Heft 7-8/2000
Dezember
2000

Alptraum ‘pataphysisch

Oder die Kunst, die Welt so zu sehen, daß einem dabei lachend schlecht wird.

Alle Jahrzehnte einmal bricht sie wieder hervor, die Wissenschaft der erfundenen Lösungen und der Ausnahmen: die ’Pataphysik. Vielleicht genau dann, wenn die Welt ruhig betrachtet am verrücktesten, am brutalsten wirkt, verwirrt, nur Probleme, aber keine Lösungen bietet. Die ’Pataphysik bietet dann zwar keine Erlösung, jedoch eine unendliche Anzahl von Lösungen an, da sie sich methodisch ausschließlich mit diesen beschäftigt, nach dem immer verträglichen und brutalen Motto: zuerst die Lösung, dann das Problem.

Wenn mensch beginnt, gänzlich in der ‘pataphysischen Herangehensweise aufzugehen, dann scheint ihm diese auch als einzig möglicher Weg, um sich vom etablierten, lizenzierten, gesellschaftlichen Wahnwitz, auf den wohl nicht näher eingegangen werden muß, nicht anstecken zu lassen und seinen eigenen zu entwickeln. Ihm wird bewußt, daß jenseits der ’Pataphysik nichts ist, sie die letzte Instanz darstellt, die letzte Instanz von allem, das absolute Dogma. Ein ’Pataphysiker argumentiert leicht, da er keine Berührungsängste mit dem Größenwahn zu haben braucht

’Pataphysik gibt es natürlich schon seit immer und sie war überall auf dieser Welt vorhanden. Erst aber um das Jahr 1900 wurde sie bewußt eingesetzt, nämlich vom Schriftsteller Alfred Jarry. Obwohl sie bis heute hauptsächlich von Literaten gepflegt und gepredigt wird, ist sie keine philosophisch-literarische Schule, die in Paris gegründet wurde, um der Gefräßigkeit von Buchstabenkonsumenten vorgeworfen zu werden. Sie ist eine Wissenschaft mit eigener Hochschule, dem Collège de ’Patasphysique in Paris, mit einem globalen Forschernetz und vielen medienwirksamen Anhängern, zumindest alle paar Jahrzehnte einmal, wenn sie wieder auftaucht.

Folgende Erklärung wurde einmal herangezogen, um ’Pataphysik verständlich zu machen: ’Pataphysik steht über der Metaphysik, genauso wie die Metaphysik über der Physik steht. Illustriert wurde die Erklärung dann so: ein Mann wartet in einem Café, die Frau auf die er wartet, kommt durch die Tür; das ist Physik. Ein Mann wartet in einem Café, denkt in dem Moment an die Frau, auf die er wartet, als sie durch die Tür kommt; das ist Metaphysik. Ein Mann wartet in einem Café, verliert die Geduld und geht, zur gleichen Zeit kommt die Frau durch die Hintertür, der Mann ist weg, die Frau wartet auf den Mann; das ist ’Pataphysik. In aller Einfachheit kann mensch jedoch auch sagen: ’Pataphysik ist die Wissenschaft.

Wie überall, wo mensch sich ans Erklären der ’Pataphysik heran macht, wird auch hier näher auf Alfred Jarry eingegangen werden müssen. Guy Debord schreibt in Dieser schlechte Ruf über ihn: „Selbst wenn man nicht Kafka gelesen haben muß, geht man seit rund 60 Jahren ziemlich schnell davon aus, daß er den Großteil des Grauens dieses Jahrhunderts angekündigt hat. Genauso weigert man sich jedoch seit noch längerem anzuerkennen, daß Jarry ein noch viel enormeres Grauen ankündigte.“ Was kann denn ein enormeres Grauen sein, als die ’Pataphysik, ist die ’Pataphysik doch alles. Durch die Schaffung vor allem zweier Figuren wurde der 1873 geborene und 1907 gestorbene Jarry berühmt und mit ihm die ’Pataphysik: König Ubu und Doktor Faustroll. Ersterer war die Atombombe der ’Pataphysik, zweiterer der Erfinder oder besser Wiederfinder, der Einstein der Wissenschaft der Wissenschaften.

Doktor Faustroll braucht sich mit keinem Teufel einzulassen, um einiges auf den Kopf zu stellen. In Taten und Ansichten von Doktor Faustroll läßt Alfred Jarry den Wissenschaftler auf die Menschheit los. Dieser überschüttet diese dann darin mit ‘pataphysischer Methodik und Theorie (siehe Kasten) und zieht alle, die sich einlesen, in seinen Bann, wie ein Doktor seine weißen Mäuse in den Bann zieht.

Bewußtseinsträchtiger als der grau schillernde Theoretiker war jedoch der Supergau namens Ubu, dessen Geschichte unter anderem im Theaterstück König Ubu — übrigens slang-genial von H.C.Artmann ins deutsche übertragen — erzählt wird. Ubu ist ein Monster von einem Wesen, ein wenig dumm, von einer gleichwertig brutalen, aber vielleicht helleren und ehrgeizigeren Ehefrau angetrieben; der Mutter Ubu, die ihn motiviert, den König zu massakrieren und sich selbst zum solchen zu machen. Als Gardehauptmann fällt ihm dann der Mord auch nicht wirklich schwer. Auf den ersten Blick könnte mensch sagen, es handle sich um eine Macbeth Parodie, doch ist Ubu selbstverständlich mehr als nur das.

Ubu par Pablo Picasso
(paru dans la brochure destinée à la représentation d’Ubu enchaînée 1932)

Ubu wird von vielen eher als ein Mythos, als die Symbolfigur für die sich verselbstständigende Mutwilligkeit der Macht, denn einfach nur als eine Figur des Theaters oder der ’Pataphysik gesehen. Ubu steht bei erster Betrachtung für den nimmersatten, machthungrigen, kleinbürgerlichen Diktatortypen, im Großen wie im Kleinen, den das XIX. Jahrhundert geboren und welcher das XX. Jahrhundert verwüstet hat. Die, die Jarrys Stück König Ubu gelesen oder gesehen haben, empfinden den Hochputscher und Regierungsstapler als einen Klischeetyrannen, einen Vorbildverwüster, als einen zur Grausamkeit getrimmten und stehenden Staatsapparat, in dessen Wanst nicht nur Tonnen von Fressen, sondern vor allem die unzählbaren Opfer seiner Willkür passen. Philippe Sollers beschrieb Ubus Wirkung folgendermaßen: „Im Zuschauerraum erschauender Schrecken. Dieser Ubu ist weder Erzieher noch Reformator. Er wartet auf keinen Godot und glaubt nicht einmal, daß die Welt absurd ist.“

Es ist jedoch nicht das 1896 uraufgeführte Stück an sich, welches in die Geschichte eingegangen ist, sondern die Figur des Ubu. Selbst wenn in Frankreich die wenigsten je eines der Ubu-Stücke in Theater oder Fernsehen gesehen haben, außer vielleicht in der Schulzeit, ist der Begriff „ubuesque“ ein allgemein geläufiger, den man gerne verwendet, um von etlichen Figuren der Geschichte oder der Gegenwart zu reden. Vor einigen Jahren forderte der Politologe Pascal Ory sogar ein eigenes Studienfach: die „Ubulogie“ (hat natürlich nichts mit ’Pataphysik, bzw. alles mit ihr zu tun), die Erforschung der Tyrannei.

Alfred Jarry, affiche pour la représentation d’Ubu Roi

Warum beschäftigen sich aber avantgardistische Schriftsteller, solche die mensch als revolutionär humanistisch umschreiben kann, wie Boris Vian, Raymond Queneau u.v.a. in den 50er Jahren dann plötzlich nicht nur mit der ’Pataphysik, sondern leben und vertreten sie auch, ganz im Sinne Ubus? Sie organisierten sogar das ’Pataphysische Collège, welches stark an die Strukturen der katholischen Kirche, vor allem an den Jesuitenorden erinnerte, und zwar in einer dermaßen übertriebenen Form, daß dieser automatisch ins Lächerliche gezogen wurde. Die Erklärung, warum mitten im kalten Krieg, mitten im Atombombenzeitalter die ’Pataphysik ein taugliches Element der Kritik sein konnte, ist einfach: mit der wissenschaftlichen Nonsens-Methode der ’Pataphysik können alle Phasern der Gesellschaft neu verzerrt und somit nicht selten ins richtige Licht gerückt werden, kann das, was der Mensch allen Ernstes von sich gibt, als eindeutig un-ernst enttarnt werden. Ohne zu relativieren, will die ’Pataphysik eine übertriebene Realität darstellen, die der Realität sehr nahe kommen soll. Ganz klar, für Vian, Queneau u.v.a. war die ’Pataphysik der Schwarze Humor im Dienste der Revolution und des Humanismus.

Im Essay An der Schwelle der ’Pataphysik von seiner Magnifizenz (ein hoher ‘pataphysischer Würdentitel, daneben gibt es auch den General-Aufseher-Adjunkt und Bittsteller, u.v.m.) Roger Shattuck, gibt es eine prägnante Stelle, die ausreichend illustriert, wie Realität sich ohne ‘pataphysisches Zutun schon selbst ins Unernste, ins Groteske verzerrt: „Einige Monate zuvor hatte ein Versehen offenbart, dass Diplomaten ihren Ruf und die Zukunft ihres Landes aufs Spiel setzen durch ihre Gewandtheit, im Verlaufe der Konferenz Wörter wie“Einhorn„,“Hermaphrodit„oder sonst irgendein seltsames Wort, auf welches die Partner sich geeinigt haben, mit aller Natürlichkeit zu gebrauchen. Es galt die Regel, es als erster zu sagen, ohne daß es gekünstelt schien.“ Wenn diese der Realität entsprungene Geschichte eher an Monty Python erinnert, ist dazu nur zu sagen, daß diese ebenfalls bekennende ’Pataphysiker waren.

Die ’Pataphysiker exerzieren in ihren Alpträumen, ähnlich wie schon einst Marquis de Sade, vor, wie grauslich die Welt ist, sie sind Spiegel aus schwarzem Humor und über das gesehene Abbild seiner selbst muß mensch lachen, auch wenn dieses Lachen noch so unpassend und demaskierend ist. Sie lassen sich nicht auf die Diskussion ein, ob sie es ernst meinen oder nicht, einzig die Darstellung des Wahnwitzes als menschliche Komödie steht im Vordergrund. Im Gegensatz zu Ödön von Horváth, der behauptet hat, daß das einzelne Schicksal eine Tragödie und das Schicksal aller eine Komödie ist, zeigen die ’Pataphysiker, daß jedes einzelne Schicksal eine Komödie darstellt, ohne Widerruf.

Aber jeder Alptraum, egal wie groß, ist nur eine Ausnahme. Grund genug, die Hoffnung nicht zu verlieren? Die ’Pataphysik als letzte Instanz läßt nur Ausnahmen zu, keine Allgemeinregel, somit auch keine Hoffnung. Nicht jeder Mensch ist Ubu, vielleicht aber nur jeder, der regieren will, und wer will das nicht? Die ’Pataphysik bringt keine neuen Kenntnisse, behauptet sie sowieso, daß jede Form von Kenntnis ‘pataphysisch ist, sie will nur die grotesken Seiten der Menschheit, die in ihrer Normalität schon jeden Schrecken eingebüßt haben, so darstellen, daß sie wieder unerträglich werden. In einem Hörspiel nach Alfred Jarry von H.C.Artmann spielte Helmut Qualtinger den König Ubu, in einem Ton, der nicht umsonst an den Herrn Karl erinnerte.

Alfred Jarry / Doktor Faustroll Elemente der ‘Pataphysik

(www.gatzke.org/patata.htm)

Definition: Die Pataphysik ist die Wissenschaft imaginärer Lösungen, die den Grundmustern die Eigenschaften der Objekte, wie sie durch ihre Wirkung beschrieben werden, symbolisch zuordnet.

Die gegenwärtige Wissenschaft stützt sich auf das Prinzip der Induktion: die meisten Menschen haben ein Phänomen oft genug einem anderen vorausgehen oder nachfolgen sehen, und schon schließen sie daraus, dass es immer so sein muss. Nun trifft dies aber nur meistens zu, hängt vom Standpunkt ab und unterliegt dem Gesetz der Bequemlichkeit - und dennoch! Sollte man nicht, statt das Gesetz des freien Falls der Körper auf einen Mittelpunkt hin zu formulieren, vielmehr die These vom Aufsteigen der Leere zu einer Peripherie hin vorziehen, indem man die Leere als Einheit der Nicht-Dichte betrachtet, eine Hypothese, die viel weniger willkürlich ist als die Festlegung auf die konkrete, positive Dichte-Einheit Wasser?

Denn eben dieser Körper ist Voraussetzung und Gesichtspunkt für die Summe der Massen, und damit wenigstens seine Eigenschaften, wenn schon nicht seine Natur, nicht allzu sehr variieren, muss notwendig vorausgesetzt werden, dass die Körpergröße der Menschen immer sichtbar konstant und untereinander gleich bleibt. Die weltweite Übereinkunft ist schon ein fast wunderbares und unbegreifliches Vorurteil. Warum behauptet jeder, die Form einer Uhr sei rund, was offensichtlich falsch ist, weil sie im Profil ein rechteckiges, schmales, zu drei Vierteln elliptisches Bild bietet, und warum, zum Teufel, nimmt man ihre Form erst in dem Augenblick wahr, wo man die Tageszeit abliest? Vielleicht geschieht es unter dem Vorwand der Nützlichkeit. Aber dasselbe Kind, das die Uhr rund zeichnet, zeichnet auch das Haus viereckig, nach der Fassade, und das ganz offensichtlich ohne zwingenden Grund; denn außer auf dem Land sieht es selten ein alleinstehendes Gebäude, und in einer Straße erscheinen sogar die Fassaden als sehr schräge Trapeze.

So muss man wohl oder übel zugeben, dass die Masse (einschließlich kleiner Kinder und Frauen) zu grobschlächtig ist, um elliptische Figuren zu begreifen, und dass die Einzelnen sich der sogenannten weltweiten Übereinkunft anschließen, weil sie nur Kurven registrieren, die zu einem gemeinsamen Brennpunkt streben; denn es ist leichter, sich in einem Punkt zu treffen als in zweien. Tangential, mit dem Rand ihrer Bäuche kommunizieren sie und halten sich im Gleichgewicht. Nun, selbst die Masse hat gelernt, dass das wahre Universum aus Ellipsen besteht, und selbst die Bürger füllen ihren Wein in Fässer ab und nicht in Zylinder.

Um auch in einer Abschweifung unser übliches Beispiel, das Wasser, nicht zu verlassen, wollen wir also darüber nachdenken, was der Geist der Masse in folgendem Satz respektlos von den Adepten der Wissenschaft der Pataphysik sagt:

Faustroll kleiner als Faustroll

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