Grundrisse, Nummer 19
März
2006
Bernd Hüttner, Gottfried Oy, Norbert Schepers (Hg.):

Vorwärts und viel vergessen

Beiträge zur Geschichte und Geschichtsschreibung neuer sozialer Bewegungen

Neu-Ulm (AG SPAK Bücher), 2005, www.vorwaerts.org

Der im vergangenen Jahr erschienene Sammelband liefert Einblicke in Debatten, die derzeit zur Geschichte der bundesdeutschen neuen sozialen Bewegungen der letzten dreißig Jahre im sympathisierenden akademischen Milieu stattfinden. Vertreten sind verschiedene Ansätze der (Selbst)reflektion über autonome, feministische, „globalisierungskritische“, diskurspolitische und weitere „Bewegungsfelder“. Schon der erste Beitrag des Bandes betont, dass solche Vielfältigkeit auch Konflikte einschließt: Imma Harms arbeitet in ihrer gegen „die Vitrinisierung der eigenen Vergangenheit“ gerichteten Polemik heraus, dass die Interpretation von Protestereignissen, auch und gerade wenn sie durch an ihnen einst Beteiligte vorgenommen wird, als umstritten und umkämpft zu gelten hat. Es geht ihr um die Würdigung der oppositionellen Impulse in „einer Welt, in der die Fremdheit täglich über uns zusammenschlägt“ (Seite 26). Die Konjunktur, die die Erinnerung an bestimmte Segmente von Bewegungs-Politik erlebt, wie etwa die Debatte über die Rolle von Joschka Fischer in der Neuen Linken gezeigt hat, haben diese „Fremdheit“ eher befestigt, zumal sie von individuellen Strategien der Verdrängung und des „Zusammenbruchs von Überzeugung“ bei den Generationen ehemaliger AktivistInnen bestätigt wird. Harms Forderung, „bewusst einen subjektiven Standpunkt einzunehmen und den Widerspruch zu suchen“ (Seite 25) bleibt allerdings (noch?) deklamatorisch. Dies fällt auch auf, weil die beiden auf ihren Beitrag folgenden Texte sich wesentlich auf die vorhandenen Reste einer emanzipatorischen Forschung an den Universitäten beziehen und beschränken: Während Sebastian Haunss im Streit zwischen einem Verständnis neuer sozialer Bewegungen als mechanisches Nutzen der von den Institutionen nicht verdauten gesellschaftlichen Konflikte oder als „antagonistische Akteure in historischen Umbruchsituationen“ (Seite 37) eher dem Letzteren zuneigt, setzt Dirk Lange auf das Konzept einer „Politisierung“ der „Alltagsgeschichte“ in der Erforschung der „vergessenen“ Elemente der neuen sozialen Bewegungen. In beiden Texten geht es um die Revitalisierung von Forschungsansätzen, deren Konjunktur seit etlichen Jahren schwächelt: Während Haunss die kritischen Aspekte der (überwiegend soziologischen) Bewegungsforschung seit Tilly und Touraine betont, plädiert Lange für das „Grabe, wo du stehst“ der Oral-History der 1980er Jahre, und schlägt vor allem vor, diese Wühlarbeit zu entindividualisieren und nach dem von Alf Lüdtke propagierten „Eigensinn“ zu befragen.

An diese Vorschläge schließt der zweite Teil des Buches an, der sich mit einzelnen „Bewegungsgeschichten“ befasst: Hier stellen zunächst Ilse Lenz und Brigitte Schneider ein Projekt zur Analyse der Neuen Frauenbewegung im internationalen Maßstab und speziell in der Bundesrepublik vor. Ausgangspunkt ist hier die quantitative Ermittlung von „Protestereignissen“ auf der Grundlage von „Presseberichten“ (Seite 57). Erklärungsbedürftig ist zunächst der Umstand, dass die Zahl der „Protestereignisse“ nach 1989 angestiegen ist, in einer Phase, in der nach Lenz/Schneider die westdeutsche neue Frauenbewegung wichtige „Meilensteine“ ihrer „institutionellen Integration“ (Seite 63ff.) schon hinter sich gebracht hatte. Doch die Ambivalenz zwischen „Protestdaten“ und „Erfolgsgeschichte“ bleibt ungeklärt, da sich die Autorinnen weitgehend auf die Darstellung der „Erfolge“ der feministischen Bewegung konzentrieren. Angesichts dessen, dass fast alle anderen Artikel das Thema Geschlechterverhältnisse ausblenden, ist es schade, dass eine Diskussion der fortwährenden Geschlechterhierarchien lediglich thematisiert wird, indem bestimmte Forderungen (ein „allgemeines Diskriminierungsgesetz, generelle berufliche Gleichstellung, allgemeine Kinderbetreuung, Freigabe der Abtreibung“) als „nicht durchsetzbar“ charakterisiert werden. Einen anderen Begriff der Offenheit sozialer Konflikte vermittelt die Darstellung zweier „exemplarischer“ migrantischer Kämpfe durch Serhat Karakayali. In seinem Text findet sich auch eine sehr instruktive „dichte Beschreibung“ der Mietstreiks/der Häuserkampfes in Frankfurt am Main (Seite 122ff.) und des Streiks bei Ford in Köln-Niehl (Seite 128ff.) in der ersten Hälfte der 1970er Jahre. Überzeugend wird am Ende des Textes dargelegt, dass die Rezeption dieser Kämpfe einen „Antirassismus möglich mach(t), der rassistische Überdeterminierung von Ausbeutungsverhältnissen thematisiert“ (Seite 131). Zugleich steht der Text auch für einen geschichtspolitischen Ansatz: Für die Gruppe kanak attak war/ist die Thematisierung des „strukturellen Rassismus“ ein Anliegen, das nicht auf die gerade in der linken deutschen Geschichtswissenschaft in den letzten Jahren immer bedeutender werdende These von der „Liberalisierung“ und „Zivilisierung“ der Bundesrepublik, sondern auf die prinzipielle Uneingelöstheit der Ziele der sozialen Kämpfe verweist. Sehr lesenswert in diesem Teil des Buches sind auch die beiden Artikel von Gottfried Oy: sowohl die brillante Analyse des Diskurses um die RAF-Ausstellung als auch der kurze Abriss der „Medienpolitik“ der Bewegungen sind durch die Frage nach einer Innovation der Interventionen linker Politik in die und innerhalb der allgemeinen bürgerlichen Öffentlichkeit geprägt. Die beiden Artikel werden durch einen weiteren diskurspolitischen Text ergänzt: Thomas Kunz schildert das virtuelle Gespräch zwischen „der inneren Sicherheit und ihren Kritikern“, wobei er Letzteren vor allem die immanente Ausgrenzung der Frage vorhält, die in der Bezugnahme auf die Bedrohung der „staatsbürgerlichen Rechte“ liegt. Abgerundet wird dieser Abschnitt schließlich durch zwei Beispiele aus der „autonomen“ Geschichtspolitik: Die „AG Grauwacke“ schildert, wie ihr Buch „Autonome in Bewegung“ den Geschichtsdiskurs der „Postautonomen“ zugleich aufgenommen, absorbiert und gefördert hat, und Rainer Wendling schildert das Programm des Verlages Assoziation A, der das zurzeit durch die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“(!) indizierte Buch der „Grauwacke“ herausgegeben hat. Am Ende des Buches schließlich steht ein eher blasser Artikel von Stefan Grigat, der in seiner Kritik an der letzten, bundesdeutschen Antikriegsbewegung vor allem mangelnde Einsicht in die Ambivalenz sozialer Bewegungen beweist, die doch zugleich das wichtigste Rüstzeug für eine kritische Befassung wäre, neben einem sehr lebendigen Artikel von Bernd Hüttner über den Alltag und die Konflikte in und um das „Bewegungsarchiv“, in dem er seit Anfang 2000 ehrenamtlich tätig ist.

Insgesamt zeigt das Buch sowohl die Vielfalt als auch die Lücken der derzeitigen bundesdeutschen „Bewegungsgeschichte“. Vor dem Hintergrund dieser Vielfalt wäre es, in einem nächsten Schritt, vielleicht interessant, nach Verbindungen zwischen Diskursen und Diskurspolitiken, zwischen Alltag und Alltagsforschung und schließlich auch zwischen „alten“ und „neuen“ sozialen Bewegungen zu suchen. Es ist wiederum Bernd Hüttner zu verdanken, dass diese Perspektive am Ende des Buches eröffnet wird. In seinem Vorwort zu einem Artikel von Sergio Bologna konstatiert er, dass „Rezepte und Instrumente der 1980er Jahre, egal ob sie nun ‚sozialgeschichtlich’ oder ‚postmodern’ gelagert sind, (...) nicht ausreichen, um die aktuelle gesellschaftliche Konfliktualität (...) zu untersuchen.“ (Seite 161) Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang, dass die „Acht Thesen zu einer militanten Geschichtsschreibung“, die Sergio Bologna 1977, im Jahr der Niederlage der operaistisch geprägten Militanz in Italien, verfasst hat und die am Ende des Buches abgedruckt sind, immer noch unbeantwortete Fragen enthalten. Zu diesen gehört auch die des Zusammenhangs zwischen „militanten Historikern“ und dem, was Marx als „wirkliche Bewegung“ bezeichnet hat: Nicht zuletzt die Entwicklung der Protestbewegungen selbst bestimmt die Möglichkeiten ihrer HistorikerInnen.

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