Grundrisse, Nummer 21
März
2007
Bernhard Schmid

Der Krieg und die Kritiker

Die Realität im Nahen Osten als Projektionsfläche

Münster: Unrast Verlag, 2006, 80 Seiten, 8 Euro

Mit diesem brillant geschriebenen Essay greift der Autor in die höchst kontroverse Debatte um Israel, Palästina und die Ereignisse im Nahen Osten ein. Ausgangspunkt ist ihm dabei der Feldzug der israelischen Armee im Jahre 2006 im Südlibanon und die zahlreichen Stellungnahmen, Aufrufe und Polemiken diverser antiimperialistischer und so genannter antideutscher Gruppen in diesem Kontext. Er zeigt auf, dass diese Erklärungen weniger mit den sozialen und politischen Verhältnissen im Nahen Osten zu tun haben, als vielmehr mit hiesigen Bedürfnissen nach Identifikation. Schmidt unterscheidet vier unterschiedliche idealtypische Interpretationsraster, die je nach Weltbild allen Entwicklungen bedenkenlos übergestülpt werden. Für Antisemiten resultiert Charakter und Politik Israels aus der Tatsache, dass in diesem Staat vorwiegend jüdische Menschen leben, allein das würde „alles“ erklären. Die amerikanischen und europäischen Konservativen sehen in Israel eine Insel der Kultur und Zivilisation, umgeben von ungebildeten, fanatischen, schmutzigen und islamischen Barbaren. Philosemiten wiederum, so Schmid, können die Geschichte Israels ausschließlich aus der Opferrolle wahrnehmen. Nie wieder Opfer von Antisemitismus zu werden, das rechtfertige jede Maßnahme. Aus antiimperialistischer Sicht ist Israel ein imperialistischer Brückenkopf in einer unterdrückten Region der Welt. Diese vier Anschauungen durchdringen und durchkreuzen sich auch. Insbesondere antideutsche Kreise haben offen kulturkonservative Argumentationsmuster übernommen und in manchen ihrer Pamphlete scheint der Islam dem Antisemitismus den Rang als erstes Erklärungsmuster abzulaufen. Auf der anderen Seite sind Berührungspunkte zwischen antiimperialistischen und antisemitischen Kreisen nicht zu übersehen.

Nach einem kurzen Rückblick auf die sehr solidarische und positive Haltung der Linken zu Israel bis zum Krieg 1969, die nicht zuletzt durch die Kibbuz Bewegung motiviert war, kommt der Autor auf die Entstehungsgeschichte der Antideutschen, die ursprünglich auch als Antinationale bezeichnet wurden, zu sprechen. Die Wiedervereinigung Deutschlands musste Ängste über ein neues Deutsches Reich nähren, die Kritik an Nationalismus und Volksgemeinschaft lag nahe. Einen Wendepunkt stellte die Drohung Saddam Husseins während des Irakkrieges 1991 dar, mit Giftgas bestückte Raketen auf Israel abzufeuern. Da es nicht zuletzt deutsche Firmen waren, die chemische Ausgangsstoffe dem Irak lieferten, schien sich der Kreis zu schließen: ein vereintes, wieder erstarktes Deutschland – Aufleben seiner historischer Interessen und Beziehungen im Nahen Osten – ein heimliches Bündnis mit einem Diktator – Giftgas auf Israel. Und zudem gingen hunderttausende in Deutschland gegen die Bombardierung des Irak auf die Straße. Dass die Massen so und so faschistoid sind, diese Haltung zählt bis heute zum Überzeugungskern des antideutschen Milieus. Die antideutsche Ideologie war geboren. Die Standpunktlogik eskalierte, manche der damaligen ProtagonistInnen distanzierten sich nach und nach von diesen Entwicklungen, anderen war kein historischer Vergleich zu plump, keine Formulierung zu überzogen, keine Parteilichkeit zu einseitig und schamlos.

Bernhard Schmid zeigt an zahlreichen Wortmeldungen auf, wie demagogisch bestimmte Ereignisse mit historischen Versatzstücken montiert, Entwicklungen übersprungen, Prozesse ignoriert, Fakten verschwiegen werden, um das gewünschte argumentative Resultat zu suggerieren. Und wenn der Autor etwa sehr genau analysiert, warum die Hizbollah eine gewisse Sympathie errungen hatte, so tut er etwas, was in antideutschen Kreisen schon lange verpönt ist: moralische und ideologische Haltungen aus gesellschaftlichen und sozialen Prozessen ableiten. Das in diesen Pamphleten Ausgeblendete fügt Schmidt wieder ein. Aber Phänomene verstehen und erklären zu wollen, bedeutet nicht, sie gutzuheißen. „Deswegen, da sie es (zu erheblichen Teilen) geschafft hat, diese Soldateska und die israelische Besatzung bis im Jahre 2000 aus dem Land zu werfen. Die Hizbollah genießt aus diesem Gründen erhebliche Popularität im Libanon, welche man äußerlich nachvollziehen kann, ohne deshalb die hässliche Seite der Ideologie dieser Bewegung übersehen zu müssen.“ (36) Freilich, wenn die Religion nicht mehr aus den gesellschaftlichen Verhältnissen, sondern umgekehrt die gesellschaftlichen Verhältnisse aus der Religion erklärt werden, was in antideutschen Kreisen längst zum methodischen Standard zählt, können Sympathien für die Hizbollah ausschließlich durch antisemitische Mentalitäten erklärt werden. Der Islam, seine Geschichte und Ausformungen gelten nicht mehr als das zu erklärende, sondern fungieren schon lange als Erklärung – vom Explanandum zum Explanans. Die Angleichung an die konservative, ja reaktionäre Argumentationsstruktur ist vollzogen. Fungiert bei den Antisemiten der jüdische Charakter, bei den Wertkonservativen die Kultur, so bei den Antideutschen der „aus sich selbst heraus nährende Judenhass“ (33) als universales Erklärungsmodell. Wenn aber das Übel nicht mehr in sozialen und politischen Verhältnissen liegt, die – mit welchen Schwierigkeiten auch immer – verändert werden können, sondern in einem unveränderlichen Wesen, dann ist Vernichtung und Gewalt die einzige Lösung. Die in vielen Details von Schmid dargestellte Annäherung prominenter Antideutscher an das konservative Lager und die CDU ist nur logische Konsequenz. Wieder mit Rekurs auf historische Muster wurde unter dem Schlagwort „Appeasement“ (damit wurde die zögerliche Haltung der Westmächte gegenüber Hitlers Expansionspolitik bezeichnet) jeder Kompromissversuch im Nahen Osten denunziert. Die phantasierte Identifikation mit dem verklärten Israel auf Opferebene im antideutschen Milieu – dort ein tapferes kleines Volk, hier eine aufrechte Gruppe Israelfahnen schwingender Unbeugsamer – schlägt notwendigerweise in Gewalt und Vernichtungsphantasien um. „Noch sitzt der Autor ruhig am Berliner Redaktionstisch, aber vor seinem geistigen Auge sieht er sich bereits den Litani-Fluss im Südlibanon überqueren, das G8-Gewehr fest geschultert.“ (41)

An keiner Stelle beansprucht der Autor, uns die absolute Wahrheit über die Prozesse im Libanon oder Israel offenbaren zu können. Als guter Kenner der Verhältnisse im Nahen Osten konfrontiert Schmid einfach die phantastischen Konstruktionen mit schlichten Fakten, tatsächlich stattgefundenen Ereignissen. Dass etwa der „Fatah-Revolutionsrat“ über hundert PLO Kader ermordete (34) oder der zum Friedenschluss bereite Rabin 1995 vom jüdischen Rechtsextremisten Ygal Amir getötet wurde (10), passt eben nicht in das Weltbild eines Thomas von der Osten-Sacken, Werner Pirker oder Matthias Küntzel. Wenn wir hier und heute über die komplexen und tragischen Ereignisse sprechen wollen, dann nicht als StellvertreterInnen von phantasierten Identitäten, die es in dieser Form in Nahen Osten gar nicht gibt. Diese imaginäre Identifikationen als das auszuweisen, was sie sind: Projektion, das ist Bernhard Schmidt bestens gelungen.

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