Grundrisse, Nummer 33
März
2010

Kritische Bemerkungen zum Marxverständnis von Marcel van der Linden und Karl Heinz Roth

Oder: Wie die Autoren im von ihnen herausgegebenen Buch „Über Marx hinaus“ den Verfasser des Kapital kritisieren.

Unter Mitarbeit von Marx Henninger haben Marcel van der Linden und Karl Heinz Roth in „Über Marx hinaus“ achtzehn Beträge gesammelt, die aus der Perspektive einer „globalen Arbeitergeschichte“ – so die Selbstbezeichnung –verfasst wurden. Ich möchte mich im Folgenden auf die Kritik an Marx durch die Herausgeber konzentrieren, die meines Erachtens nicht unwidersprochen bleiben kann. Aus Vorwort wie Nachwort geht ihr Anliegen klar hervor, das Marxsche Werk in mehrfacher Hinsicht zu kritisieren. Dieses Bedürfnis ist verwunderlich, zumal aus den bisherigen Arbeiten der Herausgeber, die der Verfasser sehr schätzt und ausdrücklich zur Lektüre empfiehlt, die Notwendigkeit einer derart massiven und abwertenden Kritik nicht ersichtlich ist. Ich versuche daher, erstmals die Gründe für diese schroffe Kritik zu verstehen.

Worum geht es im Kern? Warum meinen Marcel van der Linden und Karl Heinz Roth eine Kritik an Marx formulieren und ihren Sammelband unter dieses Motto stellen zu müssen? Ich vermute den Grund in der unterschiedlichen Methode von Marx einerseits und den Herausgebern andererseits. Anders gesagt: Zwischen einer Betrachtungsweise, die von Haus aus alle Phänomene in Geschichte auflöst, und dem Versuch von Marx, die geschichtliche Dynamik mit allgemein gültigen Aspekten des Kapitalismus zu verknüpfen, sind theoretische Konflikte unvermeidlich. Auch der bedeutende Sozialhistoriker E.P. Thompson stand der analytisch-synchronen Ebene der Kapitalanalyse bei Marx höchst kritisch gegenüber. Er befürchtete, Marx sei tendenziell in den Bann einer „anti-historischen Statik“ (Thompson 1980; 108) geraten. „Denn es gibt zugleich Anzeichen dafür, dass Marx in eine Falle geraten war: eine Falle mit einem von der ‚Politischen Ökonomie’ ausgelegten Köder.“ (Thompson 1980; 105) Für Thompson löst sich der Begriff des Proletariats wie letztlich alle Kategorien der Kapitalanalyse in die Geschichte auf. Dadurch verlieren abstrakte Begriffe, welche die Bedingungen des Kapitalismus unabhängig von seinen je konkreten Gestalten analysieren, aus dieser Perspektive ihren Sinn. Auch die Herausgeber schlagen uns eine strikt sozialhistorische Betrachtungsweise vor, die von abstrakten analytischen Bestimmungen nichts mehr wissen will. Abgesehen von der Flut methodischer Probleme, die sich dieser Ansatz einhandelt – wie gewinnt ein rein geschichtlicher Ansatz seine Begriffe? – ist die Sachlage bei Marx weitaus komplizierter.

Scheinbar bewegen sich die „logischen“ Analysen im Kapital auf einer synchronen, abstrakten Ebene. Die Begriffe, so der Anspruch im Marxschen Hauptwerk, müssen für jede nur denkbare kapitalistische Gesellschaft gelten. Daher wird der Begriff des Proletariats auch nicht aus der Beschreibung der Lage der arbeitenden Klassen um 1848 entwickelt, sondern abstrakt als Pol eines Verhältnisses: „Im Verhältnis von Kapital und Arbeit sind Tauschwert und Gebrauchswert in Verhältnis zueinander gesetzt, die eine Seite (das Kapital) ist zunächst der andren Seite als Tauschwert gegenüber (die Arbeit) dem Kapital gegenüber als Gebrauchswert.“ (MEW 42; 193 Herv. im. Org.) Aus dieser Relation ergibt sich die Gleichgültigkeit gegenüber jeder bestimmten Form der Arbeit. „Als Kapital kann es sich nur setzen, indem es die Arbeit als Nicht-Kapital, als reinen Gebrauchswert setzt.“ (MEW 42; 214) Das Kapital setzt sich aber nicht einer ganz bestimmten Arbeit gegenüber, sondern jeder Arbeit überhaupt. „D.h. die Arbeit ist zwar in jedem einzelnen Fall eine bestimmte; aber das Kapital kann sich jeder bestimmten Arbeit gegenüberstellen; die Totalität aller Arbeiten steht ihm δυνάμει [der Möglichkeit nach K.R.] gegenüber, und es ist zufällig, welche ihm gerade gegenübersteht.“ (MEW 42; 218) Was oder wer ist nun das Proletariat? „Träger der Arbeit als solcher, d.h. der Arbeit als Gebrauchswert für das Kapital zu sein, macht daher seinen ökonomischen Charakter aus; er ist Arbeiter im Gegensatz zum Kapitalisten. Die ist nicht der Charakter der Handwerker; Zunftgenossen etc., deren ökonomischer Charakter gerade der Bestimmtheit ihrer Arbeit und dem Verhältnis zu einem bestimmten Meister liegt. etc.“ (MEW 42; 218)

In dieser Marxschen Bestimmung schlummert die geschichtliche Prognose. Der Anspruch seiner Arbeiten zum Kapitalverhältnis bestand ja nicht nur darin, die aktuelle Entwicklung des 19. Jahrhunderts zu begreifen, sondern ganz allgemein und abstrakt die Verhältnisse zu analysieren. Im idealen Durchschnitt des Kapitalverhältnisses sind jedoch zahlreiche dynamische, ja teilweise irreversible Prozesse zu erkennen. Tatsächlich ist das Verhältnis zwischen der synchronen Analyse und der Dynamik des Kapitalismus, die Marx ja aus der Analyse ableitet und begründet, eines der schwierigsten und komplexesten Themen jeder Marxrezeption. Um diesen Gedanken etwas populärer auszudrücken: Marx orientiert sich einerseits am Zustand des Kapitalismus des 19. Jahrhunderts, will aber zugleich allgemein gültige Verhältnisse und Dynamiken aufzeigen. Das bedeutet: Auch im Begriff des Proletariats ist eine Dynamik enthalten. Die Gleichgültigkeit gegenüber jeder bestimmten Form der Arbeit muss sich durch den historischen Prozess permanent verstärken. Zu behaupten, Marx würde eine bestimmte Form der Arbeit, etwa die Industriearbeit, als die eigentliche, der kapitalistischen Produktionsweise entsprechende definieren, widerspricht sowohl der Logik seines Ansatzes als auch zahllosen Passagen seines Werks. Ich kann hier nicht ins Detail gehen, sondern nur darauf verweisen, dass etwa bei der Definition der wertbildenden, abstrakten Arbeit die „Leichtigkeit aus einer Arbeit in die andre übergehn“ (MEW 42; 38) gesellschaftlich-geschichtliche Voraussetzung für diese Kategorie ist; ebenso beruht der Mechanismus des Augleichs der Profitrate auf der „Gleichgültigkeit des Arbeiters gegen den Inhalt seiner Arbeit. Mögliche Reduzierung der Arbeit in allen Produktionssphären auf einfache Arbeit. Wegfall aller professionellen Vorurteile bei den Arbeitern.“ (MEW 25; 206f) Behaupten die Herausgeber, Marx würde „ein bestimmtes Segment der Weltarbeiterklasse gegenüber anderen Segmenten privilegieren“ (19), so gilt das Gegenteil. Marx war von der tendenziellen Aufhebung der Unterschiede der Lebenssituation der ArbeiterInnenklasse überzeugt. Über die Korrektheit dieser These müsste sehr wohl diskutiert werden. Ich muss an dieser Stelle einen kleinen demagogischen Kniff eingestehen. Die Herausgeber schieben diese Position der Privilegierung der Industriearbeit nicht Marx in die Schuhe, sondern der „Marx’schen/marxistischen Tradition“ (19). Allerdings differenzieren sie nicht zwischen Marx und bestimmten Strömungen der nachfolgenden ArbeiterInnenbewegung. So wie der Text läuft, muss der Eindruck entstehen, die Konzentration auf die fordistisch-industrielle männliche Arbeiterkasse stünde genuin in der Denktradition von Marx.

Durch die Überblendung der Analysen von Marx mit bestimmten Auffassungen der Sozialdemokratie und der kommunistischen Parteien geraten auch die konkreten Beschreibungen der ArbeiterInnenklasse durch Marx (aber auch durch Engels) aus dem Blick. Es ist selbstverständlich, dass der Pol der lebendigen Arbeit, also das Proletariat, jeweils bestimmte soziologisch und historisch beschreibbare Formen annimmt. Anders gesagt: In ihren historischen Studien stellen Marx und Engels das Proletariat eben in der jeweiligen gegebenen Gestalt dar. Engels unterscheidet in seiner Studie zur Lage der arbeitenden Klasse in England sehr genau zwischen der Situation der englischen ArbeiterInnenklasse und jener der MigrantInnen aus Irland. Marx analysiert im Kapital zuerst den Manufakturarbeiter und danach die Arbeitskräfte in der Phase der großen Maschinerie. Der „typische Arbeiter“ im 13. Kapitel des Kapital ist, wenn ich das mit etwas Überspitzung sagen darf, eine Frau oder ein Kind!

Zusammenfassend: Der Begriff des Proletariats bezieht sich auf den Pol der lebendigen, durch das Kapital angewandten Arbeit. Dieser Pol hat unterschiedlichste soziologische, kulturelle, aber auch rechtliche Formen angenommen, welche er permanent verändert. Letztlich, so Marx, müsse das Proletariat als universal einsetzbare Arbeitskraft dem Kapital gegenüber stehen und könne begrifflich gerade nicht mit irgendeiner bestimmten Form, etwa jener der Industriearbeit, identifiziert werden. Diese Form des Kapitalverhältnisses kann sich sogar vom formalen Kauf der Arbeitskraft loslösen, wie die Existenz der Scheinselbständigen in den Metropolen zeigt, die im Grunde mehr oder minder qualifizierte StücklohnarbeiterInnen sind. Wenn wir also einen möglichst breiten und umfassenden Begriff des Proletariats benötigen, finden wir bei Marx dazu alle Voraussetzungen.

Die Herausgeber sind aber offenbar nicht willens, trotz des Formwechsels des Arbeitsverhältnisses die gemeinsame Substanz zu erkennen, die in den Marxschen Definitionen dargestellt wird. Stattdessen unterstellen sie Marx die Identifikation des Proletariats mit bestimmten geschichtlichen Formen. Die vorgeblich enge Marxsche Auffassung des Proletariats wird nun mit der Formel „doppelt freien Lohnarbeiter“ charakterisiert. Diese Formel, von Marx selbst so nicht verwendet, bezieht sich auf folgende Passage: „Zur Verwandlung von Geld in Kapital muss der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei in dem Doppelsinn, dass er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andrerseits andre Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.“ (MEW 23; 183) Die erste Freiheit meint nun nicht mehr oder weniger, als dass die Arbeitskraft Rechtsperson ist. An dieser Stelle wäre eine Diskussion über die Verwirklichung bzw. die Grenzen der bürgerlichen Revolution zu führen. Das kann hier nicht geschehen. Statt dessen einige Anmerkungen:

Marx analysiert das Kapitalverhältnis nicht in seinen möglichen Defiziten, sondern in seiner möglichen emanzipatorischen Gestalt. Er will ja nicht „Missstände“, sondern die unhintergehbaren Strukturen aufzeigen. Die Arbeitskraft als Rechtsperson ist mit den kapitalistischen Verhältnissen vollkommen vereinbar und eine ihrer Voraussetzungen, die sie tendenziell durchsetzt. Marx war bewusst, dass diese Grenzbestimmung in der Realität keineswegs zutreffen müsse. Dazu eine kleine Passage, die zeigt, wie sehr Marx die eingeschränkten Rechte des Proletariats registrierte: „Jeder Arbeiter erhält von der Polizei ein Buch, dessen erste Seite seinen Namen, Alter, Geburtsort, Gewerbe oder Beruf und eine Beschreibung seiner Person enthält“, kommentiert er 1851 die Lage der französischen ArbeiterInnen. „Er ist verpflichtet, den Namen des Unternehmers, für den er arbeitet, darin einzutragen sowie die Gründe, warum er ihn verläßt. Doch das ist noch nicht alles: Das Buch wird seinem Unternehmer übergeben und von diesem, versehen mit einer Charakterisierung des Arbeiters, im Polizeibüro hinterlegt. Wenn ein Arbeiter seine Stellung aufgibt, muß er zum Polizeibüro gehen und dieses Buch holen; er darf keine andere Stelle annehmen, ohne es vorzulegen. Dadurch hängt das Brot des Arbeiters völlig von der Polizei ab. Doch das ist wiederum noch nicht alles: Dieses Buch erfüllt den Zweck eines Passes. Wenn der Arbeiter sich unbeliebt gemacht hat, schreibt die Polizei hinein: „bon pour retourner chez lui“ „gültig für die Heimreise“ und er muß in seinen Heimatort zurückkehren! Die Enthüllung dieser furchtbaren Tatsache braucht keinen Kommentar! Überlassen wir es dem Leser, sich selbst die volle Auswirkung auszumalen und den tatsächlichen Konsequenzen nachzuspüren. Nicht einmal in der Leibeigenschaft der Feudalzeit oder in dem Pariawesen Indiens findet sich eine Parallele.“ (MEW 7; 504f) Diese als individuelles Recht existierende Freiheit ist nur die andere Seite der tendenziellen Überwindung all jener Kasten- und Zunftgrenzen, die das freie Fluktuieren der Arbeitskraft behindern könnten.

Die zweite „Freiheit“ bezieht sich auf die Tatsache, dass das Proletariat nichts besitzt als seine Arbeitskraft und keinerlei andere Einkommensquellen hat. So weit ich sehe, ist es gerade diese Bestimmung, an der sich die Kritik entzündet. Der durch die Herausgeber repräsentierte Ansatz beharrt auf der Bedeutung der Haus- und Subsistenzarbeit und vermeint aus deren Unterschätzung bei Marx eine Kritik seiner Werttheorie ableiten zu müssen. Dass Haus- und Subsistenzarbeit existieren, ist aus Marxscher Perspektive nicht der Punkt. Entscheidend ist, ob das Individuum tatsächlich von dieser Gebrauchswertproduktion leben kann. Anders gesagt: Würde die Haus- und Subsistenzarbeit der Frauen den Männern alle Mittel zu leben produzieren können, wären diese keine Proletarier! Warum sollten sie unter diesen hypothetischen Bedingungen verzweifelt auf den Arbeitsmarkt drängen? Tatsächlich sind die Individuen trotz dieser Gebrauchswertproduktion ihre Arbeitskraft zu verkaufen gezwungen, wollen sie leben und gut leben. Da der Kapitalismus alle Güter in Waren zu verwandeln versucht – ich denke vor allem an Grund und Boden (Miete!) –, ist der Gelderwerb unumgänglich. In der Realität bedeutet der Ausschluss aus der kapitalistischen Verwertungsmaschine Not und Elend, so die Existenz nicht durch sozialstaatliche Transferleistungen abgesichert ist. Keine Haus- und Subsistenzarbeit kann diesen Zwang kompensieren. Die Beraubung der Produktionsmitteln, also die „Freiheit“ von diesen Mitteln, besagt keineswegs, dass es neben der Erwerbsarbeit keine Gebrauchswertproduktion gibt. Diese Formel besagt nur, dass diese ökonomische Sphäre nicht genug Güter erzeugen kann, um davon angemessen zu leben.

Als ob ihre grundlegende Kritik an Marx nicht ausreichend wäre, erweitern die Herausgeber ihre eigentliche Differenz mit Marx um zusätzliche Themen. Als weiterer Konfliktpunkt wird die Marxsche Werttheorie ausgemacht. Primär stützen sich die Herausgeber dabei auf einen Artikel von Thomas Kuczynski mit dem Titel „Was wird auf dem Arbeitsmarkt verkauft?“ Diesen Text möchte ich nicht kommentieren. Inhaltlich besteht seine Argumentation darin, den auf der Hand liegenden Unterschied zwischen dem Verkauf einer Ware und dem Verkauf der Arbeitskraft zu zelebrieren. Dieser Gedankengang ist weder neu noch originell. Es existieren mehrere dutzende Laufmeter Literatur, in denen der Wertbegriff bei Marx endgültig und schlüssig widerlegt wurde. Die Kritik liegt in allen Varianten und Geschmacksrichtungen vor, der Bogen spannt sich von hoch mathematisierten Modellen über allgemein philosophische Einwände bis zur Kritik aus sehr spezifischen Sichtweisen. Die Herausgeber bemerken zur Kuczynskischen Variante: „Der Beitrag Thomas Kuczynskis ist eine rühmliche Ausnahme und demonstriert exemplarisch, dass sich Marx selbst bei den elementarsten Grundbegriffen seines Systems oft widersprach oder verschiedene Lösungsmöglichkeiten ins Auge fasste.“ (13) Dieser sehr selbstbewusst vorgetragene Befund motiviert dazu, ein wenig die Interpretation der „elementarsten Grundbegriffe“ im Vor- und Nachwort zu kommentieren.

Selbstredend ist Marx der fundamentale Unterschied zwischen dem Warenverkauf und dem Verkauf der Arbeitskraft bewusst. Marx wird nicht müde, die Besonderheit des Gebrauchswerts der Arbeitskraft und jene des Arbeitsmarktes zu betonen. „Kann der Austausch seines Teils des Kapitals gegen lebendiges Arbeitsvermögen als ein besonderes Moment betrachtet werden und muss so betrachtet werden, da der Arbeitsmarkt durch andre Gesetze regiert wird wie der Producte market etc.“ (MEW 42; 427) Dass die Arbeitskraft eben keine Ware wie jede andere ist, stellt letztlich die Basis des Klassenverhältnisses dar und wird von Marx auch so entwickelt. Im Gegensatz zu allen anderen Waren produziere die Bourgeoisie, so Marx, diese Ware durchaus auch mit politischen Zwangsmitteln. „Früher macht das Kapital, wo es ihm nötig schien, sein Eigentumsrecht auf den freien Arbeiter durch Zwangsgesetze geltend. So war z.B. die Emigration der Maschinenarbeiter bis 1815 bei schwerer Strafe verboten.“ (MEW 23; 599) Und Marx verallgemeinert: „Wie sehr der Kapitalist das Dasein einer solchen geschickten Arbeiterklasse unter die ihm zugehörigen Produktionsbedingungen zählt, sie in der Tat als die reale Existenz seines variablen Kapitals betrachtet, zeigt sich, sobald eine Krise deren Verlust androht.“ (ebd.) Eigentlich wäre an dieser Stelle eine ausführliche Darstellung des Verhältnisses Kapital – Grundeigentum – Lohnarbeit notwendig, um zu zeigen, wie sehr Marx bereits die bloße Existenz des Proletariats an die politischen Prozesse des Klassenkampfes bindet. Die Existenz des „doppelt freien Lohnarbeiters“ impliziert Prozesse der Gewalt, der Aneignung und ursprünglichen Akkumulationen. Genügt der zwanglose Zwang der Verhältnisse nicht und erweist sich die Arbeitskraft als störrisch und flüchtig, so schlägt das Verhältnis jederzeit in Gewalt um.

Marx wird auch nicht müde zu erklären, der Verkauf der Arbeitskraft zu seinem Wert sei eine kontrafaktische, aber darstellungstechnisch notwendige und mögliche Unterstellung: „In den Abschnitten über die Produktion des Mehrwerts ward beständig unterstellt, dass der Arbeitslohn wenigstens gleich dem Wert der Arbeitskraft ist. Die gewaltsame Herabsetzung des Arbeitslohns unter diesen Wert spielt jedoch in der praktischen Bewegung eine zu wichtige Rolle, um uns nicht einen Augenblick dabei aufzuhalten.“ (MEW 23; 626) Methodisch lassen sich neunundneunzig Prozent aller Missinterpretationen des Werts der Ware Arbeitskraft auf die falsche und einseitige Auffassung zurückführen, auch diese Größe wäre bei Marx ausschließlich durch das Wertgesetz bestimmt. Tatsächlich ist der Klassenkampf ein ebenso bestimmender Faktor.

Der Mangel an Behutsamkeit im Umgang mit den „elementarsten Grundbegriffen“ drückt sich im mehrfachen Gebrauch des Unwortes Arbeitswerttheorie aus. Mit Verlaub: Es existiert bei Marx keine Arbeitswerttheorie in dem Sinne, dass Arbeit unter allen sozialen Verhältnissen abstrakten Wert schaffen würde. Im Gegenteil: Die wertsetzende Qualität der Arbeit bindet Marx strikt an das Kapitalverhältnis. Um dies zu erkennen, sind keine akribischen Studien nötig, es genügt schon das erste Kapitel des Kapitals aufmerksam zu lesen. „Persönliche Abhängigkeit charakterisiert ebensosehr die gesellschaftlichen Verhältnisse der materiellen Produktion als die auf ihr aufgebauten Lebenssphären.“ So kommentiert Marx die vorkapitalistischen Verhältnisse Europas. „Aber eben weil persönliche Abhängigkeitsverhältnisse die gegebne gesellschaftliche Grundlage bilden, brauchen Arbeiten und Produkte nicht eine von ihrer Realität verschiedne phantastische Gestalt anzunehmen.“ Das heißt, sie nehmen keine Waren- und Wertform an. „Sie gehn als Naturaldienste und Naturalleistungen in das gesellschaftliche Getriebe ein. Die Naturalform der Arbeit, ihre Besonderheit, und nicht, wie auf Grundlage der Warenproduktion, ihre Allgemeinheit, ist hier ihre unmittelbar gesellschaftliche Form. Die Fronarbeit ist ebensogut durch die Zeit gemessen wie die Waren produzierende Arbeit, aber jeder Leibeigne weiß, daß es ein bestimmtes Quantum seiner persönlichen Arbeitskraft ist, die er im Dienst seines Herrn verausgabt.“ (MEW 23; 91) Jenseits des Kapitalverhältnisses existiert wohl Mehrprodukt und Mehrarbeit, aber kein Mehrwert. Mit dieser Bestimmung dürften sich auch die Reflexionen über die mögliche Mehrwertproduktion der Sklavenarbeit im Nachwort klären lassen. Wir können sogar von einer Tautologie bezüglich des Wertbegriffes bei Marx sprechen: Da der Wert die dingliche Form des sozialen Kapitalverhältnisses ausdrückt, ist klar, dass jenseits dieses Verhältnisses nicht von Wert gesprochen werden kann und umgekehrt. Die Dimension des Gebrauchswerts stellt eine allgemeine, für jede Gesellschaft gültige Dimension dar, die (Tausch)Wertdimension das Spezifikum des Kapitalismus. Daher verwendet Marx auch den Begriff der Produktivität im doppelten Sinne. Zum einen ist jede Arbeit produktiv, da sie Gebrauchswerte erzeugt. In Bezug auf das Kapitalverhältnis aber gilt: Nur jene Arbeit ist produktiv, die innerhalb dieses Verhältnisses verausgabt wird und dieses Verhältnis selbst produziert. Daher schreibt Marx: „Aus dem Bisherigen geht hervor, daß productive Arbeit zu sein eine Bestimmung der Arbeit ist, die an und für sich absolut nichts zu thun hat mit dem bestimmten Inhalt der Arbeit, ihrer besondren Nützlichkeit oder dem eigenthümlichen Gebrauchswerth, worin sie sich darstellt. Arbeit desselben Inhalts kann daher productiv und unproductiv sein.“ (MEGA II 4.1; 113) Daher ist der Ausdruck Arbeitswertlehre, den es bei Marx selbstverständlich nicht gibt, auch nicht geben kann, irreführend und unpräzise. Ich bin jedenfalls schon sehr auf die im Nachwort angekündigte „dynamische Arbeitswertkonzeption“ (558) gespannt.

Zudem findet sich im Vorwort eine ganze Reihe von Auffassungen, die ich nicht unwidersprochen lassen möchte. Marxens Werk ist weder ein „Steinbruch“ (13), ein Ausdruck, den bereits Jürgen Habermas verwendete, um die Kritische Theorie von Marx zu lösen, noch ein „widersprüchlicher Torso“ (24). Die Analyse des Kapitalverhältnisses, aber auch jene des Verhältnisses des Staates zur Gesellschaft liegt so weit entwickelt vor, dass Generationen daraus ein grundlegendes Verständnis für die gesellschaftlichen Verhältnisse schöpfen konnten und können. Wir können auch nicht zwei Briefstellen, in denen Marx sich gegen eine unmittelbare Veröffentlichung des II. Bandes ausspricht, auf „wissenschaftliche Skrupel über die Stringenz seines konzeptionellen Ansatzes“ hochrechnen, von denen Marx angeblich „gepeinigt“ (12) wurde. Auch der Versuch, die verbreitete MEW-Ausgabe, insbesondere die von Engels herausgegebenen Bände des Kapitals suggestiv als minderwertig gegenüber der in Arbeit befindlichen MEGA-Ausgabe darzustellen, ist nicht haltbar. Ich besitze den dritten Band in beiden Ausgaben: Engels hat eine recht gute und brauchbare Arbeit geleistet. Nach der Auffassung der Herausgeber bin ich aber zu dieser und allen anderen Aussagen zu Marx wahrscheinlich gar nicht befugt, denn: „Nur eine Handvoll von Experten ist heute in der Lage, die Auseinandersetzung mit dem wirklichen Marx’schen Erbe auf der Basis seines nun vorliegenden ungeheuren Werktorsos zu führen.“ (13) Ob ein Aufruf zu einer breiten und offenen Diskussion um die Problematik des Marxschen Werkes derart zu formulieren ist, möchte ich dahingestellt lassen.

Angesprochene Literatur und Sigel:

  • MEW = Marx Engels Werke, Berlin 1960ff
  • MEGA = Marx Engels Gesamtausgabe, Berlin 1988
  • MEGA II 4.1, Karl Marx „Ökonomische Manuskripte 1863 – 1867, Teil 1“
  • MEW 23, Karl Marx, „Das Kapital“ Band I
  • MEW 25, Karl Marx, „Das Kapital“ Band III
  • MEW 42, Karl Marx, „Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie“
  • MEW 7, Karl Marx, „Die Konstitution der Französischen Republik, angenommen am 4. November 1848“ Seite 494 – 506
  • Thompson, Edward E., (1980) „Das Elend der Theorie. Zur Produktion geschichtlicher Erfahrung.“ Frankfurt / New York
  • Van der Linden, Marcel; Roth, Karl Heinz Hg. (2009) „Über Marx hinaus“, Hamburg
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