Heft 7/2002
Dezember
2002

Mitleid für Hitler

Der überwältigende Erfolg von Georges Taboris Mein Kampf in der Meldemannstraße

Mit den Farcen von George Tabori verhält es sich wie mit der Dreigroschenoper von Brecht und Weill. Ihr Erfolg beim Publikum überwältigt sie – für jede ihrer Inszenierungen aber ist entscheidend, was sie der Überwältigung entgegensetzen kann. Der Ort, den sich die jüngste Aufführung von Taboris Mein Kampf (Regie: Hubsi Kramar und Tina Leisch) gewählt hat, bietet für diesen Kontrapunkt an sich günstige Voraussetzungen: das Männerheim in der Meldemannstraße, von dem auch einige Bewohner als Randfiguren der Handlung mitspielen. Aber sie kommen der Verfremdung nicht zugute, denn die Mechanismen der Identifikation werden nicht gestört: Ort und Darsteller geraten der Inszenierung zum Milieu, mit dem das Publikum, das sich hier einfindet, ohnehin sympathisiert. Nur in einzelnen, nahezu improvisierten Auftritten wird das surrealistische Potential sichtbar; das professionelle Komödienspiel jedoch, das Taboris Text verwendet, bleibt davon weitgehend unbeeindruckt.

Hannah Fröhlich hat in ihrer Kritik das Wesentliche gesagt: die Produktion ist “nur zum Lachen (..) aber beklemmend ist sie nie.” (Augustin Nr. 105/2002) So erweist sich vor allem die Darstellung Herzls gutgemeint im schlechtesten Sinn: Alexander Waechter fühlt sich ein und das Publikum fühlt mit. Darin geht der Abstand zu jenen stereotypen Verhaltensweisen verloren, die Tabori vorführen möchte – und die zu distanzieren, ohne sich von ihnen zu distanzieren, die Intention seines Witzes wäre. Handelt es sich bei dem publizierten Text des Stücks um eine Übersetzung, die Jargon und Dialekt meist vermeidet (die Rede eher norddeutsch als wienerisch einfärbt), und steht Tabori dem Wiener Dialekt überhaupt ziemlich fremd gegenüber, so ist Herzls Rede in dieser Interpretation eine bewußte Mischung aus Wiener Dialekt und Anklängen ans Jiddische. Auch dadurch wird die Figur dem Publikum zu nahe gerückt: Es entsteht eine falsche Intimität – eine, die dem Gemeinschaftsgefühl der Schuldabwehr, wie es hierzulande die Generationen vereint, überaus entgegenkommt.

Die Einfühlung macht auch vor der Darstellung Hitlers nicht halt, der doch von Tabori als Vernichtungs-Maschine angelegt ist, so lächerlich wie gefährlich, unerreichbar für jede Regung – eine absolute Kunstfigur, die jenen Antisemitismus verkörpert, dem sich Herzl überall konfrontiert sieht. In ihrer Replik auf die Kritik von Hannah Fröhlich schreibt die Regisseurin: “Wir haben uns bemüht, in der Inszenierung Herzl und dem Publikum echtes Mitgefühl mit dem an der Akademie gescheiterten, mit den von den Mitbewohnern verlachten, mit dem Nichtweinenkönnenden einzuflößen (...). Nicht die Identitätskrise des jungen Hitler im Männerwohnheim ist erbärmlich und lächerlich und schiach, sondern die menschenverachtenden rassistischen, antisemitischen und nationalistischen Identitätskonstrukte sind es, mit denen er die Krise überwindet.” (Augustin Nr. 105/2002) Mein Kampf ist jedoch alles, nur kein naturalistisches Drama, das den jungen Hitler auf die Bühne bringt, ‚wie er wirklich gewesen ist‘. Als Farce verstanden zeigt das Stück immerhin, daß Hitler als dramatische Person gar nicht rekonstruiert werden kann; daß die Shoah eine solche historisierend humanistische Darstellung unmöglich macht. Statt diese innere Unmöglichkeit der Figur auszuspielen, wird die NS-Geschichte mit Filmprojektion und Musik dokumentarisch herbeigeholt – und damit die surreale Einheit des Ortes, die Tabori wahrt, aufgegeben.

Was hingegen Herzls Freund Lobkowitz am Beginn bereits weiß und Herzl selbst erst am Schluß – die Inszenierung ignoriert es von Anfang bis Ende: Mitgefühl für Antisemiten ist für Juden “lebensgefährlich”. Auf dieser Ignoranz zu bestehen, bedarf es schon der Metaphorik von Tina Leisch: “aus den Scherben von Menschlichkeit, die der Nationalsozialismus hinterlassen hat, das Garn zu spinnen, um damit den zerbrochenen Krug zu flicken”.

Damit ein schöner Theaterabend herauskommt, der die Scherben der Menschlichkeit alle wieder einsammelt, tanzen am Ende Herzl, Hitler und die anderen Figuren zu einem Lied von Mordechai Gebirtig – und das Publikum kann gar nicht anders: Spontan fällt es in ein rhythmisches Klatschen wie beim abschließenden Radetzkymarsch des Neujahrskonzerts. Das ist der reale Surrealismus, wie ihn eine Gemeinschaft hervorbringt, die sich ihres Ursprungs nicht bewußt werden darf. Wer ihn sichtbar macht, wie Hannah Fröhlich, hat mit entgleisenden Reaktionen zu rechnen – so warf Hubsi Kramar der Kritikerin eine „verhetzende Antisemitismuskeule“ (Augustin Nr. 106/2002) vor. Unfreiwillig gibt sich im finalen Tanz mit dem Publikum (das Gegenteil des nach innen gewandten Schlusses bei Tabori) zu erkennen, daß die Vergangenheit der Opfer immer nur unter dem Gesichtspunkt falscher Versöhnung erinnert werden kann, solange mit dem Land der Täter nicht gebrochen wird.

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Daten
Titel: Mein Kampf
Gattung: Groteske
Originalsprache: Englisch
Autor: George Tabori
Erscheinungsjahr: 1987
Uraufführung: 5. Mai 1987
Ort der Uraufführung: Akademietheater des Wiener Burgtheaters
Ort und Zeit der Handlung: Männerasyl in der Blutgasse in Wien 1910
Personen
  • Adolf Hitler
  • Schlomo Herzl
  • der Koch Lobkowitz
  • Gretchen
  • Frau Tod
  • Himmlischst

Mein Kampf ist ein in Form einer Groteske im Jahr 1987 inszeniertes Theaterstück von George Tabori, das die (relativ frühen) „Wiener Jahre“ Adolf Hitlers als Bewohner eines Männerwohnheims in der Hauptstadt Österreich-Ungarns vor dem Ersten Weltkrieg zum Thema hat (historisch angesiedelt etwa zwischen 1907 und 1913). In Taboris Stück wird die Entwicklung Hitlers vom erfolglosen und unbedarften Aspiranten eines Kunststudiums zum antisemitischen Demagogen und späteren despotisch herrschenden Diktator in einer zugespitzt-sarkastischen Weise interpretiert.

Tabori führte Regie bei der Uraufführung des Stückes am 5. Mai 1987 im Akademietheater des Wiener Burgtheaters. Er spielte außerdem in der Uraufführung die Rolle des Koches Lobkowitz. Das in englischer Sprache geschriebene Stück wurde von Ursula Grützmacher-Tabori ins Deutsche übersetzt.

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Stück spielt 1910 in einem Männerasyl in der Wiener Blutgasse. Der junge, untalentierte Zeichner Adolf Hitler kommt nach Wien, um Kunst zu studieren. Er trifft auf die Juden Schlomo Herzl und den Koch Lobkowitz. Herzl und Hitler freunden sich an. Der kluge Buchhändler Schlomo Herzl arbeitet an einem Roman, der den Arbeitstitel Mein Kampf trägt. Als Hitler vom Aufnahmegremium der Wiener Kunstakademie abgelehnt wird, tröstet ihn Herzl. Hitler erfährt zum ersten Mal in seinem Leben so etwas wie Zuneigung. Herzls Fürsorge für den traurigen Mann, der nie in seinem Leben geweint hat, geht sogar so weit, dass er ihn zu einer neuen Karriere führt, mit fatalen Folgen für die Weltgeschichte. Der Jude bereitet Hitler auf ein Leben als Politiker vor und überlässt ihm sogar den Titel seines Romans, damit Hitler ihn für seine politische Schrift verwenden kann. Schließlich verwandelt Herzl ihn auch äußerlich in den Adolf Hitler, den die Geschichtsschreibung kennt.

Theater[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Audio[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Werk wurde 2002 vom Wagenbach-Verlag als Hörspiel herausgebracht. Der Autor George Tabori ist auf der Audio-CD in der Sprecherrolle des Schlomo Herzl zu hören. ISBN 3803140684

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Film frei nach dem Theaterstück wurde 2008 mit Tom Schilling als jungem Hitler, Götz George als Schlomo Herzl und Bernd Birkhahn als Lobkowitz unter der Regie des Schweizers Urs Odermatt von Schiwago Film, Dor Film und Hugofilm produziert. Der Film kam am 26. März 2011 in die deutschen Kinos, fiel jedoch bei der deutschsprachigen Kritik weitestgehend durch.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Sinéad Crowe: Religion in contemporary German drama. Botho Strauss, George Tabori, Werner Fritsch, and Lukas Bärfuss. Camden House: Rochester, N.Y. 2013
  • Mirjam Erdem: Sigmunds "Freude" und der jüdische Witz im 20. Jahrhundert. Univ. Wien, Dipl.-Arb., Wien 2010
  • Alice Huth: In meiner Geisterstunde. Intertextualität und Gedächtnis in Werken von George Tabori. Tectum, Marburg 2008
  • Matthias Kieber: Taboris AuschWitz. Witz und Komik in George Taboris Stücken "Mutter Courage" und "Mein Kampf". Univ. Wien, Master-Arb., Wien 2012

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dortmund hatte sich die Erstaufführungsrechte gesichert, aber wegen einer Verzögerung wurde am 25. November 1987 eine Aufführung in dem kleinen Singener Theater „Die Färbe“ zur tatsächlichen Premiere in Deutschland, vgl. Johannes Bruggaier, „Wie die Singener "Färbe" 1987 zur deutschen Premierenstätte von Taboris "Mein Kampf" wurde.“ Südkurier, 23. April 2018
  2. Christine Dössel: Theaterinszenierung in Konstanz – Von wegen Nazi; Artikel in der Süddeutschen Zeitung (online sueddeutsche.de) vom 18. April 2018
  3. Homepage des Münchner Volkstheaters[1]
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