MOZ, Nummer 57
November
1990

Weltmarkt der Arbeitskräfte

Dem Weltmarkt für Arbeitskräfte Tür und Tor geöffnet ...

Wenn ich groß bin, gehe ich nach Amerika — der Traum, es vom Tellerwäscher zum Millionär zu bringen, spukte über ein Jahrhundert in den Köpfen abenteuerlustiger Menschen in Europa. Das In-die-Fremde-Gehen hielt noch eine Option zur Verbesserung der Lebensumstände bereit, allerdings mit einem resignativen Beigeschmack: Ihr seid schuld daran, daß ich fort muß.

Was das Weggehen anbelangt, wurde es auch in die Tat umgesetzt: Zwischen 1850 und 1940 verließen 30 Millionen Europäerinnen und Europäer den alten Kontinent, um Holocaust, Unterdrückung und Armut zu entkommen. Für viele war es durchaus kein freiwilliges Verlassen, sondern Flucht um des nackten Überlebens willen.

Das Fremde, Unbekannte bot aber auch immer — in der westlichen Zivilisationsgeschichte — den Anreiz zur Entdeckung, zur Eroberung und Unterwerfung unter die eigene Kultur.

Als Christoph Columbus 1492 den Beweis dafür erbringen konnte, daß die Erde rund sei, konnten sich die nachbarschaftlichen Ausbeutungsbestrebungen über eben dieses ganze Erdenrund erstrecken. „Macht Euch die Erde untertan“ wurde bis zur letzten Konsequenz angestrebt und damit auch jene eurozentrischen Weltherrschaftsverhältnisse begründet, deren Nutznießer wir hier in Europa noch immer sind. Der nordamerikanische Teilkontinent mag als autonome Zweigstelle jenes kapitalistischen Ur-Gedankens zählen.

Das Andere, Fremde mußte jedoch in Beziehung zur eigenen Identität gesetzt werden, damit es handhabbar wurde — Rassentheorien waren das Ergebnis. Und es fiel nicht schwer, da die BewohnerInnen anderer Weltgegenden sich von den europäischen Physiognomien deutlich unterschieden. Bei deren Bewertung wurde natürliche Minderwertigkeit bis zur Tierhaftigkeit konstatiert. Zwischen 1451 und 1870 wurden mindestens 10 Millionen afrikanische SklavInnen vor allem in die späteren USA und nach Brasilien deportiert; ein Bevölkerungsschwund, von dem sich der afrikanische Kontinent bis heute nicht erholt hat. Dem sogenannten Homo africanis wurde Zähigkeit, Ausdauer und, der weiblichen Spezies, besondere Fruchtbarkeit auch unter erschwerten Bedingungen zugestanden — der Sklavenstatus war mutterrechtlich vererbbar! Da die karibische Bevölkerung den Ansturm der Spanier kaum überlebte (sie verminderte sich von 1492 bis 1508 von 300.000 auf 60.000) und die Inbesitznahme Mexikos im Zeitraum von 30 Jahren 19 Millionen der ursprünglichen BewohnerInnen das Leben kostete, eigneten sich die afrikanischen Menschen ob des ihnen Zugeschriebenen am besten zur wirtschaftlichen Nutzung. Nicht zu vergessen die beinah vollständige Ausrottung der nordamerikanischen UreinwohnerInnen.

... aber für Millionen MigrantInnen sind alle Stühle schon besetzt.
Fotos: van der Straeten

Kurz: Dem Weltmarkt für ‚Arbeitsplätze‘ und dem Weltmarkt für Ware und Kapital wurde gleichzeitig Tür und Tor geöffnet, der Transfer ‚lebendiger Arbeit‘ hat sich seit dem 15. Jahrhundert zu einer universellen Struktur verfestigt.

Die Entwicklungslinie bewegt sich über Sklaverei, Zwangs- und Kuliarbeit bis zur Arbeitsmigration der Gegenwart, die Erscheinungsformen von Rassismus und Sexismus haben sich verändert, jedoch nicht aufgelöst.

Festung Europa

Europa ist die EG und die EG ist Europa. Alle anderen Staaten, die sich auf der politischen Landkarte auf dem so benannten Kontinent befinden, scheinen nicht dazu zu gehören — Polen, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, die Tschechoslowakei, also alle im ehemaligen Ost-Block-Bereich gelegenen Staaten werden auf kapital-formalem Weg von der Teilhabe an europäischer Wirtschaftsmacht fern-, die EFTA-Staaten in halbintegriertem Zustand gehalten.

Abgeschottet durch Gesetze, Militärbündnisse, geheime Sicherheits- und Nachrichtendienste werden 5 Millionen Migranten innerhalb dieser Europäischen Gemeinschaft, die nur halb Europa umfaßt, und 8 Millionen Migranten von ‚außerhalb‘ unter ständiger Beobachtung gehalten. Mit der Einverleibung von 16 Millionen ehemaligen Ostdeutschen gab’s allerdings keine Probleme.

Besonderes Augenmerk wird auf nichtweiße Wanderer gelegt. Denn der Rahm ist in den weltwirtschaftlich unterworfenen Gebieten abgeschöpft, die dort lebende Bevölkerung fristet ihr Dasein auf dem Trümmerfeld der ökonomischen Ausbeutung. Die Flughäfen der in Frage kommenden Herkunftsländer Kontinental- und Nichteuropas werden von Spezialeinheiten überwacht, die mittels Passagierlisten unerwünschte Gäste schon vor der Landung in EG-Europa aussieben können. Etwaige Asylansuchen werden dabei schon im Ansatz verhindert. Letzteres ist moralisch weiters kein Problem, denn ‚wahre‘ Asylanten und Asylantinnen sind qua definitonem kaum mehr vorhanden und Armut stellt keinen hinreichenden Aufnahmegrund dar. Sonst wäre ja die ganze Welt zu Gast in jenen Landen.

Um sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen zu helfen bzw. um ihre Ambitionen, aus ihren wirtschaftlichen Mißverhältnissen zu flüchten, im Ansatz zu ersticken, ist der Entwicklungshilfefonds eingerichtet worden. Ganze 0,17% des Bruttonationalproduktes spendieren die EG-Staaten im Schnitt als Ablaßzahlung nach dem Sündenfall. Das ließe sich gar nicht in Millionenbeträgen von Rupien, Pesos und anderen afroasiatischlateinamerikanischen Währungen ausdrücken. Und schon gar nicht in Dinar.

Außerdem wurden in den letzten Jahren ganz neue Einkommensquellen für die „Dritte und Vierte Welt“ erschlossen. Die „Erste Welt“ braucht Organe und Blut, und auch in den indischen Slums gibt’s noch genügend Frauen und Männer, die durchaus eine Niere entbehren können. Die „Erste Welt“ braucht Babies und Adoptivkinder und stellt bereitwillig das Instrumentarium für die Geschäftsabwicklung zur Verfügung. Also produziert Kinder, gesunde Kinder wohlgemerkt, und hübsche!

Die Männer der „Ersten Welt“ brauchen Frauen, so richtige Frauen halt, die nicht emanzipiert sind, sondern demütig und ehrfurchtsvoll aufschauen. Frauen, die noch dankbar sein können, daß sie etwas zu essen haben und auch jeden Faustschlag ins Gesicht als Wertschätzung und Liebesbeweis betrachten. Frauen, die nicht davonlaufen können, weil ihnen ja alles und alle fremd sind außer ihrem Gatten. Das sind die Frauen zum Heiraten, die Mann sich importieren kann. Aus dem Gebiet Hunsrück/Eiffel in Mitteldeutschland West wurde bekannt, daß in den katholischen Kirchen vereinzelt bebilderte Bestellkataloge aufliegen, um den Bauern die Brautschau zu erleichtern. Philippinische Frauen stehen auch an erster Stelle, was die Anzahl binationaler Eheschließungen deutscher Männer betrifft.

Aber der Mann kommt auch gerne zur Frau und gibt ihr auch ein bißchen was dafür, daß er an ihr sexualtherapeutisch tätig werden kann. Viele Mädchen in Thailand und auf den Philippinen, in Kenia und anderswo können ein Lied davon singen, daß sie im Alter von 8, 10 oder 12 Jahren vergewaltigt wurden, auch Knaben stimmen in diesen Chor mit ein. Die AIDS-Quote liegt in diesen sexuell ausgebeuteten Ländern bei bis zu 20% Infizierten.

Und falls das alles noch nicht reicht: In Europa, in den USA und in den großen Metropolen der restlichen Welt gibt es noch das Sonderangebot der multikulturellen Gesellschaft, ein Projekt der Postmoderne-GesmbH. Alle jene sind herzlich eingeladen, daran teilzunehmen, die es erstens geschafft haben, die Grenzen zu jenen Territorien zu überwinden und sich noch ein gewisses Maß an ethnischer, soll heißen kulturell-authentische Eigenart ihrer Abstammung bewahrt haben. Am besten in einer sozial verträglichen Form wie im Bereich der Kochkunst im besonderen und der Volkskunst im allgemeinen. Für die Köche und Köchinnen gibt’s Arbeit in den Gourmettempeln, für die traditionellen Gebräuche Völkerkundemuseen oder moderne Künstler, die unter Inspirationsmangel leiden. Obige Varianten werden gerne zur Erweiterung des kulturellen Mainstreams konsumiert.

Aber Achtung: Weitere traditionelle Lebenshaltungen sind eher unerwünscht. Eine zu stark zur Schau getragene kulturelle Eigenständigkeit kann leicht als Anmaßung, sogar als Bedrohung aufgefaßt werden. Menschen mit nichtweißer Hautfarbe wird geraten, sich reinzuwaschen vom Stigma des Andersartigen. Michael Jackson kann da als gutes Vorbild dienen. Für seine zahlreichen Operationen und Hautaufhellercremes mußte er zwar tief in die Tasche greifen, aber er wurde tausendfach belohnt dafür. Und zwar in Dollar und einer Fangemeinde, die an Größe alles bisher dagewesene übertrifft.

Trotzdem kann in der Frage der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit kein allzugroßer Optimismus verbreitet werden. Die relativ kurze, nämlich nur zwei Jahrhunderte andauernde Ära der Nationalstaaten scheint sich zwar in einer Übergangsphase zu befinden, doch heißt das noch lange nicht, daß der Begriff Kultur neuerdings etwas anderes als Rasse bedeuten soll, wenn von Minderheiten die Rede ist. Auch wenn die Vielfalt der Kulturen angesagt ist, geben die Vertreter und Vertreterinnen den Verlustängsten ihrer Vormachtstellung massiven Ausdruck und versuchen, die Wurzeln ihrer, der — noch immer — dominierenden Kulturen auszugraben und in frisch mit nationalistischer Überheblichkeit gedüngten Boden umzupflanzen. Auch wenn das Individuum Trumpf ist und nicht mehr die völkische Gemeinschaft, braucht es das Fremde, anders Bewertbare, um seine Identität herzustellen.

Und ein Fremder ist laut Duden noch immer: „Fremdling, Pimock (rhein., abwertend), Ausländer, Staatenloser, Zugereister (ugs.), kein Einheimischer/Hiesiger (ugs.), Ortsunkundiger, Tschusch (österr., abwertend). In Südamerika — Gringo; weiters: siehe Ausland, siehe Gast.“