Grundrisse, Nummer 3
September
2002

„Die Schlächter der Erinnerung“

Eine Einleitung zum gleichnamigen Buch von Pierre Vidal-Naquet
Vorbemerkung der grundrisse Redaktion: Das Buch „Die Schlächter der Erinnerung. Essays über den Revisionismus“ wurde von Alice Pechriggl übersetzt und ist soeben im WUV Verlag, Wien 2002, ISBN 3-85114-661-1, erschienen. Alice Pechriggl hat auch eine Einleitung verfaßt, die wir mit eine kleinen, geringfügigen Kürzung hier veröffentlichen. Wir danken der Autorin für die freundliche Genehmigung zum Nachdruck sowie Sabine Kruse vom WUV Verlag für die Kooperationsbereitschaft.

Pierre Vidal-Naquet ist in erster Linie Historiker der Antike. Er ist hierin vor allem für seine quellenkritischen und strukturalanalytischen Zugangsweisen berühmt sowie für die Brisanz der von ihm aufgegriffenen und neu skizzierten Problemstellungen. Aber er ist ebenso ein renommierter Zeithistoriker, was vor allem den absurden disziplinären Festschreibungen der HistorikerInnen auf bestimmte Epochen zuwiderläuft. Er hat zum Algerienkrieg, zum Pariser Mai 1968 sowie zum historiographischen Umgang mit dem Nationalsozialismus Bücher veröffentlicht, die seit Jahrzehnten über die nationalen Grenzen hinweg als Referenzwerke gelten. Das vorliegende Buch gehört dazu. Während der Historikerstreit einiger renommierter deutscher Professoren in Frankreich übersetzt und weiträumig diskutiert wurde, musste Vidal-Naquets Buch 15 Jahre auf seine Übersetzung ins Deutsche warten. Dagegen waren Übersetzungen der „Revisionisten“ Faurisson und Rassinier schnell am Markt und erfreuten sich mehrerer Auflagen, was nichts an ihrer Unvollständigkeit und ihrer schlechten Qualität ändert.

Es war mir eine große Ehre, wenn auch nicht unbedingt ein Vergnügen, Die Schlächter der Erinnerung zu übersetzen. Ich sah darin mehr eine interessante aber auch unangenehme Aufgabe denn eine Berufung. Die Auseinandersetzung mit der Vernichtung der Juden und anderer durch die deutschen und österreichischen Nazis ist nach wie vor eine mit dem Grauen, das mich unweigerlich affiziert. Es haftet ihr etwas Abgründiges an, das psychisch nicht so ohne weiteres zu verarbeiten ist, zumal in Österreich, wo diese Auseinandersetzung zwischen Obsession und Verleugnung stattfand und immer noch stattfindet. Die langfristige professionelle Auseinandersetzung mit dem Thema der Vernichtung durch das NS-Regime ist befremdlich und zugleich unumgänglich; wir wundern uns über die Berufswahl, über die Entscheidung, sich dauerhaft, zuweilen sogar ausschließlich mit einem derart „ekelerregenden Thema“ (P.V.-N.) auseinander zu setzen und wagen zugleich kaum, an den professionellen Wächtern der Erinnerung zu rühren. Für viele von uns repräsentieren sie — im Gegensatz zu den „Schlächtern der Erinnerung“ — so etwas wie ein gutes Gewissen im Umgang mit dem stets oberflächlich wenn überhaupt angetretenen Erbe der NS-Herrschaft.

In einer Aura der Unantastbarkeit nicht zuletzt angesichts einer stets lauernden Anfeindung ihrer Arbeit seitens jener, die (seit Jahrzehnten) „endlich“ einen Schlussstrich ziehen wollen, wird sogar die psychoanalytische Kategorie der Abstinenz bemüht, wenn es darum geht, sich aus den gesellschaftspolitischen Umgangsweisen und Interpretationen herauszuhalten, die die erfolgte oder noch nicht erfolgte Erforschung von weiteren wichtigen Dokumenten und Details hervorruft. [1] Der Umgang ist jedenfalls a priori problematisch, zumal er auch noch durch die Lasten der spektakulären Inszenierung beschwert ist, die von Leuten wie Finkelstein in den öffentlichen Diskurs der (für österreichische Verhältnisse) gehobeneren Tagespresse gebracht wurden. [2] Dagegen verwehrt sich Pierre Vidal-Naquet, und so weigerte er sich, das Vorwort für die französische Ausgabe von Finkelsteins Buch zu schreiben, obwohl er den Beginn des Erfolges jenes „Revisionismus“, den er bekämpft, mit dem Erfolg des Films Holocaust ansetzt. Er hatte selbst von einem Holocaust-Spektakel gesprochen und tut es immer noch, aber unter anderen Voraussetzungen als Finkelstein, der das Spektakel nur perpetuiert. [3]

Ebenso kritikwürdig bleiben die Umstände für die Einforderung hybrisverdächtiger Summen, die Anwälte für sich und nicht so sehr für die wenigen überlebenden Opfer herausschlagen, nachdem die Regierungen, insbesondere die österreichische, in ihrer Verzögerungstaktik verharrten. Und doch: ohne diese privaten Klagen wäre es wohl nie zur Bildung von Fonds und zu Auszahlungen gekommen. Angesichts der Unverhältnismäßigkeit bleibt also gewiss unendlich vieles im Argen oder fällt auf die „fruchtbare“ antisemitische Bodenlosigkeit derer, die prinzipiell gegen Restitutionen eingestellt sind (nach dem Motto „wir haben schon bezahlt“).

Doch diese Dilemmata sind nicht durch historiographische Genauigkeit zurechtzurücken. Es bedarf vielmehr des Mutes einer immer neu sich reflektierenden ethischen und vor allem politischen Urteilskraft, wie sie Hannah Arendt zu ihrer Zeit vielleicht am besten verkörpert hat, und wie Pierre Vidal-Naquet es hier in reflexiv brillanter, sowie kenntnisreicher Weise versucht hat. Er ist nicht so sehr ein Wächter der Erinnerung als ein Kämpfer für die wahrhaftigste Darstellung, die uns begrenzt Erkennenden möglich ist. Die Wahrheit bleibt auch für ihn ein Grenzbegriff.

Ebenso wie die Frage nach den negativen Auswirkungen staatlicher Gedenkkultur auf die zweite, aber vor allem auf die dritte und vierte Generation von Nachkommen muss die Kritik an allen Formen des „Holocaust-Spektakels“ erlaubt bleiben, auch an jener, die sich in der erhabenen scientific community der HistorikerInnen breit macht; diese Kritik sollte geradezu kultiviert werden statt in den reißerischen Diffamierungen Finkelsteins und seiner reaktionären Fürsprecher hierzulande zu münden.

Etwas anderes ist es allerdings, das Erinnern durch die Leugnung des zu Erinnernden unmöglich machen zu wollen. Das ist es, wessen Pierre Vidal-Naquet die „Schlächter der Erinnerung“ als Historiker und als Sohn zweier in Auschwitz ermordeter Juden zuallererst anklagt.

Imaginäres, Fiktives, Wirkliches und Reales

Die (tiefen)psychologischen Aspekte der Verleugnung werden von Pierre Vidal-Naquet als der Kern der „Auschwitzlüge“ und des „Revisionismus“ erfasst, an den sozial- und kulturwissenschaftlich nur schwer heranzukommen ist. Am ehesten diskurs-, imaginations- und repräsentationsanalytisch. Was die Imagination betrifft, so hat Hannah Arendt auch hier einen Grundstein gelegt: die Unvorstellbarkeit der Verbrechen steht gerade im Fall der NS-Vernichtungsmaschinerie in keinem Verhältnis zur Banalität und Normalität ihrer Vollstrecker und deren akribisch-sauberer Planung, die an zwanghafte bürokratische Rituale gemahnt. [4] Es ist also irgendwie nachzuvollziehen (nicht zu entschuldigen, darum geht es hier nicht), dass jemand sich diesen Wirklichkeiten versperrt, es also nicht glauben kann bzw. „will“ oder in anderer Weise „abschaltet“ bzw. verschiebt, verdichtet etc.

Genau hier setzt Pierre Vidal-Naquet an, indem er die Sektenstruktur der Revisionisten und ihr psychisch-imaginatives Funktionieren im Umgang mit dem „Unvorstellbaren“ in seine Analyse einbezieht. Dabei zieht er immer wieder Vergleiche zwischen den Strukturen derartiger paranoider Sektenwahrheiten bzw. -welten und Staatsideologien, ob stalinistischer, Hitler’scher oder fiktiver Orwell’scher Prägung und arbeitet die strukturellen Zusammenhänge ebenso heraus wie die Unterschiede.

„Die eingebildeten Opfer eines von der jüdischen Weltverschwörung erfundenen Völkermords“, so ließe sich die These von der so genannten Auschwitzlüge auch resümieren. [5] Paranoia ist vor allem dadurch gekennzeichnet, dass ein totaler, also alles umfassender Spaltungsmechanismus die eigenen, ebenso totalen, Aggressionen nach außen in den allmächtigen Angreifer verlegt, gegen den nun unablässig an der Aufrechterhaltung des Systems gearbeitet werden muss; eines Systems, das dazu dient, die Wahrheit seiner Herkunft (der eigenen und des Systems) zu leugnen, weil sie einer anderen, unbewusst als vernichtend erlebten Wahrheit Einlass in den psychischen Raum möglicher Vorstellungen gewähren würde. Die geleugneten Opfer des Genozids sind nicht selbst das psychisch Unverdaubare; vielmehr bannen sie, als Geleugnete, etwas viel umfassend Bedrohlicheres in der Psyche der obsessiven Leugner: das je individuelle totale Vernichtungsphantasma, das sich der fanatischen „Historiker“ des Revisionismus invasorisch bemächtigen würde, wenn ihr Konstrukt von der Erfindung zusammenbräche. Die Erfindung der verschwörerischen Erfindung einer totalen Vernichtung kann strukturell in Analogie gesetzt werden mit der Verleugnung der Vernichtung: doppelte Negationen in einer Spirale der Bodenlosigkeit, in der so viel geredet und geforscht wird, um nicht erinnern zu müssen. Staatlich organisierte Musealisierung und bürokratische Vernichtungsdokumentation können auch eine Art sein, das Erinnern aufzuschieben, und auf der „guten“ Seite etwas von dem zu wiederholen, was psychisch (noch?) nicht verdaut werden konnte bzw. kann. [6]

Wie dem auch sei, die umsichtige Einbeziehung tiefenpsychischer Strukturen für das bessere historische und kulturwissenschaftliche Verstehen scheint — allen Widerständen zum Trotz — immer unumgänglicher; sie dient nicht dazu, etwas Politisches hinwegzupathologisieren oder die Schriften einer Gruppe „auf die Couch zu legen“, sondern Wege freizulegen für ein besseres Verstehen im eigenen Umgang mit der Vernichtung, für ein sinnvolleres Engagement, das weniger vergeblich ist als die unmögliche Widerlegung der absurden Behauptungen der „Revisionisten“.

Auf diesem Gebiet verbindet Pierre Vidal-Naquet wie kein anderer seine bahnbrechenden methodologischen Reflexionen zum Spannungsfeld zwischen Mythos und Logos in der Antike mit seinen quellenkritischen Überlegungen zur Historiographie des Völkermordes an den Juden im 20. Jahrhundert.

Und als unerbittlicher Kämpfer gegen die „imposture intellectuelle“, die Betrügereien, aber auch die mediale und dünkelhafte Fahrlässigkeit auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften führt er eine Auseinandersetzung, die ebenso gegen die Mediatokratie gerichtet ist, diese „Industrie du vide“ (Industrie der Leere), wie Castoriadis schreibt. [7] So polemisierte er etwa gemeinsam mit diesem und mit Bourdieu gegen Bernard-Henri Levy und dessen großspurige Verbreitung von Unsinnigkeiten in einem von den Medien viel gepriesenen Buch. [8] Diese impostures waren jedoch, verglichen mit den Aktivitäten der „Revisionisten“, die den Völkermord an den Juden verleugnen, harmlos. Während „B.-H. L.“ die Aufdecker seiner Falschheiten als Gedankenpolizei diffamierte, scheinen die „Revisionisten“ und ihre Unterstützer - etwa Noam Chomsky, dem Pierre Vidal-Naquet ein eigenes kleines Kapitel widmet - sich nicht unbedingt gröberer Mittel zu bedienen, im Gegenteil. Allein der Inhalt der „revisionistischen“ Thesen ist, so der Autor, mörderisch. Indem sie den Völkermord an den Juden negieren, die Gräueltaten der Nazis herabmindern und dissimulieren, trachten sie den Überlebenden und den Nachfahren zumindest nach der vitalen Erinnerung. Er lässt sie in Erscheinung treten als Mörder im übertragenen aber keineswegs unbedeutenden Sinn und bezeichnet Robert Faurisson, den Protagonisten des französischen Revisionismus, als einen Eichmann auf Papier (de papier, d.h. auch aus Papier). Denn was Eichmann, der sauberste und zugleich blutigste Schreibtischmörder der Geschichte, organisiert hat, war der Ablauf der Deportationen und des Völkermords; was die revisionistischen Intellektuellen zu vollziehen suchen, indem sie das Massaker aktivst verleugnen, ist eine zweite Auslöschung: Ausgelöscht wird mit der Erinnerung das „nie wieder“. Damit erfüllen die systematischen Leugner des Holocaust die von den Nazis selbst begonnene Auslöschung der Spuren ihrer „übermenschlichen“ Unmenschlichkeit. Es ist eine Auslöschung, die sowohl vom totalen Vernichtungswahn bezogen auf den Anderen zeugt (auch die Vernichtung soll noch vernichtet werden) als auch von der Verzweiflung, mit der die Nazis die Implikationen ihres Tuns minutiös von sich fern zu halten suchten; es ist Zeugnis eines uneingestandenen Zweifels an der Lückenlosigkeit ihres vernichtenden Totalitarismus; Zeugnis eines letzten Rests verdrängter Wirklichkeit. Himmlers Einschätzung ist diesbezüglich nicht oft genug zu wiederholen, denn sie spricht genau diese absurde Gleichzeitigkeit von politischem „Realismus“ und paranoidem „Irrsinn“ oder „Verrücktheit“ aus:

„Es trat an uns die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? — Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten — sprich umzubringen oder umbringen zu lassen — und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es mußte der schwere Entschluß gefaßt werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen.“ [9]

Diese Sätze mögen in gewisser Hinsicht an so manche Episode in der Antike erinnern, etwa an die von Pierre Vidal-Naquet in einem vergleichenden Kommentar hervorgehobene heimtückische Vernichtung der Heloten von Sparta (Kap. 5.I). Und doch, hier haben wir es mit einem anderen Fall der Vernichtung zu tun als dem gleichsam zum Geschichtsmal geronnenen aus der griechischen Antike; denn es geht hier um ein Absolutes, das uns als Reales bis heute in den trotz allem noch menschlichen Knochen sitzt; ein Absolutes, das unser je einzelnes und gemeinsames Erinnern nach wie vor erschüttert, unsere Psychen und unsere Kommunikation noch in den tiefsten Schichten schwer belastet. Die Belastungen sind durchaus unterschiedlicher Ausrichtung, je nachdem, ob wir nun Blutsverwandte und unmittelbare Nachfahren der Ermordeten und Überlebenden sind oder von MitläuferInnen, oder von beiden, ob Kinder oder Enkel von MörderInnen oder KolaborateurInnen, ob Wahlverwandte von toten oder verfolgten Juden, politischen Gefangenen, Katholiken und anderen religiös verfolgten, Schwulen, Lesben, „Asozialen“ oder von Sinti und Roma. Die Verleugnung ist nicht nur Produkt der Unerträglichkeit der Vorstellung vom großen Massaker, sie ist vor allem die versuchte Verhinderung einer Auseinandersetzung mit den immer wieder verdrängten Grausamkeiten, die deshalb nicht weniger wirkungsvoll sind — im Gegenteil.

Das Ausmaß und die Qualität, die eine solche Verleugnung in den Psychen der Nachfahren, aber zum Teil auch der Nachkommen der TäterInnen annimmt, wenn sie zur offiziellen Doktrin des Staates wird, zeigt die Philosophin und Psychoanalytikerin Hélène Piralian auf. In ihrem auch historiographisch sehr aufschlussreichen Buch über die Folgen des Völkermords an den ArmenierInnen und seiner offiziellen türkischen Verleugnung beschreibt sie den Tod durch den Genozid als einen vom Symbolischen abgekoppelten. [10] Die Toten werden zu solchen gemacht, die niemals existiert haben, und die deshalb ständig als verinnerlichte Tote in den Nachfahren lebendig gehalten werden müssen. Gegen die imaginäre Allmacht der verleugnenden „Genozidäre“ hilft nur die Denkarbeit, die die Toten wieder ins Symbolische holt, um sie als innere oder in rituellem Gedenken sakralisierte Tote abzulösen. Denn als solche sind sie nur die imaginäre Fortführung des Genozids. [11]

In diesem Sinne stellt der „Revisionismus“ sowohl ein strafrechtliches Vergehen dar, als auch eine allmachtsphantastische Verhinderung der Erinnerung. Zudem ist er ein Vergehen gegen das Grundphilosophem von Wissenschaftlichkeit überhaupt: das logon didonai, das Gründe und Rechenschaft geben. Denn ein solcher Diskurs entzieht diesem Philosophem den Boden; er diffamiert es aus einem zum Teil ultralibertären Dogma heraus als bürgerliche Farce und zerstört es im so medial wie (pseudo)wissenschaftlich inszenierten speach act. Die dafür aufgewandten diskursiven, rhetorischen und propagandistischen Tropen hat Pierre Vidal-Naquet analysiert und im Spannungsverhältnis zwischen Epistemologie und Ontologie situiert, das heißt auf ihren Wirklichkeits- und Wirkungsgrad hin reflektiert. Es ist ein Unterschied, ob jemand aus einer wissenschaftlichen Haltung heraus Dokumente in Zweifel zieht und richtig stellt, oder ob die Person ein historisches Phänomen als kollektive Lüge bezeichnet, das sich in seiner Gesamtheit als Ausrottung einer Gruppe von Menschen dargestellt und erwiesen hat. Wahr und falsch, Wahrheit und Lüge sind keine absoluten Attribute, Urteile oder Kategorien, aber sie sind auch nicht beliebig auswechselbar. Ein Pseudoskeptizismus, der sie in ihrer Relationalität als ungültige Konstrukte verabschiedet, muss selbst aufhören, gültige Worte sprechen zu wollen. Denn die Gültigkeit von Aussagen baut zuallererst auf der Gültigkeit von wirklich, wahr, falsch und fiktiv auf, und diese entsteht wiederum erst im empirisch-logischen Zusammenhang von Sein und Erkennen, von Sein als Geschehenem, Gemachtem, Er- bzw. Vor/gefundenem, Vorgestelltem und Re/konstruiertem. Wer in seiner Rhetorik aus der Aufdeckung der Falschheit eines Dokuments, das der Darstellung der Vernichtung der Juden diente, oder aus der Existenz bestimmter Legenden schließt, dass es die Vernichtung als solche nicht gegeben hat, ignoriert oder zerstört diesen Zusammenhang. Das zeigt Pierre Vidal-Naquet mit diskurskritischer Weitsicht und Genauigkeit.

Im Reich der Transzendenz, ob es sich nun um die Transzendenz im Negativen oder im Positiven handelt, gibt es keine Beweisführung, keinen Rechtspositivismus aber auch kein sinnvolles Argumentieren um die angemessene Abänderung des Rechts angesichts sich verändernder Verhältnisse. Das Reich der Transzendenz ist, wenn abgeschlossen und systematisiert, ein absolutes, das nur als Wahn für uns nachvollziehbar ist. Ob es sich dabei um einen hermetisch-religiösen Glauben oder um eine private bzw. kollektive Psychose handelt, ist zweitrangig. Das Problem ist der Verlust des Realitätsbezugs, der eine neue Welt konstituiert, in der die Grenzen zwischen Illusion und Wirklichkeit prinzipiell verwischt sind und nichts zur Sache tun. Es gibt aber auch einen Realitätsverlust bei jenen, die — wie Lyotard — die philosophische Spekulation in alle Richtungen des Denkbaren mit der historisch-politischen Argumentation gleichsetzen. In seinem Buch Der Widerstreit12 lässt er die These der Leugner (Faurisson) neben der These der Behaupter der Vernichtung (Vidal-Naquet) nebeneinander als verschiedenen Sprachspielen angehörend stehen. Radikalpositivistisch zitiert er das zynische Argument, dass diejenigen, welche die Gaskammern am gewissesten bezeugen könnten, tot sind. Doch er vergisst das Wichtigste: die Differenzierung der Bereiche, auf die das sprachanalytische Denken angewandt wird, und letztlich auch die Abschätzung der Implikationen, die manche Sprach- und Denkverwirrungen oder -spiele bei unangemessener Anwendung für unser Zusammenleben haben könnten, kurz: die politischen Implikationen des Denkens.

So formuliert Pierre Vidal-Naquet sehr treffend, dass es sich bei der „Beweisführung“ der „Revisionisten“ um einen nicht ontologischen Beweis handelt, in dem, analog zum ontologischen Gottesbeweis, die Nichtexistenz im Sinne einer petitio principii schon im Begriff des Völkermords enthalten ist, wie die Existenz im Begriff Gottes enthalten sei, woraus zu schließen ist, dass es Gott gibt, bzw. den Völkermord an den Juden nicht gibt. Dieser Beweis ist durchaus logisch, wenn die erwähnte Grenze einmal verabschiedet und die Philosophie zur Magd der Theologie oder, wenn nötig, der Verleugnung des „Bösen“ erklärt wurde. Der eigentliche Sinn solcher Verleugnungen ist allerdings der: Die Vernichtung der Juden hat es nicht gegeben, weil es sie nicht geben darf, kann oder weil es sie nicht gibt — eine Tautologie aus dem Reich der Transzendenz, das uns vor der Idee der Vernichtung, also vor der Idee des Bösen retten soll, und in dem diejenigen als verschwörerische Erfinder eines Undings verleumdet werden, die auf der Existenz und Erinnerung der Vernichtung bestehen. Darauf zu bestehen ist unsere Aufgabe, nicht zuletzt damit die Vernichtung sich nicht wiederhole, aber vor allem auch, um jenen irgendwie gerecht zu werden, die sie unter schwierigsten Umständen überlebt haben. Die Toten werden davon nicht wieder lebendig, aber irgendwie in die Geschichte eingeschrieben, leben sie in der Erinnerung weiter.

[1Im Juni 2001 schweigt die Historikerkommission zur Verwüstung einer Ausstellung über Homosexualität in der NS-Zeit, welche auf Dokumenten beruht, die in ihrem Auftrag gesichtet wurden, während die Generalsekretärin des Österreichischen Fonds zur Wiedergutmachung sich in bündiger Weise zu Wort meldet, ohne damit die wissenschaftliche Objektivität auch nur annähernd zu verletzen: ein simpler Akt punktueller Synthese zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen politisch geistreichem Engagement und historiographischer Kleinmütigkeit.

[2Die Holocaust-Industrie. Wie das Leiden der Juden ausgebeutet wird, München, Piper, 2001.

[3Dass Finkelstein selbst der Spektakelwelt aufsitzt, wurde ihm gleich nach Erscheinen seines Buches entgegnet, und lässt sich unschwer auf seiner Homepage nachvollziehen, die sich wie ein Werbekatalog ausmacht.

[4Einer der erstaunlichsten Momente in Lanzmanns Film Sobibor (2001) war die Schilderung eines erfolgreichen Aufständischen, der beschreibt, wie die Pünktlichkeit der wenigen deutschen SS-Angehörigen im Lager diesen zum tödlichen Verhängnis und den Aufständischen zum Auftakt wurde: Ihr Plan sah vor, alle SS-Angehörigen zum selben Zeitpunkt in unterschiedliche Werkstätten zu bestellen. Sie kamen pünktlich zu ihren Terminen bei den diversen Handwerkern, die mit Hacken auf sie warteten. Wäre auf diese Pünktlichkeit nicht zu zählen gewesen, wäre der Plan nicht durchführbar gewesen.

[5Der Ausdruck „Auschwitzlüge“ mag schlecht gewählt sein, erstens, weil Auschwitz darin zur schlagwortartigen Metonymie der Vernichtung gerinnt, zweitens, weil dies den historisch falschen Eindruck vermittelt, dass Auschwitz das einzige oder „reinste“ Vernichtungslager gewesen sei. Er hat sich jedoch als Topos etabliert. Siehe in jüngerer Zeit für den deutschsprachigen Raum, insbesondere Deutschland, aber auch international: Thomas Wandres, Die Strafbarkeit des Auschwitz-Leugnens, Berlin, Duncker und Humblot, 2000, eine vergleichende Analyse internationaler strafrechtlicher Erfassung des Auschwitz-Leugnens mit einem Überblick über deutsche und internationale Praktiken bzw. Erscheinungsformen des Leugnens.

[6P. Vidal-Naquet, Les juifs, la mémoire et le présent, Paris, Seuil, 1991 und 1995.

[7„L’Industrie du vide“ in Le Nouvel Observateur, 9. Juli 1979.

[8Le Testament de dieu, Paris, Grasset, 1979. B.-H. L. erwähnt unter anderem eine angebliche Aussage Himmlers bei den Nürnberger Prozessen (Beginn 20. 11. 1945). Himmler hatte allerdings am 23. Mai 1945 Selbstmord begangen. Siehe Le Nouvel Observateur vom 18. und 25. Juni, sowie 9. Juli 1979, Quaderni di storia, 11/1979, S. 315-330. Siehe auch P. Vidal-Naquet, Mémoires, Band II, Paris, Seuil/La Découverte, 1998, S. 360f.

[9Kursiv gesetzte Stelle im Original. Heinrich Himmler, Geheimreden 1933 bis 1945 und andere Ansprachen, hg. von B. F. Smith und A. F. Peterson mit einer Einführung von J. C. Fest, Frankfurt/M., Berlin, Wien, Propyläen, 1974, S. 169.

[10Am 8. und 9. November 2001 hielt D. Papazziani im Rahmen eines Symposions zum Thema Völkermord/Genozid einen Vortrag über den Völkermord der Türken an den Armeniern. Er sprach von unterschiedlichen Arten der Verleugnung. Diejenige, welche hauptsächlich von Intellektuellen gewählt würde, sei die, den Völkermord an den ArmenierInnen als Übertreibung zu sehen und entlarven zu wollen. Sie entspricht einer Haltung, die sich gegen „jede Form der Extreme“ wendet, a priori, aus Vernunftgründen gewissermaßen. Diese Haltung ist die von Menschen, die - wie Bachmann es nannte - „auf mittlere Temperaturen eingestellt“ sind. Eingestellt wäre eigentlich zu wenig gesagt, sie sind fixiert, und zwar so sehr, dass alles, was aus den gemäßigten Wahrnehmungsmustern ausschert, einfach nicht sein darf. Doch im Fall der ArmenierInnen geht es zugleich um ein anderes Umfeld. Indem der türkische Staat bis heute den Völkermord an den ArmenierInnen negiert, gebietet er das Schweigen darüber per Staatsgewalt; wer davon spricht, macht sich in den Augen des Staates einer unsäglichen Verleumdung schuldig. Im Kontext einer zur Staatsdoktrin erhobenen Verleugnung kippt die Behauptung der Existenz ins ausgeschlossene Extrem. Das heißt nicht, dass es keine stimmigen Belege gebe, sie werden einfach von Staats wegen für nichtig erklärt, und die Gesellschaft, auch die Weltgesellschaft, habe sich an diese Version der Geschichte zu halten: jedem Staat seine Historiographie …

[11Génocide et transmission, Paris, l’Harmattan, 1994. 12 Der Widerstreit, München, Fink, 1987, S. 17, 41, 43, 64.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)

Angebote zum Thema bei

Ohne Titel