher mainstream, gegen den man sich nicht zu stellen wagt, ohne Besinnung vorplappern. Allein schon dies, Freybergs Auseinandersetzung mit dem Ressourcenansatz und der ihm korrespondierenden Resilienzforschung, lohnt die Anschaffung und Lektüre des Büchleins, das, auch dies sollte nicht unerwähnt bleiben, klar strukturiert und in einer weitgehend verständlichen Schreibe verfasst ist. Bleibt mithin zu hoffen, dass es viele. ihm aufgeschlossene LeserInnen finden wird.

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