Streifzüge, Heft 1/2002
März
2002

Schlagt den Moslem, wo ihr ihn trefft?

Wider die platte Einteilung der Welt in Deutsche und Antideutsche

Die radikalen Islamisten seien in gewisser Weise die Wiedergänger der Nationalso-zialisten – diese These vertreten eine Reihe linker oder ehemals linker Persönlichkeiten seit einigen Monaten, im Zusammenhang mit den Attentaten vom 11. September 01 in den USA. Daher, so begründen sie ihre aktuelle Haltung, sollte man sich auch des Protests gegen den Krieg der führenden Mächte der Erde, beispielsweise im Mittleren Osten, besser enthalten. Jedenfalls vorläufig. Denn möglicher Weise sei dieser ja letztendlich genauso das kleinere Übel, wie der Krieg der USA, Großbritanniens und der UdSSR gegen NS-Deutschland in den Jahren 1941 bis 45 die Welt von einer drohenden Barbarei befreite, die noch weit über den imperialistischen „Normalzustand“ hinausging. Durch die ins Zentrum gerückte Charakterisierung des Islamismus durch die – oft alleinige – Vokabel „antisemitisch“ wird suggeriert, dass sich in der heutigen Situation Parallelen zur damaligen Weltlage im Angesicht des NS finden ließen. Auf wenig menschenfreundliche Züge in der Politik und/oder Kriegsführung der USA hinzuweisen, erscheint daneben als nachgerade vernachlässigenswerte Restgröße.

In ein wenig nuancierter Form, und auf nicht ganz so platte Art wie in der Zeitschrift Bahamas, führt eine solche Herangehensweise Matthias Küntzel in jüngeren Ausgaben von konkret und Jungle World vor Augen. Dabei sichert sich der Autor zwar ab und baut mehrfach Formulierungen wie „nicht identisch, aber gleichwohl ähnliche Züge aufweisend“ und „nicht gleichzusetzen, aber vergleichbar“ in seine Argumentation ein. An mancher Stelle lässt er auch ein gewisses Maß an Unsicherheit gegenüber der – im Endeffekt von ihm eingenommenen – Position durchblicken. Dies hebt ihn in fast sympathischer Weise ab von den aggressiv-durchgeknallten Verlautbarungen der Gruppe um die Bahamas, die ohne weiteres Federlesens alle Linken exkommunikiziert, die nicht gänzlich auf ihrer Linie sich zu befinden wagen. [1] Dennoch bilden seine Argumente einen gedanklichen Zusammenhang, der es wert ist, näher unter die Lupe genommen zu werden. Die folgenden Zitate stammen überwiegend aus Küntzels Artikel in konkret 11/2001; in Jungle World vom 23. Januar 02 nimmt er auf vorsichtigere und mehr implizite Weise Stellung, um die seit vergangenem Herbst in konkret mehrheitlich vertretetenen Positionen zu kritisieren.

Die strukturelle Welteinteilung bei Küntzel kommt in jener Passage zum Vorschein, in der er zu begründen versucht, worin „die jetzt“ – also zwischen dem 11. September 01 und dem Beginn der Bombardierungen im Mittleren Osten [2] – „besonders enge Kooperation zwischen Washington und London vermutlich (…) auch ihren Grund“ habe, nämlich nicht in einer traditionellen Sonderbeziehung zwischen zwei Großmächten, die seit längerem als special relationship ihren Namen hat und bereits bei anderen internationalen Waffengängen zu Tage trat, sondern in den hehren bürgerlich-liberalen Idealen, die Küntzel als „die britische und US-amerikanische Vorstellung vom Individuum als politischem Subjekt“ präzisiert – welche dem islamistischen ‚Identitätswahn‘ und der ‚Doktrin der Deutschen‘ diametral entgegenstehe. Damit würde die Einteilung der Welt in „Deutsche“ (im Geiste) und „Antideutsche“, vulgo Antisemiten und militante Antiantisemiten, einmal mehr hinhauen.

Diese Sätze belegen vor allem eins: Küntzels völlige Unkenntnis der islamistischen Akteure und ihrer Ideologie. So ignoriert er, dass ausgerechnet London sehr lange als ‚Hauptstadt des europäischen Islamismus‘ gilt. Sämtliche extremistischen Strömungen des internationalen Islamismus hatten dort ganz legal ihren Sitz oder vertrieben von dort ihre Publikationen. Von London aus bekannten sich etwa algerische Islamistengruppen zu den blutigen Massakern in ihrem Land. Und glaubt man den Autoren Jean-Charles Brisard und Guillaume Dasquié in ihrem Ende vorigen Jahres auf Französisch erschienenen (und soeben auch, unter dem Titel Verbotene Wahrheit, auf Deutsch übersetzten) Bin Laden – La vérité interdite, dann stützten sich britische Dienste Mitte der 90er Jahre auf bewaffnete Islamisten bei dem Versuch, den libyschen Staatschef Oberst Khaddafi zu stürzen.

Der algerische Islamistenpolitiker Anouar Haddam wiederum gab seine Erklärungen zu den Gräueltaten seiner Gefolgsleute ausgerechnet in Washington ab. Nicht ohne Grund. Die US-Administration setzte im algerischen Konflikt, bis zum Jahresende 1995, auf eine Machtübernahme der Islamisten in Algerien – die die CIA bereits 1994 fälschlich vorausgesagt hatte. Dieser Machtwechsel wurde vor allem deshalb so energisch befürwortet, um Frankreich aus seinem ‚Hinterhof‘ im Maghreb zu verdrängen. Internationale Politik hält sich eben wenig an bürgerlich-liberale Ideale. Auf die US-Politik im Zusammenhang mit Afghanistan während der 80er und 90er Jahre sei nur deshalb nicht näher eingegangen, um nicht Selbstverständlichkeiten auszuführen.

Vom furor teutonicus zum furor muselmanicus

Doch wenn man Küntzels Analyse des politischen Islamismus folgt, sind solche Zusammenhänge auch gar nicht von Bedeutung. Denn sie besteht vor allem darin, Züge des deutschen Nationalsozialismus in den Islamismus hineinzulesen. Der Mühe, den Islamismus mitsamt seinem gesellschaftlichen Kontext zu analysieren, unterzieht er sich erst gar nicht; er reduziert ihn auf einen einzigen ideologischen Faktor, den Antisemitismus, der die größtmögliche Parallele zur deutschen NS-Geschichte zu ziehen erlaubt.

Küntzel zeigt in konkret anschaulich, wie diese Art der Analyse funktioniert. Sein Artikel beginnt mit Ausführungen von Adolf Hitler, [3] der ‚nicht zufällig‘ die Vernichtung des vorgeblich jüdisch dominierten New York herbeiphantasiert habe. Einige Absätze weiter – am Ende der zweiten Spalte – wird dann der ‚eliminatorische Hass gegen das jüdische New York‘ als einziges Motiv der Attentäter fraglos vorausgesetzt. Ferner ist die Rede von den Anschlägen des 11. September 01 als „bisher monströseste(r) Offenbarung eines erneut auf Vernichtung zielenden Antisemitis-mus“. Worauf zielt die Verwendung des Begriffs „erneut“ in diesem Absatz ab, wenn nicht darauf, einen Wiederholungszwang gegenüber dem historischen Vorbild des NS, eine Neuauflage von Auschwitz zu suggerieren? (Die Zeitschrift Bahamas zieht, in ihrer Nr. 37 auf Seite 24, diese Parallele noch sehr viel direkter : „Es stimmt: Die heutigen Islamisten sind noch nicht so weit. Am 11. September 2001 wurden ‚erst‘ knapp ein Promille – vielleicht weniger – der von den Nazis ermordeten Juden umgebracht …“ Das „erst“ soll in diesem Zusammenhang selbstverständlich suggerieren, dass das Werk – der islamistische Holocaust – bereits begonnen, nur eben noch nicht vollendet sei.)

Andere mögliche Beweggründe, beispielsweise eine wie bescheuert und verzerrt auch immer daherkommende Feindschaft gegenüber den USA als imperialistische Führungsmacht und ihrer Präsenz in der Region, [4] werden schlicht nicht erwogen oder auch nur andiskutiert. Bewiesen wurde der vorab gefasste Gedanke, New York werde – ausschließlich – wegen seines vorgeblich jüdischen Charakters angegriffen, ja bereits mit Zitaten … nicht aus dem ideologischen Umfeld der Täter, sondern von Hitler. Zwar stimmt es, dass Küntzel in den Absätzen davor islamistische Stimmen zitiert; und zwar vor allem Vordenker der ägyptischen „Muslimbrüder“ aus den 30er Jahren und 50er Jahren des 20. Jahrhunderts – einer Bewegung, die in der damaligen Phase, aufgrund ihres Aufstiegs parallel zum europäischen Faschismus auf seinem Zenit, tatsächlich zahlreiche Versatzstücke des Faschismus und Nationalsozialismus explizit rezipiert hatte. Doch es bleibt ebenso zutreffend, dass das Bild von der Vernichtung New Yorks als Antisemiten-Traum in dem Artikel tatsächlich an Ausführungen Adolf Hitlers, der bereits zu Eingang des Textes zitiert wird, aufgehängt wird. Nun darf man getrost davon ausgehen, dass jeder Student welcher Gesellschaftswissenschaft auch immer mit einer solchen Art von „Beweisführung“ – durch großenteils suggestive Analogieschlüsse – bereits im ersten Semester gnadenlos durchfallen würde. Nun haben andere Islamisten schon in den Jahren 1995/96 in Paris mehrere blutige Attentate auf voll besetzte Metro-Züge verübt oder im Januar 1995 in Algier einen voll besetzten Passagierbus in eine rollende Bombe verwandelt, um das Hauptkommissariat der algerischen Hauptstadt zu treffen. Küntzel hätte sicherlich große Mühe, diese Attentate – die dieselbe Qualität hatten wie jenes von New York, also rücksichtslos die Vernichtung einer größeren Zahl nicht persönlich identifizierter Menschen in Kauf nahmen, jedoch quantitativ auf deutlich niedrigerer Stufe angesiedelt waren – vor allem durch einen vorgeblich jüdischen Charakter der getroffenen Orte zu erklären (oder aber nur um den Preis, das antisemitische Gerede von der jüdischen Allgegenwart und Allmacht einen gedanklichen Moment lang für bare Münze zu nehmen).

Nun mag man Matthias Küntzel getrost zugestehen, dass er unter dem emotionalen Eindruck der Anschläge vom 11. September geschrieben hat, welche er als eine Form historischen Bruchs analysiert. So ist im ersten Absatz seines konkret-Textes zu lesen, es sei „beispiellos“, wie am 11. September in New York „Tausende an ihren Arbeitsplätzen (zu) verbrennen“. Dass dies leider so ohne Beispiel nicht ist, dürften die Bewohner jener Städte auf der Erde wissen, die in den letzten Jahren bombardiert worden sind – nur kommt der Tod normalerweise von oben und nicht, wie im Falle New Yorks, unerwartet von der Seite. Doch Matthias Küntzel erkennt am Angriff auf das World Trade Center eine Besonderheit: Vernichtung von Menschen werde als Selbstzweck praktiziert, führte er gegenüber dem Autor dieser Zeilen aus – während man in Kriegen oder „herkömmlichen“ Repressionsmaßnahmen noch die Frage cui bono (Wem nützt es?) stellen könne. Küntzel sieht darin die Nähe zu Auschwitz gegeben. Allein, die Vision von Mohammed Atta im Fliegercockpit der entführten Linienmaschine dürfte aller Wahrscheinlichkeit nach eher jener des Bomberpiloten – der an das in Bälde von ihm getroffene Symbol des „gegnerischen“ Landes denkt und dabei den Tod persönlich unidentifizierter Menschen in Kauf nimmt – ähneln als jener des SS-Manns an der Selektionsrampe im Todeslager, der bewusst über Leben oder Tod eines menschlichen Individuums entscheidet.

Dennoch kann Küntzel nicht der Kritik entzogen bleiben, wenn er – in Form einer Fußnote unter seinem konkret-Text – andeutet, welche praktische Schlussfolgerung in seinen Augen aus den Attentaten vom 11. September (die zweifellos von jedem Linken, der noch halbwegs bei Trost ist, verurteilt werden) zu ziehen sei. Vorsichtig in der Formulierung, plädiert Küntzel dafür, „die kommunistische Politik im Zuge des Zweiten Weltkriegs kritisch zu reflektieren.“ Denn auch wenn islamistischer Extremismus und NS nicht identisch seien, so stellte sich doch „für die damalige Linke ein vielleicht vergleichbares Problem“, was mit anderen Worten bedeutet, dass das heutige Problem mit der damaligen Lage vergleichbar sei. Dieses Problem – so heißt es in der Fußnote mit Bezug auf den NS und im Text im Hinblick auf den radikalen Islamismus – bestehe darin, die imperialistischen Führungsmächte nicht deswegen zu kritisieren, weil sie ihre Gegner verfolgen, sondern „weil sie diese nicht zielgenau und konsequent genug verfolg( en)“. In der Situation Anfang Oktober 2001 bedeutete dies – objektiv – zweierlei: dass erstens ein möglicher Krieg im Namen des Kampfs gegen den Islamismus, der sich damals bereits klar abzeichnete, nicht zu bekämpfen sei; und zweitens, dass es der US-amerikanischen Politik – wie zu befürchten sei – eventuell gar nicht darum gehe, den Islamismus konsequent zu bekämpfen. Zweiteres ist im Ansatz richtig: es trifft zu, dass die US-Außenpolitik den politischen Islamismus nicht so sehr konsequent aushebeln, sondern ihn „zähmen“ und in ihren eigenen Vorherrschaftsanspruch einbinden will (wie am Beispiel Saudi-Arabien). Dafür ist die erstgenannte Aussage eine politische Katastrophe, und symbolisiert das Abdanken linker Politik.

Ferner wäre hervorzuheben, dass die solchermaßen gezogene Paralle zum Zweiten Weltkrieg schon materiell jeglicher Grundlage entbehrt. Denn niemand könnte ernsthaft behaupten, der Krieg gegen das industriell und militärisch hochgerüstete NS-Deutschland – mitsamt seiner kontinentalen Machtbasis – sei auch nur im Ansatz vergleichbar mit jenem gegen das Vierte-Welt-Land Afghanistan. Letzteres wurde dann ja auch in knapp zwei Monaten überrannt – und dies dauerte auch nur deshalb so lange, weil die USA ihre ABC-Massenvernichtungswaffen nicht zum Einsatz kommen ließen.

Islamismus und NS: Bedeutende Unterschiede

Die von Küntzel vorausgesetzte Behauptung, dass der Antisemitismus nicht nur das zentrale Motiv des Nationalsozialismus, sondern auch des Islamismus sei, ist in dieser schlichten Form unhaltbar. Dies bedeutet natürlich nicht, dass die Feststellung falsch sei, wonach viele Formen des politischen Islamismus auch eine mal mehr, mal weniger ausgeprägte Judenfeindschaft befördern. Und es bedeutet auch nicht, einen politischen Kompromiss mit dem Gesellschaftsprojekt des Islamismus zu befürworten: Ein solcher ist, diesen Gedanken verficht jedenfalls der Autor dieser Zeilen, nicht möglich (denn ein sich direkt auf das „Wort Gottes“ berufender politischer Diskurs kann per se keine Widerrede dulden und ist daher in seinem Wesenskern potenziell „totalitär“ – in diesem Fall trifft der umstrittene und ansonsten als moderner Kampfbegriff gebrauchte Term zu, zumal der konsequent verstandene Islamismus sich alle Lebensbereiche unterzuordnen sucht). Und falls er es wäre, dann wäre er nicht wünschenswert.

Das Hauptmotiv des radikalen Islamismus ist die Vorstellung, die Krise der muslimischen Gesellschaften sei durch eine Rückkehr zu einer vermeintlich verschütteten ‚kulturellen Identität‘ zu lösen. Von einer absolut realen Erfahrung dieser Gesellschaften ausgehend, nämlich der – im kollektiven Gedächtnis eingespeicherten – kolonialen Agression, interpretiert der Islamismus unterschiedliche Phänomene der heutigen Gesellschaftsformationen durch sein ideologisches Raster.

Von der Massenarmut bis zur Emanzipation der Frauen und der Jugend werden die (teilweise durch den Imperialismus und die Ungleichheit der weltwirtschaftlichen Strukturen, teilweise durch den Übergang von traditionellen zu moderneren Sozialbeziehungen zu erklärenden) Verwerfungen und Umwälzungen auf eine aus-schließliche Ursache reduziert. Nämlich auf die westliche Agression, die aber als solche nicht herbei halluziniert ist, sondern in einer bestimmten Form tatsächlich existiert. Auf diesen realen Kerngehalt werden dann die angenommenen Ursachen unterschiedlicher Frustrationen aufprojiziert. Dies ergibt eine höchst brisante Mischung aus – im Kern nachvollziehbarer – Denunzierung imperialistischer Dominanz, verschwörungstheoretischer Halluzination und reaktionärem Gesellschaftsprojekt.

Doch ein bedeutender Unterschied zum NS-Antisemitismus ist evident. Dieser zielte darauf ab, die gesellschaftliche Krise der dreißiger Jahre zu lösen, indem die jüdische Bevölkerung zur Vernichtung bezeichnet wurde. Wer hingegen dem ‚Herrenvolk‘ angehörte, sollte besser leben. Im islamistischen Gesellschaftsprojekt gibt es keine solche ‚Herrenrasse‘. Im Gegenteil, niemand hat so sehr unter einem islamistischen Regime zu leiden wie die muslimische Bevölkerung. Denn wodurch haben die existierenden islamistischen Regime – im Iran, in Saudi-Arabien und bis vor kurzem in Afghanistan – denn die internationale Aufmerksamkeit auf sich gezogen? Vor allem durch die zahlreich verhängten körperlichen Züchtigungsstrafen, die insbesondere den Muslimen selbst einbläuen sollen, ihrer vorgeschriebenen ‚Identität‘ treu zu bleiben.

Hinzu kommt, vor allem in der Anfangsphase islamistischer Regimes, eine oftmals blutige „Säuberung“ der Gesellschaft von so genannten inneren Feinden – wie Linken, lästigen Intellektuellen und Feministinnen (In Algerien haben dies aus der Opposition heraus operierende, bewaffnete Gruppen bis zu einem gewissen Grad ebenfalls vermocht oder jedenfalls versucht). Diese Vision vom „Reinigungsbad“, das der muslimischen Nation zu ihrer ursprünglichen und später geraubten „Identität“ zurück verhelfen soll, weist tatsächlich faschismusähnliche Züge auf. Doch lassen sich hier Parallelen eher zur Verfolgung politischer Opposition bspw. in den Anfangsjahren des NS-Regimes ziehen als zum späteren Vernichtungsprogramm für die jüdische Bevölkerung. Denn die Repression setzt hier nicht an der innersten „biologischen“ Qualität des Individuums an, sondern an seinem (politischen oder gesellschaftlichen) Verhalten – das es entweder aus Furcht vor dem Terror ablegen, oder unter hohem Risiko beibehalten kann.

Auch in einem anderen Aspekt stimmt der NS-Antisemitismus mit dem des Islamismus nicht überein. Im Nationalsozialismus gab es keine Möglichkeit für einen Juden, seiner ‚Natur‘, seiner ‚Rasse‘ zu entrinnen. Ein jüdischer SS-Mann war nicht vorstellbar. Doch selbst die extremsten Fraktionen des radikalen Islamismus, wie al-Qaida, haben durchaus ehemalige Andersgläubige in ihren Reihen: im Erwachsenenalter zum Islam konvertierte (weiße) Franzosen oder US-Amerikaner. Die These, die Haltung der radikalen Islamisten gegenüber den Bewohnern der USA sei vergleichbar mit dem Verhältnis der Nazis gegenüber den Juden, trifft nicht zu.

Aus den oben genannten Gründen dient der Islamismus auch imperialistischen Mächten, beispielsweise den USA, in manchen Situationen als willkommenes Instrument der Krisenvewaltung, das für „Stabilität“ in den zu kontrollierenden Ländern sorgt. Am Beispiel Saudi-Arabiens machen die USA das seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts vor. (Und die militante Sekte Al-Quaida bildet ja unter vielen Gesichtspunkt gewissermaßen einen radikalisierten Flügel dieses saudischen Modells: den eklatanten Widerspruch zwischen dem Diskurs – Wasser predigen sie – und der Realität der saudischen Petromonarchie – den Wein saufen sie – nicht mehr ertragend, hat dieser sich abgespalten, um nunmehr die ideologischen Ansprüche des Saudi-Systems gegen die eigenen Taten der Führungsleute einzuklagen.)

Prinzipielle Voraussetzung dafür ist natürlich, dass der Islamismus eigene politische Ansprüche nach außen hin, auf internationaler Ebene, zurückschraubt und sich auf eine „Moralisierung“ der von ihm beherrschten Länder eingrenzen lässt – oder aber eine pro-westliche Außenpolitik betreibt. Die US-Politik unterscheidet daher auch zwischen einem nach außen hin pro-westlichen und daher ungefährlichen Islamismus einerseits und dem „gefährlichen“ Islamismus, etwa dem iranischen „Modell“ der 80er Jahre, andererseits. (Dabei sind die störenden Züge an letzterem – etwa die Markteinbußen für die US-Amerikaner – aber vielleicht gar nicht hauptsächlich auf das islamistische Projekt zurückzuführen, sondern zumindest teilweise auf die Überreste der Resultate eines revolutionären Bruchs mit dem vorangehenden Regime und einer Massenerhebung, deren Ergebnisse die islamistische Reaktion noch nicht restlos zurückschrauben konnte.) Und selbst im iranischen Falle sollte man zwischen demagogischer Kritik – die in der Realität eher der „Eindämmung“ und Gefügigmachung eines nicht grundsätzlich verworfenen Regimes dient – und realer Gegnerschaft unterscheiden.

Übrigens hat auch die israelische Politik diesen Faktor mitunter gern ausgespielt. Hat doch etwa der damalige Verteidigungsminister Ariel Sharon in den Jahren 1981 und 1982 ernorme Waffenlieferungen an die Islamische Republik Iran veranlasst, zum Teil auf Ansporn der USA hin – im Rahmen dessen, was fünf Jahre später Irangate heißen sollte. Natürlich ging es damals auch darum, dass sich die im Krieg befindlichen Nachbarstaaten Iran und Irak so lange und so gründlich wie möglich gegenseitig abschlachten sollten, um für Ruhe in der Region zu sorgen. Selbstverständlich kann sich diese, auf Repression im Inneren der muslimischen Gesellschaft ausgerichtete, tiefste Natur des islamistischen Projekts in der politischen Praxis mit chauvinistischen Elementen und verschwörungstheoretischen Elementen mischen. Das tut es im Übrigen nicht allein (und vielleicht nicht einmal vorrangig) im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, auch wenn dieser möglicherweise die Sekte Al-Quaida stärker prägen mag als andere Strömungen. Andere Beispiele – in denen der internationale Islamismus mindestens ebenso viel Gewalt entlädt – sind Bosnien, Kaschmir, der Südsudan und die von Kopten bewohnten Regionen Ägyptens.

Wer die Ursachen des gesellschaftlichen Erfolges des Islamismus, jener Mischung aus zu Recht kritisierten gesellschaftlichen Bedingun-gen und reaktionärem Wahn, nicht richtig analysiert und stattdessen militärische Lösungen fordert – wie die intellektuelle Terrorsekte ‚Bahamas‘ dies tut – könnte dazu beitragen, die reaktionäre Utopie noch zu bestärken. Der Krieg der US-geführten Allianz gegen den Irak von Anfang 1991 hat, ebenso wie zuvor die sowjetische Invasion in Afghanistan, der islamistischen Schein-Alternative in der gesamten Region zu neuer Legitimität verholfen: als scheinbarer Repräsentant des Widerstandes gegen eine äußere Unterdrückung.

Leidige Konsequenzen

Zum Abschluss sei daran erinnert, dass an einem Ort, der „Antideutschen“ gewöhnlich als ein in ihrem Sinne „politisch zivilisiertes Land“ gilt – nämlich in Frankreich und genauer in seiner Hauptstadt Paris – zur Jahresmitte 1995 Sprengsätze zuerst in einem vollbesetzten Vorortezug explodierten, die zahlreiche Menschen verletzten oder töteten. Das als seriös geltende Flaggschiff der französischen Presse, die Pariser Abendzeitung Le Monde, berichtete am 7. Oktober 1995 über einige der Ursachen dieses zum Teil hausgemachten, da aus den Trabantenstädten (Banlieues) entstandenen, Terrors. Denn eine gute Woche zuvor war der 25-jährige Khaled Kelkal, der als einer der Urheber der Attentate galt, durch die französische Polizei erschossen – genauer, am Boden liegend hingerichtet – worden. Le Monde waren Dokumente eines (deutschen) Soziologen zugespielt worden, die den individuellen Werdegang Kelkals zu begreifen halfen. Die Zeitung versah diese Analysen, in einer Bewegung tiefer Selbstkritik der französischen Gesellschaft, mit einem Kommentar unter der Überschrift: „Khaled Kelkal, Opfer des alltäglichen Rassismus.“

Dies mag nun als Analyseraster nicht für jeden individuellen Werdegang gleichermaßen zutreffen. Doch hätte die Pariser Zeitung damals die Argumentationsmuster Küntzels und anderer „antideutscher“ Linker beherzigt, dann hätte sie getitelt: „Die SS-Nachfolger aus den Banlieues“ und „Die Nachahmer von Auschwitz tragen algerische Namen“. Es braucht nicht näher geschildert zu werden, welche Politik dadurch im einen wie im anderen Fall legitimiert werden kann. Den Rest darf sich jede und jeder selbst ausmalen.

[1Bspw. ist in Bahamas Nr. 37 auf Seite 60 über den Verfasser dieser Zeilen zu erfahren, er gehöre zu jenen „schreibenden Charaktermasken“, die – in Bezug auf Algerien – „spätestens seit 1990 immer auf Seiten der Mörder zu finden“ seien, „weil jede Empathie mit den wirklichen oder pro-spektiven Ermordeten als unannehmbar zurück-gewiesen wird“. Ein Kommentar erübrigt sich.

[2Matthias Küntzel hat den Autor dieser Zeilen darauf aufmerksam gemacht, dass sein Artikel – der im November 01 in konkret erschien – auf-grund des Redaktionsschluss-Datums (4. Okto-ber) kurz vor Beginn der Bombenflüge am 7. Oktober 01 geschrieben worden sei. Freilich haben zu dem Zeitpunkt die meisten Beobach-ter den Krieg im Mittleren Osten bereits als kurz bevorstehend bezeichnet.

[3Küntzel hat den Verfasser dieser Zeilen mit Vehe-menz darauf hingewiesen, er zitiere doch gar nicht Adolf Hitler in seinem konkret-Text, son-dern allenfalls Alfred Speer. Tatsächlich zitiert er – im zweiten Absatz seines Artikels in konkret 11/2001 – Adolf Hitler durch den Mund des NSDAP-Politikers Alfred Speer, welch letzterer Hitlers mündliche Ausführungen in Partei- oder Führungskreisen wiedergibt und zusammenfasst.

[4Tatsächlich sind die Vorwürfe, die islamistische Aktivisten an die Adresse der USA richten, auf mehreren Ebenen angesiedelt. Die Unterstüt-zung der USA und sich um die Juden rankende Verschwörungstheorien spielen dabei – neben anderen Faktoren – auch eine gewisse Rolle, aber die islamistische Vision der USA (oder „des Westens“ schlechthin) erschöpft sich darin nicht. Namentlich spielt eine Rolle, dass die USA in der Region militärisch und ökonomisch präsent, ja dominant sind und dass das vom Westen reprä-sentierte Wirtschaftssytem die Gesellschaften dort ruiniert. Daneben wird vorgebracht, dass die westlichen Länder ihre eigene Religion – das Christentum, mit dem der Islam ja auskommen könne – verraten hätten und „keine Werte mehr kennen“ oder dass es im Westen verrucht hergeht und dass „die Leute dort auf der Straße ficken“, ein häufig forumulierter Vorwurf. Ferner spielt eine Rolle, dass die USA das saudische Königs-haus und damit eines der verlogensten, miesesten und korruptesten Regimes des Planten unter-stützen. Alles in allem handelt es sich also um eine Gemengelage aus Richtigem, Falschem bzw. Reaktionärem und Wahnvorstellungen.

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