Martin Taurer

Martin Taurer, Martin Taurer, 1985. Seit rund 10 Jahren im Kostnix-Laden aktiv, prekär beschäftigt.

Beiträge von Martin Taurer
Streifzüge, Heft 67

Minimalismus – eine individuelle Notwehrmaßnahme

■  Martin Taurer
August
2016

Die kolossale Palette an Produkten, welche überall dort, wo zahlungsfähige Kundschaft winkt, in Stellung gebracht wird, erscheint als eine ungeheure Herausforderung für die um Strukturierung und Einschätzung bemühten Adressaten. Für professionalisierte Einkäufer in unternehmerischen Strukturen ist (...)

360°-Panorama des KostNixLadens Bochum
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Umsonstladen in Freiburg

Ein Umsonstladen, auch Kost-Nix-Laden oder Schenkladen, ist ein privates, sozial oder politisch motiviertes Projekt, das neue oder gebrauchte Gegenstände zur kostenlosen Mitnahme bereitstellt. Eine kompakte Sonderform der Umsonstläden stellen sogenannte Freeboxes, auch als Giveboxes, Gib- und Nimm-Regale oder Tauschregale bezeichnet, dar.

Funktionsweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In einem Umsonstladen können Gegenstände, die für andere Besucher nützlich sein können, weitergegeben bzw. getauscht werden. So können Besucher auch ausgestellte Gegenstände mitnehmen. Die Mitnahme der Gegenstände ist nicht an eine Prüfung von Bedürftigkeit, wie dies oft bei Tafeln und Kleiderkammern der Fall ist, gebunden. Im Gegensatz zu karitativen Einrichtungen sehen sich viele Umsonstläden und Schenkergemeinschaften meist mit politischen Zielen verbunden.[1]

Kostnix Umsonstladen in Innsbruck, Österreich

Regeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In viele Läden sollen nur neue bzw. ungebrauchte oder gut erhaltene gebrauchsfähige Gegenstände mitgebracht werden. Lebensmittel, zum Beispiel Marmeladen, Honig und haltbare Konserven, können ebenfalls angeboten werden. Oft gibt es Beschränkungen für die Zahl der mitgebrachten Gegenstände in bestimmten Bereichen. Teilweise wird dazu aufgefordert, bestimmte Dinge weniger abzuliefern, manchmal gibt es „Annahmestopps“.

Größere und schwer transportable Gegenstände (wie Möbel, Zweiräder, Maschinen, Kühlschränke oder Autos) können sich die Nutzer mittels an einem Schwarzen Brett angebrachten Zetteln selbst vermitteln – in Einzelfällen auch gegenseitige Hilfsleistungen.

Durch die Organisationsweise soll der Zeitaufwand für die Betreiber verhältnismäßig gering sein. Das Annehmen und Einräumen der Dinge kann auf viele ehrenamtliche Personen verteilt werden. Häufig werden die Nutzer daran beteiligt. Ein Zahlungs­vorgang entfällt und man kann – solange es keine Mitnahmebegrenzung gibt – gar nichts „klauen“. Zudem lassen sich die Gegenstände gratis ausleihen bzw. testen, da sie jederzeit wieder zurückgebracht werden können. Diese Möglichkeit wird insbesondere bei Kleidung und Büchern oft genutzt.

Einige Läden erbitten von den Nutzern Spenden für Betriebskosten, es muss jedoch im Gegensatz zu Recyclingkaufhäusern und Abfallbörsen nicht für einzelne Gegenstände gezahlt werden. Anders als bei Tauschringen findet auch keine Verrechnung statt. In einigen Läden gibt es allerdings Einschränkungen dieses Prinzips. Es wird zum Beispiel häufig ein Limit von Gegenständen gesetzt, die eine Person an einem Öffnungstag mitnehmen darf. Damit soll insbesondere verhindert werden, dass zum Beispiel Bücher oder Kleidung in größeren Mengen mitgenommen wird, um sie auf dem nächsten Flohmarkt zu verkaufen.

Angebot[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufig werden Kleinutensilien wie Geschirr, Besteck, Romane und Sachbücher (zum Beispiel Lexika oder Wörterbücher), Werkzeug, Lampen, verwendbare Farben, Kosmetika, bequeme Kleidung, Schuhe, Elektrogeräte, Computer, Software, CDs und vieles mehr.

Produkte wie alte Romane, veraltete Elektronik oder unmodische Kleidung, die mehr gebracht als mitgenommen werden, sammeln sich oft im Laden an. Mit solchen „Ladenhütern“ wird unterschiedlich umgegangen. Manche Umsonstläden veranstalten auch öffentliche Modenschauen mit solchen Ladenhütern (z. B. in der Innenstadt).

Lebensmittel, die zum Beispiel von Einzelpersonen zu viel gekauft wurden, stellen ein Problem wegen der Haltbarkeit dar. Daher werden diese manchmal im Rahmen einer Sonderaktion verarbeitet bzw. verbraucht, womit auch Interessenten angelockt werden sollen.

Verbreitung und Lage[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Umsonstläden sind insbesondere in Deutschland und Österreich sowie in den Niederlanden verbreitet.[2] Im Dezember 2014 gab es im deutschsprachigen Raum mindestens 83 Umsonstläden, vorwiegend in größeren Städten, aber auch in einigen Orten unter 10.000 Einwohnern.

Die Umsonstläden sind örtlich gebundene Projekte, darin unterscheiden sie sich von netzbasierten Gratisprojekten wie zum Beispiel freecycle, bei denen über das Internet Güter angeboten und dann versendet oder abgeholt werden. In einigen Fällen werden von städtischen sozialen Zentren Räume zur Verfügung gestellt.

Sonderformen: Giveboxen und Gabenzäune[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Freebox in Berlin

In vielen sozialen Projekten und Wohnhäusern sind Freeboxes aufgestellt, die nach demselben Prinzip funktionieren wie ein Umsonstladen, aber keinen ganzen Raum einnehmen, sondern nur aus einem Regal oder ähnlichem Möbel bestehen.[3][4] Teilweise werden diese auch als Gib- und Nimm-Regale oder Tauschregale bezeichnet.[5]

2011 kamen in Berlin die ersten Giveboxes[6] als offene, überdachte Häuschen auf, die beispielsweise (Bonn) durch private Initiative und durch Crowdfunding und Spenden finanziert auf von kirchlichen Einrichtungen zur Verfügung gestelltem Grund stehen[7][8]. Laut Givebox.eu gibt es in Deutschland zwischen 50 und 60 öffentliche Giveboxes (Stand: Januar 2018).[9]

2017 wurde in Hamburg ein Zaun zum „Gabenzaun“ für Obdachlose und andere bedürftige Menschen erklärt. Der Zaun wurde in der Nähe des Hauptbahnhofs wurde ursprünglich errichtet, um Obdachlose daran zu hindern auf einer Mauer zu sitzen. Menschen hängen dort in Tüten verpackte Sachspenden wie Kleidung, Hygieneartikel, Nahrungsmittel, Hundefutter etc. auf.[10] Im Rahmen der Corona-Pandemie 2020 wurde die Idee in vielen deutschen Städten adaptiert.

Ökonomische Diskussion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Betreiber von Umsonstläden betonen, dass es ihnen nicht um Warentausch geht, sondern um das freie Geben und Nehmen. Das Ziel bestehe darin, eine Möglichkeit für den Erwerb, die Nutzung und die Weitergabe von Gütern außerhalb des kapitalistischen Systems zu bieten. Von den Befürwortern der Projekte wird damit oft die Utopie einer geldfreien „Umsonstökonomie“ verbunden.

Umsonstläden werden von ihren Betreibergruppen verschiedene Zielsetzungen zugeschrieben:[11]

Die Umsonstläden sollen zudem einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung leisten, indem Ressourcen geschont werden und Menschen ohne großes Einkommen die Chance erhalten, Güter ohne Geld zu erwerben. Für diesen Ansatz wurde zum Beispiel der Umsonstladen des Arbeitskreises Lokale Ökonomie in Hamburg-Altona im Jahre 2004 mit dem Altonaer Nachhaltigkeits­preis durch die Bezirksversammlung Altona ausgezeichnet.

Ausgehend von dem 1999 gegründeten Hamburger Umsonstladen[12][13][2] gibt es den Versuch, Umsonstläden als Teilprojekt einer Gemeinschaft gegenseitiger Hilfe weiterzuentwickeln. Wer in einem der Projekte aktiv ist und sich an den nötigen Absprachen (Kooperation) beteiligt, kann alle Ressourcen der Projektgemeinschaft nutzen. Der Umsonstladen soll Bestandteil einer gemeinschaftlich organisierten Struktur werden. Zum Hamburger Projekte-Verbund gehören bisher – neben dem Umsonstladen als Kernaktivität – ein Kleinmöbellager, ein Bildungsprojekt (die „Freie Uni Hamburg“), eine Fahrrad-Selbsthilfe-Werkstatt und weitere Projekte. Für die Aktiven in den Projekten sind sämtliche Dienstleistungen und Dinge aus allen Projekten kostenlos. Anderen Nutzern werden sie gegen eine Aufwandsspende zur Deckung der Kosten, die deutlich unter den Marktpreisen liegt, zur Verfügung gestellt. Über die weitere Aneignung von Fähigkeiten soll allmählich eine Produktion für den Selbstbedarf der Projektgemeinschaft entwickelt werden. Eine praktische Verbindung mit Kommunen und Projekten nicht-kommerzieller Landwirtschaft wird angestrebt. Auch in anderen Umsonstläden wird über dieses und ähnliche Modelle diskutiert.

An der TU Berlin gründeten Studierende im Frühjahr 2009 einen Umsonstladen auf dem Campus der Universität, direkt neben der studentischen Fahrradwerkstatt Unirad. Die Gründer sind in mehreren studentischen Projekten aktiv und hoffen, durch den Umsonstladen Nachhaltigkeit und Solidarwirtschaft campusweit zu fördern.[14]

Geschichte, Vorgänger[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Diggers waren Ende der 1960er Jahre eine Aktionsgruppe mit politisch-künstlerischen Hintergrund im Haight-Ashbury District in San Francisco. Ob ihrer anarchistischen Geldkritik betrieben sie von 1966 bis 1968 u. a. einige „Free Stores“. Einen in der 1762 Page Street, einen zweiten in der 520 Frederick Street sowie einen dritten in der Cole Street mit dem Namen „The Trip Without A Ticket“. Zusätzlich verteilten sie täglich „free food“ in Berkeleys Civic Center Park. Dort veranstalteten sie ebenfalls kostenlose Konzerte und Theateraufführungen und betrieben eine „free bakery“, die „Haight-Ashbury Free Medical Clinic“ in der 588 Clayton Street. Des Weiteren einen „Free Print Shop“. Auch in anderen Städten gab es Free Stores der Diggers. Beispielsweise in New York in der 264 East Tenth Street (Lower East Side). Diesen Vorbild folgend gab es in dem Ort Cotati in Kalifornien einen Freestore vom Ende der 60er Jahre bis 1983.

In Melbourne (Australien) gab es von 1971 bis 1972 in der 42 Smith Street, im Stadtteil Collingwood einen von Anarchisten betriebenen Free Store, den „Collingwood Freestore“.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hanna Kunas: Schenken als ökonomisches Handeln. Eine Analyse von Umsonstläden in Deutschland, Köln 2010, Online (PDF, 191 kB)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Umsonstläden – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Klute, Sandra Kotlenga: Sozial- und Arbeitsmarktpolitik nach Hartz: fünf Jahre Hartzreformen. Bestandsaufnahme - Analysen - Perspektiven, 2008, ISBN 3-940344-33-8, S. 249, online.
  2. a b Eine Selbstkritik der Umsonstläden - Rückblick und Ausblick. Abgerufen am 27. September 2009.
  3. http://www.neues-deutschland.de/artikel/240024.umsonstlaeden-einfach-zum-mitnehmen.html
  4. http://www.taz.de/!84357/
  5. Lokalkompass: Gib und Nimm. Online unter www.lokalkompass.de. Abgerufen am 15. August 2018.
  6. Tagesspiegel, Berlin vom 3. September 2011
  7. Julia Bauer: Die Bonnbox in den Medien. 17. Mai 2017, abgerufen am 24. Juni 2017.
  8. Stefan Knopp: Weitergeben statt wegwerfen. Im Bonner General-Anzeiger, Seite 21, 22. Juni 2017,
  9. G I V E B O X . E U. Abgerufen am 12. Januar 2018.
  10. Hamburger machen Zaun gegen Obdachlose zum Gabenzaun: So geht Zweckentfremdung! In: Jetzt.de. Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2017, abgerufen am 31. März 2020.
  11. Weitere Umsonstläden. (Nicht mehr online verfügbar.) Arbeitskreis lokale Ökonomie, archiviert vom Original am 23. September 2009; abgerufen am 27. September 2009. i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ak-loek.de
  12. Was nix kostet ist auch nix wert? - Erfahrungen aus dem Umsonstladen - Hamburg (Altona) (Memento des Originals vom 14. Juli 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ak-loek.de auf der Website Arbeitskreis Lokale Ökonomie Hamburg, abgerufen 11. Juni 2014
  13. Umsonstläden liegen im Trend Meldung der dapd auf der Website der Märkischen Onlinezeitung, abgerufen am 11. Juni 2014
  14. Studentenkonzept: Umsonstladen@1@2Vorlage:Toter Link/service.zitty.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Artikel im Berliner Stadtmagazin zitty vom 25. Mai 2009