Grundrisse, Nummer 28
Dezember
2008
Detlef Hartmann, Gerald Geppert:

Cluster

Die neue Etappe des Kapitalismus

Berlin: Assoziation A, 2008, 222 Seiten, 14 Euro

Formal gliedert sich das Buch in zwei Teile. Im ersten, von Detlef Hartmann verfasst, werden die grundlegenden Momente der Cluster Strategie umfassend dargestellt, im zweiten Teil, von Gerald Geppert geschrieben, wird diese Strategie am Beispiel der Volkswagen AG in der Region Niedersachsens dokumentiert. Da ich mich auf den allgemeinen theoretischen Rahmen dieses Buches beziehen möchte, liegt die Konzentration auf den ersten Teil nahe.

Vorweg möchte ich festhalten, dass mir dieser Text neue Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung erschlossen hat – ein größeres Lob kann einem Buch kaum ausgesprochen werden. Daran ändert auch eine ganze Reihe von kritischen Einwänden nichts, auch nicht die Tatsache, dass Hartmann zu jenen AutorInnen zählt, die sich durch überschäumende Polemik ein wenig selbst im Weg stehen. Wie dem auch sei, werfen wir einen Blick auf die Darstellung der „neuen Etappe des Kapitalismus“, wie es im Untertitel heißt. Die Zahlen in Klammern verweisen auf die Seiten im Buch.

Cluster

Der Ausdruck „Cluster“ entstammt der Sprache aktueller Strategiepapiere. Cluster ist erstmals eine geographische Bezeichnung und verweist auf eine besonders innovative, leistungsfähige Region. Modellbild aller Cluster war und ist das Silicon Valley in den USA. Dieses Modell stand mit Modifikationen für die Region um Wolfsburg, Sitz der VW Werke, Pate. Bei der Cluster Strategie geht es nicht nur um die Vernetzung eines weltmarktfähigen Werkes mit der lokalen Infrastruktur. Einen Cluster zu bilden erfordert die konstruktive Zerstörung vorhandener Strukturen einer ganzen Region und deren Neuformierung. Diese soll alle Bereiche des Lebens umfassen: neben den eigentlichen Betriebsansiedlungen, dem Ausbau der Verwaltung von disponiblen Arbeitskräften umfasst die Cluster Strategie auch Aspekte des Wohnens, der Kultur, der Freizeitgestaltung. Zum Cluster zählt die Förderung von Zulieferbetrieben, die Mobilisierung von Kleinstunternehmungen und die Miteinbeziehung jeder potentiellen Arbeitskraft, auch der schwach qualifizierten, durch den Ausbau von Gastronomie und Unterhaltungsbetrieben. Ebenso ist die Brücke zu universitären Instituten, elaborierten Forschungseinrichtungen und Beratungsfirmen zu schlagen. So ist es jedenfalls in den diversen Strategie- und Beratungspapieren formuliert, die von den Autoren des Buches ausführlich studiert und zitiert werden.

Die Cluster Strategie widerlegt Positionen, die den globalisierten Kapitalismus als ortlos interpretieren. Er benötige nicht mehr bestimmte regionale Bedingungen, so wird gesagt, oder es genügten wenige oder gar nur eine Bedingung, etwa niedrige Löhne, um sich profitabel anzusiedeln. Die Wirklichkeit der Clusterbildung widerspricht diesen Auffassungen. Um auf Dauer Weltmarktniveau zu halten, muss der Betrieb in ein vielfältiges, in zugeneigtes und zuarbeitendes Milieu eingebunden sein. Dies ist vor allem für die erste Ressource der postfordistischen Produktion notwenig: die aktive Selbstmobilisierung des Menschen für die Zwecke des Kapitals. Die Darstellungen im vorliegenden Buch machen jedenfalls klar, dass die These der Standortkonkurrenz oftmals viel zu glatt formuliert wurde. Wenn, wie behauptet, die Lohnhöhe und die Arbeitsbedingungen das Ein und Alles der kapitalistischen Akkumulation wäre, dann wird es zum Rätsel, warum Kapitalismus hierzulande überhaupt noch stattfindet. Zudem sind jene Produktionsprozesse, die profitabel in Billiglohnländer ausgelagert werden konnten, schon längst ausgelagert. Es ist eine geradezu naive Annahme, das Kapital würde hierzulande verweilen, aber permanent mit der Drohung mit der Verlagerung spielen können. Kein Kapital kann mit einer möglichen Standortverlagerung Jahre zuwarten. Wenn diese möglich und aus Profitperspektive nötig ist, muss sie längst geschehen sein.

Die Theorie des Clusters setzt also die These, dass die Perspektive auf die geographische Region das entscheidende Merkmal des aktuellen Kapitalismus sei. Es konkurrieren primär nicht Staaten, sondern Regionen mit einander. Aber diese Perspektive auf die Cluster Bildung wird erst aus der eigentlichen Grundthese des Buches verständlich. Vielleicht hätte es auch besser: „Konstruktive Zerstörung und Zwang zur Selbstmobilisierung – zur Herausbildung neuer Eliten im gesellschaftlichen Umbruch“ betitelt werden sollen, denn so lautet die eigentliche Kernthese.

Konstruktive Zerstörung – der Zwang zur Selbstmobilisierung

Die Zurichtung des Individuums – des Selbst, so Hartmann – für die kapitalistische Verwertung ist ein aktiver Prozess. Dieser Prozess wird in Strategiepapieren, etwa der Beratungsfirmen McKinsey und Bertelsmann, aber ebenso von einem ganzen Rattenschwanz von Instituten (teil universitär, teils außeruniversitär), PublizistInnen, WissenschafterInnen, EU Kommissionen, staatlichen wie halbstaatlichen Stellen formuliert, diskutiert und schlussendlich auf verschiedenen Ebenen umgesetzt. Diese umfassen teilweise einzelne Betriebe, wie etwa die Intervention von McKinsey bei Gate Gourmet, die Politik der Arbeitsämter und Arbeitsagenturen, aber auch gesamtgesellschaftliche Strategien wie die Agenda 2010 in Deutschland. McKinsey ist bei Gate Gourmet gescheitert, ein monatelanger Streik war die Antwort der Belegschaft. Ich verweise in diesem Zusammenhang gerne auf einen ausführlichen Rezensionsessay in den „grundrissen“ Nr. 22, in dem die Dokumentation dieses Streiks ausführlich besprochen wird.

Wie Hartmann dokumentiert, sind Reibungsverluste bei der Durchsetzung einkalkuliert. Die avanciertesten Strategien verstehen sich explizit als permanenter Lernprozess, die Nichtübereinstimmung von Ziel und Wirklichkeit wird durchaus mitgedacht. Erfahrungen sollen permanent berücksichtigt werden. Dass das Selbst widerwillig, störrisch und nicht so ohne weiteres mobilisierbar ist, Widerstand also zu erwarten ist, wird durchaus angesprochen. So gibt es in den Strategiedokumenten von McKinsey das zynisch-bedrohliche Wort „knowledge hoarding“, also die Verweigerung der Wissensübertragung des zu durchleuchtenden Subjekts. (53) Und in einem Case-Management-Leitfaden für die Behandlung von Erwerbsarbeitslosen heißt es, Hartmann zitiert: „… Die Hilfebedürftigen haben sich in einer Lebensweise ‚eingerichtet’ oder sind in sie ‚hineingewachsen’, in der andere Normen und Maßstäbe gelten als in der Arbeitsgesellschaft. Häufig handelt es sich hier um marginalisierte Lebenszusammenhänge, und wenn Hilfeberechtigte ihren Status quo gegen Veränderungen und Interventionen verteidigen, so verteidigen sie dabei in der Regel zugleich für sie unverzichtbare Überlebensstrategien, mögen sie auch noch so defizitär sein.“ (69) In einem Papier des Arbeitsamtes Köln wird daher folgerichtig formuliert: „Fordern bedeutet … die Kultur spezifischer Milieus aufzubrechen.“ (68)

Hartmann stimmt mit vielen Ansätzen darüber überein, dass die fordistische Ordnung der 60er und 70er Jahre durch den Widerstand ins Wanken geriet. Die Antwort der kapitalistischen Herrschaft war und ist jedoch ein massiver, kalkulierter Angriff auf das Selbst. Der Widerstand wurde und wird aktiv niedergeschlagen. „Krieg als Prinzip des sozialen Wandels“ lautet dramatisch formuliert die These. (22) Ich finde diese Überlegungen die stärksten in diesem Buch. In manchen linken Darstellungen wird das Wechselspiel von Widerstand und Antwort der Herrschaft, das Hartmann ja nicht in Frage stellt, geradezu harmlos und spielerisch interpretiert. Der Widerstand würde mit einem Zug beginnen, die Herrschaft antwortet darauf flexibel mit einem Gegenzug, es kommt zur nächsten Runde. So, als würden sich Schach- oder Go SpielerInnen gegenübersitzen. Dagegen setzt Hartmann eine ganz andere Sichtweise: „Der Kapitalismus muss in beispiellosem Ausmaß Gefährdung, existenzielle Entwertung, Verunsicherung, Lebensangst, Angst vor Abstieg und Ausschluss, vor Nöten und sozialer Ausgrenzung, Drohung mit Überzähligkeit und Entbehrlichkeit organisieren, um Druck und Zwänge zur Selbstüberantwortung wirksam zu machen. Er kann sich dabei kein Nachlassen, keine Stagnation in seinen Bemühungen erlauben. Er muss auf die Permanenz des Verunsicherungskrieges setzen.“ (46) Widerstand muss niedergeworfen und zerstört werden. So heißt es in einem Papier von McKinsey in welchem die Intervention bei der Firma Gate Gourmet vorbereitet wurde, wie die Selbstaktivierung des Subjets zu geschehen hat. „… existentielle Drohung als Voraussetzung der Selbstaktivierung und -unterwerfung unter Zielgrößen mit geringen Freiheitsgraden eines engen Richtungskorridors.“ (68)

Eine neue Elite?

Das Niveau der strategischen Überlegungen in den Strategiepapieren zur Mobilisierung der Ressource Mensch ist durchaus hoch. Dies ergibt sich mit Notwendigkeit aus dem Übergewicht des „Pull“ gegenüber dem „Push“; zwei euphemistische Worte aus dem Vokabular der kreativen Zerstörung. Push steht für äußerlichen Zwang, Pull aber für das Herausziehen der Fähigkeiten, aber auch der Gefühle und Träume des Individuums und zugleich für das Hineinziehen in den kapitalistischen Verwertungsprozess. Die „kreative Zerstörung“, eine auf Schumpeter zurückgehende Strategie der bewussten und aggressiven Umwälzung und Neuformung des Sozialen, erfordert als Pull-Strategie ein entsprechendes Vokabular und entsprechende Theorieelemente. „Der Prozess sozialer Bemächtigung in die Tiefen der Subjektivität verschmilzt im strategischen Projekt mit dem Prozess theoretischer Bemächtigung. Mehr noch als in Deutschland [und wohl noch mehr als in Österreich K.R.] wird dies in den vom philosophischen und methodischen Pragmatismus geprägten USA daran deutlich, dass Pragmatiker an der Front zur Klasse zugleich Spitzentheoretiker in den führenden Institutionen und Universitäten sind.“ (53f) Worauf es Hartmann ankommt ist der Aspekt der bewussten und gewollten Gestaltung der Wirklichkeit. Diese Gestaltung wird von einer informierten Elite vorformuliert, in unzähligen Kommissionen, ExpertInnenrunden, Beratungsgesprächen, Expertisen usw. angepriesen und diskutiert. Das heißt, die Formulierung von Strategien – und die Cluster Strategie ist eine ganz wesentliche – erfordert einen soziologischen Träger: in Phasen des sozialen Umbruchs ist es vor allem eine neue Elite, die sich mit ihren Konzepten zu etablieren versucht. Gerade dieser Aspekt des Zusammenhangs einer neuen offensiven Strategie wie es die postfordistische Umwälzung der Gesellschaft bedeutet mit der Konstitution von (neuen) Eliten kommt in der linken Debatte oft viel zu kurz. Hartmann verweist zu recht auf diesen Zusammenhang.

Errate das Zitat! Oder: zur Gouvernementalität bei Hartmann

Diese Elite ist in jedem Sinne modern und informiert. Vor allem: sie ist der Linken nicht fremd. Teilweise kommt sie aus der Linken, teilweise verwendet sie theoretische Versatzstücke ihrer Debatte. Hartmann hat eine gute Hand für Zitate. Ich war oftmals wirklich erstaunt, wie sehr linke Theoriestandards geschmeidig in einem Diskurs strategisch eingesetzt werden können, der nur ein Ziel hat: Das Individuum dazu zu führen, sich selbst für die kapitalistische Verwertung zu mobilisieren. Schließt Hartmann mit seinen Zitaten über das Ziel hinaus, sind sie zu selektiv? Vielleicht, aber es ist verblüffend: Oft genügen kleinste Justierungen am Diskurs um die Grenze zwischen einer kritischen Analyse des Zugriffs auf das Selbst, einer scheinneutralen Beschreibung dessen was ist (so ist es nämlich nicht!) in Richtung auf eine offene Propaganda für den postfordistischen Zugriff zu überschreiten. Ein Beispiel, Hartmann zitiert folgende Passage: „Durch Forderung und Anerkennung kreativer Leistung hat die moderne betriebliche Arbeitsorganisation längst damit begonnen, das Subjekt zurück in die Produktion zu holen, wo Teile der Linken noch gegen toyotistische Windmühelen anrennen.“ (113) Dieses Zitat stammt aus einer Polemik von Joachim Bischoff und Julia Müller, ihres Zeichens AutorInnen der linkskeynesianischen Zeitschrift „Sozialismus“, gegen die Argumentation von Katja Kipling und Ronald Blaschke pro Grundeinkommen. Den VertreterInnen des bedingungslosen Grundeinkommens wird nicht mehr oder weniger vorgeworfen, als die Verkennung der vorgeblichen neuen Segnungen der kapitalistischen Lohnarbeit. Es wird unterstellt, dass die BefürworterInnen des Grundeinkommens beharrlich die Entkopplung von Einkommen und Erwerbsarbeit propagieren, wo doch – angeblich – sich die Verhältnisse in der Arbeitswelt von dumpfer Repression zur „Anerkennung kreativer Leistung“ gewandelt hätten. Wahr ist das Gegenteil, unter dem Strich haben sich die Verhältnisse in der Erwerbsarbeit im Besonderen und in der allgemeinen Lebensführung sei den 70er Jahren massiv verschlechtert. Die Lobhudelei von Bischoff und Müller pro Erwerbsarbeit hat zudem implizit eine zweite Seite: Wer für das Grundeinkommen ist, ist offenbar nicht bereit, sich als kreatives Subjekt in die Produktion zurückholen zu lassen, die neuerdings offenbar das Füllhorn der Anerkennung über das Subjekt schüttet und ehrliche Leistung anerkennt …

Hartmann sieht auch ganz klar, dass insbesondere der Diskurs um die Gouvernementalität in den Konzepten für die Mobilisierung des Individuums eine besondere Rolle spielt. Dieser Begriff wird zurecht mit dem Werk von Foucault verknüpft. Hartmann ist allerdings felsenfest der Überzeugung, dass es massiver Verstellungen, Vertuschungen und Verfälschungen bedurfte, um dieses Konzept von Foucault so weit zu domestizieren, damit es im besagten Sinne eingesetzt werden kann. Für Hartman ist Foucault unabdingbar ein Theoretiker des revolutionären Widerstandes ohne Wenn und Aber. Wie Hartmann, der Nietzsche als Vordenker und Philosophen der „konstruktiven Zerstörung“ dechiffriert zugleich auf Foucault wahre Lobeshymnen anstimmen kann und jeden Nietzschebezug bei Foucault als irrelevant erklärt; wie ihm dieser Spagat möglich ist, bleibt sein Geheimnis. Hartmann hat sich in seiner Kritik am Buch „Empire“ von Hardt und Negri ausführlich zu Foucault geäußert, bleibt jedoch zwei Antworten schuldig: Erstens: Für Hartmann ist das Selbst ein substantieller Widerpart der sozialtechnologischen Zugriffs. „Das Selbst ist nicht operationalisierbar, es sperrt sich in immer neuen Ausdrucksformen gegen die Strategie inwertesetzender Gewalt und Zugriffe.“ (59) Das sehe ich auch so, aber ist dies auch die Position von Foucault? In seiner Empirekritik meint Hartmann: Es gibt das „Außen“, also ein Selbst, eine Subjektivität, die partiell der Macht immer entzogen bleibt und das auch kein Effekt der Macht oder der Struktur ist, wie es uns der poststrukturalistische Diskurs seit Jahren erzählt. Hartmanns Behauptung, dies sei auch die Sichtweise von Foucault, ist zumindest fragwürdig. Und selbst wenn Hartmann recht hat – er ist offenbar ein exzellenter Kenner der Schriften Foucaults – selbst dann müsste er erklären, wieso die Auffassung die Runde machen kann, bei Foucault hätte der Widerstand sozusagen kein eigenes Sein; mögliche Kandidaten für eine Substanz des Widerstandes, seien es die Triebe, das Bedürfnis oder gar der Mensch selbst, seien Hirngespinste. Zweites: Die „kreative Zerstörung“, die aktuell in der Cluster Bildung Gestalt annimmt, wird von Hartmann selbst als umfassender zentraler Angriff beschrieben. Es ist eine duale Welt, die Hartmann beschreibt. Hier die Mächte des Kapitals und der Herrschaft, dort die zu unterwerfenden Subjekte. Durch die Gesellschaft geht klar ein alles strukturierender Riss, eine Front, ein Krieg. Wie passt dies mit der These von Foucault zusammen, es gäbe eine Unzahl von Machtkonstellationen, die sich nicht in einer klaren Frontstellung zwischen zwei Parteien zusammenfassen lassen? Foucault verwirft den Klassengegensatz als bestimmenden Gegensatz und ersetzt ihn durch eine Vielzahl von Gegensätzen. Hartmann hingegen baut seine gesamte Analyse auf einem einzigen, klaren Gegensatz auf. Er mag zwar viele Formen und Gestalten annehmen, diese sind aber nur Ausdruck des Dualismus von sozialem Angriffskrieg und dem Widerstand dagegen.

Wenn also Hartmann die Existenz von Versatzstücken des Gouvernementalitätsdiskurses, also der Kunst der Regierung und der Selbstregierung in den diversen Strategieentwürfen aufzeigt, so hat dies seiner Auffassung nach mit den Überlegungen von Foucault nichts zu tun. Dies wäre hier festzuhalten, um seine Darstellungen nicht in einem schrägen Lichte erscheinen zu lassen. Wir behalten diesen Punkt im Hinterkopf und lesen nun folgendes von Hartmann aufgespürtes Zitat „Widerstand ist nicht einfach die Gegenkraft der Macht, es ist ebenso dasjenige, das der Macht Richtung und Gestalt gibt.“ (107) Wer schreibt so? Es ist Ulrich Bröckling, dem Hartmann eine ganze Passage widmet. Für Hartmann ist Bröckling eine paradigmatische Figur, durchaus mit der Linken im weiteren Sinne verbunden, hält Hartmann ihn für einen jener Protagonisten, die sich in jene Elite emporgearbeitet haben, die den theoretischen Hintergrund der kreativen Zerstörung formulieren und legitimieren. Bröckling publiziert in sozialdemokratischen Journalen und seine Texte sind auch im linksnet zu finden. Er ist sowohl mit Foucault als auch mit Althusser bestens vertraut und verwendet ihre Gedankenfiguren. Wie Hartmann zeigt, taucht er ihre Aussagen in ein ganz bestimmtes Licht. Es sind im Wesentlichen zwei Wendungen, die er diesen Diskursen gibt. Einerseits wird die Perspektive der Herrschaft, präziser der Beratung für die Herrschaft eingenommen, anderseits wird das widerständige Potential des Selbst theoretisch abgeschafft. Ich will es bei zwei Beispielen belassen. Hartmann zitiert Bröckling: „Kann man ernstlich etwas gegen Programme haben, die dazu verhelfen sollen, die eigenen Machtpotentiale zu erweitern, statt über Ohnmacht zu klagen, politische Entscheidungen aktiv mitzugestalten, statt in Untertanenmentalität zu verharren, Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen, statt den Regeln anderer zu gehorchen? – wohl kaum.“ (110) Da taucht die bange Frage auf, an welche Programme könnte Bröckling da denken? An die aktive Arbeitsmarktpolitik des AMS oder der Agentur für Arbeit? An die Programme von McKinsey bei Gate Gourmet? An den Bologna-Prozess in den europäischen Universitäten? Anstatt wie Hartmann und Geppert tatsächlich die verschiedenen Programme und Strategien zu analysieren, phantasiert Bröckling einfach ihren Charakter um. Es ist ja wirklich lachhaft: Die Mobilisierung und Aktivierung des Selbst wird in den buntesten Farben der Selbstbestimmung und der eigenen Ermächtigung gemalt. Umgekehrt: wir sich verweigert hat offenbar charakterliche Mängel und Fehler. Wer sich widerständig verhält ist offenbar ein Versager, der die Ursache auf andere schiebt. Du selbst und niemand sonst warst es, der alle Chancen verstreichen ließ, teilt uns der Bröckling-Diskurs unterschwellig mit. „Lebensführungsschuld“ (115) warf ein deutscher Jurist in diese Debatte. Vor allem, was du bist, verdankst du den Verhältnissen, also sei nicht so störrisch, es gibt nichts, auf das du dich berufen kannst. Explizit rekurriert Bröckling dabei auf das Konzept der Anrufung: „In der Urszene, mit der er [Althusser K.R.] diesen Begriff (der „Anrufung“ D.H.) einführt, ruft der Polizist einem Passanten auf der Straße nach: ‚He, Sie da!’ … Löst man das Beispiel vom Repräsentanten staatlicher Souveränität uns ersetzt dies Stimme des Polizisten durch andere Instanzen, so liefert die Szene ein Modell auch für die gesellschaftliche Erzeugung und Selbstkonstitution einer Figur, die heute eine, wenn nicht die grundlegende Form darstellt, in der Individuen als Subjekte angerufen werden: das unternehmerische Selbst.“ (106) Dazu der Kommentar von Hartmann. „Die Subjektivität des ‚Anderen’, als Selbst, das den Gang der Geschichte in der Auseinandersetzung mit den Strategien des Zwangs zur Selbstunterwerfung bestimmt, wird ausgeblendet, gelöscht, es wird in dieser Form in die Gewalt der neuen Zugriffsstrategien theoretisch, konzeptionell, philosophisch eingespeist und darin ausgelöscht, vernichtet.“ (109)

Kritische Anmerkung und Resümee

Aus einem mir nicht nachvollziehbaren Grunde lässt Hartmann in wenigen Bemerkungen eine Differenz zu Marx anklingen. „Wir werden daran erkennen, dass der Kern der historischen Triebkräfte und der Charakter der Dynamik nicht primär in Formeln des Werts und des Wertgesetzes ausgedrückt werden kann.“ (25) lesen wir. „Sondern in den lebendigen Auseinandersetzungen: einerseits in den qualitativen Zugriffstrategien auf das Subjekt, in denen Wert (!) generiert wird, und andererseits in dem Widerspruch des ‚Eigenwillens“, in den Kämpfen, in denen er beeinträchtigt oder verweigert wird.“ (25f) Dieses „Sondern“ ist völlig unverständlich. Die Marxsche Werttheorie ist ja keine Faktorenlehre, so nach dem Motto, „Arbeit schafft in jeder Gesellschaft Tauschwert“, sondern entfaltet sich ausschließlich als Zeitverhältnis zwischen den Klassen. Dazu ist es notwendig, dass die lebendige Arbeitskraft unterworfen wird. Dagegen zu rebellieren, sich zu weigern, „zur Klasse gemacht zu werden“ wie John Holloway es formuliert, exakt das versteht Marx unter Klassenkampf. Hartman selbst beschreibt diesen Prozess. Ich kann auch nicht nachvollziehen, warum Hartmann das „Selbstverständnis des Unternehmerischen, des innovatorischen Unternehmers, in dem sich das, was wir Kapitalismus nennen, eine historische Wirklichkeit zu schaffen versucht und Kapital (!) produziert“ (27) dem Wirken des Kapital als Kapital via Charaktermasken entgegensetzt. Ein solcher Gegensatz ergäbe sich nur aus der – allerdings auch recht verbreiteten - Sichtweise des Kapitals als „automatischen Subjekts“, aus einer Sichtweise, die soziale Wirklichkeit als Effekt anonymer und unbewusster Strukturen ableitet und suggeriert, alle AkteurInnen würden wie Marionetten an unsichtbaren Fäden hängen. Hartmann selbst behauptet explizit das Gegenteil. Für ihn bedarf die Durchsetzung des Kapitalverhältnisses immer eines aktiven und bewussten sozialen Trägers, einer in diesem Prozess herausbildenden und bewährenden Elite. So steht es mit Verlaub auch bei Marx und Hartmann beschreibt nichts anderes. Dass „schöpferische Zerstörung“ den Zweck verfolgt, Profit zu maximieren, die Profitmaximierung zugleich soziale Herrschaft als Zweck setzen muss; ich wüsste nicht, warum dieses Zirkelverhältnis den Marxschen Ausführungen widerspricht. Hartmann koppelt sich durch seine unnötige Kritik von der Einsicht ab, dass die Cluster Strategie sich auch objektiv rechnen muss. Diesen Aspekt berührt er mit keinem Satz. Die aktuellen Probleme der Kapitalverwertung auf dieser Ebene geraten ihm völlig aus dem Blick.

Hartmanns Sicht ist sehr düster, zu düster? „Inzwischen produziert Hartz IV Tote.“ (21) Das ist wohl wahr, aber doch zu bombastisch. Soziale Unterdrückungsverhältnisse haben immer schon Tote produziert, so neu ist diese Erkenntnis keineswegs. Trotzdem: Die von den Autoren beschriebene Offensive ist real. Ausdrücke wie Prekarisierung, Neoliberalismus oder gar Globalisierung greifen sicher zu kurz, um den aggressiven Charakter jener Strategien zu beschreiben, die in der Cluster Bildung reale Gestalt annehmen sollen. Ihre Tragweite und Systematik aufgezeigt zu haben, ist ein bleibendes Verdienst dieses Buches.

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